Gabriele Kögl: ‘Gipskind’

Gabriele Kögl hat mit Gipskind (2020) einen Roman geschrieben, der brutal und liebenswert, ungewöhnlich und universal zugleich ist.

Das Buch kann gelesen werden als Emanzipationsgeschichte, Trauerarbeit und sozialkritisches Kommentar – nicht alle dieser Perspektiven sind sofort auffindbar. Lohnt sich das Lesen?


Die Geschichte des jungen Mädchens wechselt in ihren Anfangsjahren ausschließlich zwischen Bett und Krankenhaus: Andreas X-Beine erlauben ihr weder zu stehen, laufen, noch selbstverständliche Körperfunktionen auszuüben oder eine auf irgendeine andere Art und weise normale Kindheit zu genießen.

Die Eltern, vor allem die Mutter, sehen ihr Kind als Last, Kummerquelle und nutzlosen Parasiten – und können es scheinbar kaum erwarten, bis die Kleine alt genug ist, um für die Familie Geld zu verdienen.

Andreas Kindheit und Jugend können durchaus beschrieben werden als außergewöhnlich, voller Abenteuer, Erlebnisse, plötzliches Bauchkribbeln und bereichernden Herausforderungen – jedoch sind diese Erinnerungen nicht mit nostalgischer Freude zu assoziieren, sondern an nagende Traumata gebunden.


Zu früh entdeckt das Mädchen, wie sie mit ihrem wachsenden Busen auf einmal Männern auffällt – Für einen Kredit ist es ihrer Mutter nicht zu schade, Andreas Unschuld ohne Bedenken gegen das Versprechen eines neuen Traktors an einen älteren Herren abzugeben.


Glücklicherweise gibt es im Haus aber auch die Oma, die sich um Andrea kümmert, sie unter ihre Fittiche nimmt und ihr die Freiheiten und Zuneigung genehmigt und schenkt, die die Mutter auch nicht in Kleinstmengen imstande ist, ihrer Tochter zuteil werden zu lassen.


Der Stil des Romans lässt hier trotz sachlicher Beschreibungen und von Emotionen befreiter faktischer Festlegungen eine ungemeine Reserve an komplexen Emotionen nur erahnen – zunächst bleibt die Frage offen, ob diese zu Genüge mitgeteilt werden, damit der Leser diese Komplexität auch erfassen und erleben kann.


Die Entwicklung der jungen Frau führt sie näher zu einem vollwertigen Selbstbewusstsein, zur Erkenntnis ihres Selbstwertes und zur Ausprägung ihrer tatsächlichen Interessen und Talente – und somit vollständig abseits dessen, was vom Elternhaus aus für sie vorgesehen ist. Dass Andrea nie am Bauernhof bleiben, einen Bauern heiraten oder die Traditionen und Prinzipien ihrer Eltern aufnehmen wollte, wusste sie bereits in einem sehr jungen Alter – die Kraft, die Mittel und den Mut dazu zu finden, aus dem Elternhaus auszubrechen, kostet ihr jedoch einiges an physischer und psychischer Energie.

Andrea schließt Freundschaft und findet Zuneigung mit Arthur, der sie als Freundin und Liebste schätzt, unterstützt und somit bei ihrer Emanzipation hilft – obwohl die beiden Jugendlichen aus extrem unterschiedlichen Verhältnissen kommen.


Gegebenenfalls wurde an dieser Stelle nur um die schwarzweiße Brutalität der Mutter auszugleichen, eine kompromisslose und simple Beziehung zum Partner sowie zur Familie von Arthur geschaffen – Andrea hat genug Hürden zu überspringen, als dass weitere Probleme mit der Familie des Freundes hinzukommen sollten. Am Rande der Unterhaltung treffen zwar unterschiedliche moralische Werthaltungen der Eltern und ihre politischen Überzeugungen aufeinander, doch lassen sich die Jugendlichen davon eher wenig beeinflussen.


Die Autorin geht ganz klar am liebevollsten mit ihrer oft und zu unrecht wie Dreck behandelten Protagonistin um, davon abgesehen werden ihre Beziehungen zur Mutter und Großmutter am interessantesten gestaltet. Das restliche Buch, obwohl in der Erzählung spannend und psychologisch mitnehmend, kommt von den Charakterbeschreibungen zunächst etwas leicht gestrickt rüber.


Die subtil erkennbar werdende Folgerung, dass auch ihre Eltern eigentlich einiges an Zuneigung für Andrea übrig haben, ist wiederum eine überdurchschnittlich multidimensionale Erkenntnis, wenn man am Ende des Romans die Gesamtdynamik der Figuren betrachtet.

Ein durchaus facettiertes Buch also – nicht ganz schwarzweiß, doch insgesamt finster und in Grautönen skizzierte Erzählwelt, die in mancherlei Hinsicht durchschnittlich bleibt. Dennoch überzeugt die Protagonistin als Figur und Empathieträgerin, die Oma als helfende Engelfigur nebenan ebenso.


Zusammenfassend ist Gipskind ein tiefgreifendes Portrait einer jungen Frau, die durch immense Willenskraft und innerliche Arbeit alle ihre Umstände überwindet, um zu sich selbst zu finden.

Wie selbstlos und liebevoll ihre Oma ihr beiseite steht, und was für Kindheitserinnerungen diese selber wegstecken musste, ist am Ende umso mehr bewundernswert – was dem Schluss des Romans eine unerwartete Menge an Intensität, Tragik, und kompositorischen Sinn hinzufügt.

Schlussendlich ist Gipskind durchaus empfehlenswerte Lesekost.



(Fotos: 1 2)



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