Mit „Unser Teil der Nacht“ bricht Mariana Enriquez die Grenzen des klassischen Realismus auf. Ihr Roman verwebt okkulten Horror und historischen Realismus zu einen faszinierenden Genre-Mix. Der Roman erzählt eine dichte Vater-Sohn-Geschichte, die tief in die Abgründe eines geheimnisvollen Ordens führt.
„Unser Teil der Nacht“ ist ein ebenso anspruchsvolles wie fesselndes Stück Gegenwartsliteratur, das durch seine vielschichtige Struktur und erzählerische Wucht überzeugt – auch wenn die Gewichtung bestimmter Figuren punktuell Kritik zulässt.
Die zeitgenössische lateinamerikanische Literatur verändert sich. Weg vom reinen Realismus – hin zu neuen, fantastischen Hybridformen und Genre-Mixturen.
Ein wichtiger Meilenstein dieser Entwicklung ist der Roman „Unser Teil der Nacht“ (Nuestra parte de noche) der argentinischen Autorin Mariana Enriquez: Ein Buch, das klassischen Horror mit der Aufarbeitung der düsteren politischen Geschichte Argentiniens verbindet.
Das Buch ist in der deutschen Übersetzung von Inka Marter und Silke Kleemann im Tropen Verlag (Klett-Cotta) erschienen. Für die Übersetzung erhielten sie im Jahr 2023 den Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW.
Mariana Enriquez: Der Weg zur literarischen Stimme des Unheimlichen
Mariana Enriquez wuchs in Lanús in der Provinz Buenos Aires auf. Nach dem Studium der Journalistik und der sozialen Kommunikation arbeitete sie zunächst als Lehrerin und später im Feuilleton. Bereits 1994 veröffentlichte Enriquez ihren ersten Roman. International und national etablierte sie sich jedoch vor allem durch ihre Kurzgeschichten, die ihren Ruf als Meisterin des Unheimlichen begründeten.
Ihre Sammlung Los peligros de fumar en la cama stand 2021 auf der Shortlist für den International Booker Prize. Im deutschsprachigen Raum wurden die Bände „Grelles Licht für darke Leute“ und „Als wir mit den Toten sprachen“ veröffentlicht. Für „Unser Teil der Nacht“ erhielt Enriquez den renommierten Herralde-Romanpreis – eine Auszeichnung, die zuvor auch Autoren wie Roberto Bolaño oder Javier Marías verliehen wurde.
Vor allem durch ihre prägnante Kurzprosa hat Maria Enriquez sich fest im internationalen Literaturbetrieb verankert.
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Die Nueva Narrativa Argentina und der La-Plata-Horror
Mariana Enriquez gehört zur Nueva Narrativa Argentina (NNA). Diese literarische Generation umfasst Schriftstellerinnen*, die zwischen 1960 und 1980 geboren wurden und deren Karrieren vor allem nach der argentinischen Wirtschaftskrise von 2001 begannen. Anstatt sich auf den klassischen Realismus zu beschränken, nutzt diese Bewegung das Unheimliche, den Horror oder das Phantastische, um die gesellschaftliche Realität Argentiniens zu verarbeiten. Mariana Enriquez wird in diesem Kontext oft als Königin des „Gótico Rioplatense“ (La-Plata-Gotik) bezeichnet.
Neben ihr prägen weitere Autorinnen diese neue argentinische Erzählkunst mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Samanta Schweblin erweist sich in Werken wie „Das Gift“ als Meisterin des psychologischen Unbehagens und albtraumhafter Realitäten. Selva Almada schreibt in „Sengender Wind“ über das raue Leben in der Provinz, ländliche Männlichkeit und Gewalt. Camila Sosa Villada gibt der Trans-Community über den Magischen Realismus in „Im Park der prächtigen Schwestern“ eine kraftvolle Stimme, während Dolores Reyes in „Erdesserin“ Krimi-Elemente mit dem Übernatürlichen verknüpft, um über Femizide zu schreiben.
