In ihrem neuesten Roman „Oben Erde, unten Himmel“ zeigt Milena Michiko Flašar mit morbidem Humor und viel Feingefühl, was es bedeuten kann, wenn ein Leben zu Ende gegangen ist – und was bleibt, wenn ein Körper gestorben ist.
Die Geschichte lehrt uns, warum es sich beim Abschied um eine gemeinschaftliche Erfahrung handeln sollte – und wie wertvoll und schön die unsichtbaren Räume und Individuen in unserem unmittelbarem Umfeld für die Heilung unserer einsamen Seelen sein können, wenn wir uns nur trauen würden, auf sie zuzugehen.
Milena Michiko Flašar, geboren in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihre Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt.
Der Roman „Oben Erde, unten Himmel“ handelt von einer jungen Frau, die in einer japanischen Großstadt ein durchschnittliches Leben führt. Alleinstehend, mit Hamster – so würde Suzu sich selbst beschreiben. Und obwohl sie ab und zu auf Dating Apps nach einer menschlichen Bindung sucht, fühlt sie sich in ihrer Einsamkeit eigentlich recht wohl.
Bis ein neuer, äußerst ungewöhnlicher Job Suzus Welt gänzlich auf den Kopf dreht.
„Obasute nannte man das Wegwerfen der Alten.„(236)
Die Vereinsamung des Individuums an sich und der einsame Tod als Phänomen beschreiben in Japan keine Einzelfälle. Zahlreiche Senioren – immer mehr – sterben alleine, in Einsamkeit, und niemand erfährt davon. Da die Nachbarn den Todesfall meist erst lange nach dem Tod merken – und die Polizei erst rufen, wenn es wärmer wird und das organische Material bereits stark verwest, ist das Aufräumen und Reinigen der menschlichen und materiellen Hinterlassenschaft psychologisch und physisch äußerst belastend.
Suzu stellt sich der Herausforderung. Zunächst nur, weil sie keine andere Wahl hat…
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Am Rande lernen Lesende, dass Suzu bereits in jungen Jahren an das Okkulte gebunden ist: Sie sieht ihren Großvater kurz nach seinem Tod mehrmals bei ihrer Großmutter auftauchen und dort verweilen – während die Großmutter selbst ihn nicht wahrnimmt (141).
Herrn Sakais Putztrupp, zu dem Suzu nun gehört, ist spezialisiert auf Kodokushi-Fälle. Suzu fügt sich zunächst widerstrebend in die neuen Aufgaben. Sie ist sich nicht sicher, ob es wirklich der Job für sie ist, denn es braucht Geduld, Ehrfurcht und Sorgfalt – außerdem einen robusten Magen.
Doch Herr Sakai, der sich als Kleister des gesamten Putztrupps erweist (und argumentativ die interessanteste Figur und das Herzstück des gesamten Buchs ist), lehrt Suzu mit Nachsicht und Sorgfalt das Einzigartige und vor allem das Wertvolle daran, anderen diesen letzten Dienst erweisen zu können.
„Stattdessen breitete sich
eine tiefe Zufriedenheit in mir aus.
Ich brachte jemandes Dinge in Ordnung.
Da er es selber nicht tun konnte,
tat ich es für ihn.
Darum ging es.“(161)
Obwohl Suzus Perspektive als Protagonistin des Romans meist im Vordergrund steht, lernen Lesende im Laufe des Romans sowohl über das Leben und die Motivation des Herrn Sakai als auch einiges über Suzus Kollegen, die allesamt über ein komplexes und faszinierendes Innenleben verfügen und ordentlich persönliches Gepäck mitbringen. Das Personal und die figurenpsychologische Vielfalt sind im Allgemeinen sowie im Besonderen äußerst gelungen.
So morbide der Stoff von „Oben Erde, unten Himmel“ auch ist, füllt Michiko Flašar ihr Buch ebenso gekonnt mit zahlreichen humoristischen Episoden. Beispielsweise besteht Verdacht, dass Suzus Hamster Punsuke sich in ein Hikikomori verwandelt (ein gewollt antisoziales Individuum, welches die eigene Wohnung monatelang nicht verlässt), wie extensive Internet-Recherchen ihr zu bestätigen scheinen (172). Bis ein überraschender Vorfall Suzu enger an einen Kollegen bindet und die entsprechenden Ereignisse auch Punsuke dazu veranlassen, wieder aus seinem Versteck in der hintersten Ecke des Käfigs zu kommen.
Zudem nimmt Suzu sich nach und nach Zeit, ihre Nachbarn kennenzulernen. Das ältere Ehepaar spielt als zwei einander anschreiende unsichtbare Stimmen seit ihrem Einzug eine erhebliche Rolle in ihrem Alltag – doch nun zeigt sie freundliche Neugier, erforscht die Alltagswelten der neben ihr lebenden Menschen und schließt Freundschaften.
Dank der neuen Dynamiken eröffnen sich nicht nur Herzen, sondern Perspektiven – andere unmittelbare Räume in ihrem Umfeld, die sie über Jahre hinweg nicht näher erforscht oder betreten hatte, entfalten sich und bieten forschenden Blicken wunderschöne, gefühlsintensive Szenen und Aussichten. Die Suzu wiederum mit anderen teilt.
„Seit ich für Herrn Sakai arbeite,
halte ich es für möglich,
ihn unter den Kodokusha zu finden,
und so wenig ich mir das wünsche,
ich wäre gerne da,
wenn es so weit wäre.“(209)
Milena Michiko Flašar gelingt mit „Oben Erde, unten Himmel“ ein wunderbares Panorama der menschlichen Verletzlichkeit. Mit Feingefühl, Humor und Präzision entwirft sie eine Erzählwelt, in der Tod und Verwesung zwar dasjenige sind, was die Handlung voranbringen – die jedoch in ebenso großen Teilen aus Sorgsamkeit, Zuneigung und schlichter Schönheit besteht.
Meinerseits spreche ich für diesen Roman eine starke Leseempfehlung aus.

Bibliografie
Titel: Oben Erde, unten Himmel
Autor*in: Milena Michiko Flašar
304 Seiten | 26,00 € (D)
Erscheinungsdatum: 02.02.2023
Verlag: Wagenbach
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