Was diese Literatur auszeichnet, ist ein bewusster Genre-Mix, durch den die Grenze zwischen sogenannter „hoher Literatur“ und Genres wie Horror oder Krimi verschwimmt. Der perspektivische Fokus liegt stark auf weiblichen und nicht-binären Figuren; die Handlung verlagert sich oft aus der Hauptstadt Buenos Aires in die spezifische Atmosphäre des argentinischen Hinterlandes.
Handlung und Struktur des Romans
Auf der Erzählebene ist „Unser Teil der Nacht“ eine Familiensaga, die sich über 40 Jahre argentinischer Geschichte erstreckt. Die Handlung setzt in den Jahren der Militärjunta an – einer Zeit, in der Menschen spurlos verschwanden und das alltägliche Leben von Angst geprägt war.
Im Mittelpunkt steht die Flucht eines Vaters und seines Sohnes quer durch Argentinien. Juan besitzt außergewöhnliche Fähigkeiten und wird von einem mächtigen Geheimbund als Medium benutzt. Durch grause Rituale und Menschenopfer versuchen die Mitglieder, von einer düsteren unnahbaren Macht – der „Dunkelheit“ – das Geheimnis des ewigen Lebens zu erfahren. Als Juan bemerkt, dass sein Sohn Gaspar dieselben Kräfte geerbt hat, versucht er alles, um den Jungen vor einem Schicksal als Werkzeug des Ordens zu schützen.
Der Roman durchleuchtet dabei nicht nur das okkulte System, sondern stellt die menschliche Tragik und die zerstörerische Dynamik der Vater-Sohn-Beziehung in den Vordergrund – denn auch Juan ist weder ein Held noch ein Engel.
Die Symbolik des Covers: Ein Blick auf Luzifer
Das Cover der Originalausgabe, das auch für die deutsche Fassung gewählt wurde, zeigt ein Detail des Gemäldes „Der gefallene Engel“ (1847) von Alexandre Cabanel, einem französischen Historienmaler. Die Bildauswahl spiegelt die zentralen Themen des Romans auf visuelle Weise wider.
Zunächst verkörpert das Bild, wie auch das Buchcover, das Konzept des tragischen Anti-Helden: Cabanel stellt Luzifer, den gefallenen Engel, nicht als abscheuliches Monster dar, sondern als schönen, athletischen und zutiefst menschlichen Mann. Diese Herangehensweise deckt sich mit Enriquez’ Gesamtwerk, denn ihre Figuren – sind meistens attraktive, faszinierende, aber leidende Wesen, die an ihrer eigenen Macht und ihrem Körper zerbrechen.
Darüber hinaus transportiert das Porträt eine tiefe Dialektik aus Stolz und Vergeltung. Luzifer verbirgt sein Gesicht, doch in seinen Augen liegen Hass und der Wunsch nach Rache. Diese brodelnde Wut und der verletzte Stolz prägen auch Juan, der in einem Kreislauf aus ritueller Gewalt gefangen ist, den er sich nicht ausgesucht hat.
Schließlich thematisiert das Gemälde das Schicksal des verstoßenen Wesens und die Ohnmacht dessen, der von seinem Schöpfer verbannt wurde. Im Buch spiegelt sich dies in allen Kindern des Ordens wider, die von ihren eigenen Familien lediglich als Werkzeuge für einen grausamen Kult benutzt werden.
Fluidität und die Transgression des Körpers
Ein interessanter Aspekt des Buches ist das Konzept des Androgynen und der körperlichen Freiheit. Innerhalb des Ordens sind sexuelle Begegnungen – unabhängig vom Geschlecht – oft Teil der magischen Rituale, um Energie zu gewinnen und die Fähigkeiten des Mediums zu stärken.
Enriquez trennt diese körperlichen Handlungen von klassischen Liebeskonzepten. Die Freizügigkeit und die gegenseitige Hingabe werden als Zustand körperlicher Autonomie dargestellt. Diese fluide und offene Sexualität bricht mit traditionellen Rollenbildern und wird zum Teil der Skizze eines Kosmos, in der psychische und magische Bindungen die körperliche Realität transzendieren.
Es entsteht eine einzigartige Erzählwelt, in der Liebe heilig ist, koitale Kontakte als potente Machtquelle dienen – und konventionelle Wertesysteme in allen Facetten der moralischen Ambivalenz im Namen der Magie dekonstruiert werden.
Feministische Linien und gesellschaftliche Hierarchien
Obwohl die Flucht von Vater und Sohn die figurenpsychologische Gesamtdynamik dominiert, zieht sich eine feministische Perspektive durch den gesamten Roman. Diese zeigt sich vor allem in der Analyse von Themenkomplexen wie Macht, Herkunft und gesellschaftlicher Hierarchien. Enriquez konstruiert hierbei konventionelle wie unkonventionelle weibliche Lebenslinien – dies sowohl für den Makrokosmos Argentinien als auch den Mikrokosmos des Ordens.
Besonders die Figur von Rosario – Juans verschollener Ehefrau und Tochter einer der machthabenden Dynastien im Orden – beleuchtet das Spannungsfeld zwischen weiblicher Autorität und den patriarchalen Strukturen in einer wohlhabenden und einflussreichen Familie.
Darüber hinaus ist Rosario Anthropologin. In diesem Kontext thematisiert Enriquez durch den Fokus auf Rosarios wissenschaftliche Karriere und ihre Forschungen über das indigene Volk der Guaraní die Benachteiligung und das Schweigen von Frauen in der Wissenschaft sowie die kritische Position indigener Individuen in der argentinischen Gesellschaft.
Als Kontrast zu diesem Porträt dient beispielsweise Rosarios Mutter, die ihr eigenes Erscheinungsbild als abstoßend wertet und darin ein Werkzeug sieht, Macht über andere auszuüben. Ihre unmenschlichen Taten lassen im Laufe des Romans an mehreren Stellen schaudern.
Erzählerische Dichte und Kritik
Stilistisch überzeugt „Unser Teil der Nacht“ durch einen Wechsel der Perspektiven und Zeitebenen. Enriquez springt in die Vergangenheit – etwa in die Sicht desjenigen Chirurgen, der Juan einst nur im Namen des Ordens adoptierte und behandelte, um das Kind um die Gunst der Dunkelheit zu opfern. Ebenso blicken wir in die Zukunft, in der Juans Sohn Gaspar als junger Mann mit seinen individuellen sowie geerbten Traumata kämpfen muss.
Im Mittelteil des über 800 Seiten starken Werkes findet ein Wechsel zu einer längeren Passage über den heranwachsenden Gaspar statt. Diese nimmt im Vergleich zu den dichten, intensiven Abschnitten rund um den Vater und den Orden etwas Dynamik aus der Geschichte. Dennoch ist diese Beschäftigung mit Gaspars Psyche als notwendig einzuschätzen, um die tiefen psychologischen Wunden der nachfolgenden Generation – der Kinder des Ordens – greifbar zu machen. Die intensive Beschreibung seines Innenlebens verdeutlicht als Kontrast zum naiven Traum vom ewigen Leben die tatsächlichen Trümmer, die in den Kellern der Villen des Ordens liegen.
Fazit
„Unser Teil der Nacht“ ist ein vielschichtiges, intensiv geschriebenes Werk, welches Mariana Enriquez‘ Titel als Königin des Horrors zweifelsohne unterstreicht. Zwischen Grauen und historischem Realismus, zwischen okkulten Schrecken und sinnlichen Szenen ergibt sich ein meisterhaftes Zusammenspiel der charakteristischen Elemente der faszinierenden La-Plata-Gotik.
Trotz einiger Kritikpunkte bezüglich der Perspektivenwechsel und langatmiger Passagen im Mittelteil ist Mariana Enriquez‘ Opus Magnum in meinen Augen ein fantastisches Leseerlebnis. „Unser Teil der Nacht“ ist ein literarisches Muss für Liebhaberinnen düsterer Geschichten und Fans von lateinamerikanischer Literatur.
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