Literarische Abenteuer. Don DeLillo: ‘Die Stille’


Die Stille (2020) von Don DeLillo ist eher eine Erzählung als ein Roman: Sie umschreibt eher einen Moment als eine Handlung; eher einen Tag als ein Leben; eher einen Zustand als eine Entwicklung.

Ist die kurze Form ein funktionierendes Mittel für die furchtbare Nachricht, die der Text vermitteln möchte – oder fehlt hier etwas Wesentliches, um den Roman in seiner vollen Wirkung zu realisieren?


Zwei Szenen werden unmittelbar vorgeführt. Ein Ehepaar, zurückkehrend aus dem Urlaub, im Flug nach Hause. Sie, handschriftliche Notizen machend und in die Introspektive versunken; er, zerstreut in den Informationsgrafiken der Bordcomputer. Ein fragmentierter Dialog findet statt, doch keine wirkliche Kommunikation erfolgt.

Ein zweites Paar, vor dem Fernseher sitzend, den Super Bowl schauend. Er, ins Spiel und die dazwischen liegenden Werbespots versunken, sie, gleichzeitig im philosophisch-existentialistischen Dialog mit ihrem Studenten, der zu Gast für diesen Abend eingeladen wurde. Obwohl die Figuren aneinander interessiert sind, laufen zwei Monologe nebeneinander her.


Gegen Ende der Erzählung treffen alle fünf Protagonisten zusammen, und reflektieren gemeinsam die Katastrophen, deren Opfer sie in den vergangenen Stunden geworden sind.

In beiden Fällen wird sofort bemerkbar, wie sehr die Partner von einander distanziert sind. Im weiteren Verlauf der Handlung offenbart sich die gänzliche Trennung von der Realität.


Dass Monitore, Unterhaltungssendungen und Werbung den Menschen tagtäglich von seinem eigentlichem Umfeld ablenken und Zerstreuung vom Ernst des Lebens bieten sollen, steht fest und ist nicht unbedingt zu kritisieren. Doch die extremen Zustände in diesen fünf Fällen sind durchaus besorgniserregend.


Als der kulminierende Punkt eintritt, wird die Angst vor dem Unwissenden für die Figuren nur noch durch das Entsetzen der Realität des Lesers übertroffen, der merkt, dass keiner der fünf die echten Gefahren, die potentiell auf sie zukommen könnten, wahrnimmt – da diese durch die kollektive Dissoziation bedeckt werden.


Und so spielt DeLillo auf sehr schlaue Art und Weise auf die individuellen Ängste des Lesers, die durch das abrupte Ende zu weiteren Ergänzungen aus dem eigenen emotionalen Gepäck gezwungen werden.


Was ich inhaltlich ebenso schön finde, ist die Fähigkeit des Autors, einen Corona-Roman zu schreiben, ohne einen Corona-Roman zu schreiben. DeLillo bringt alle unsere individuellen Existenzängste in seiner apokalyptischen Vision ganz klar zum Vordergrund, und verbleibt im Szenario so spärlich mit den Details des Geschehenen, dass man die Ereignisse grundsätzlich auf jede mögliche Zeit uminterpretieren kann. Auch das ist ein Aspekt, den man an diesem Text durchaus schätzen sollte.


Obwohl die inhaltliche Schärfe, die reflexive Tiefe und die thematische Relevanz außer Frage steht, störte mich bei diesem “Roman” die Genrebezeichnung. Man kann DeLillo ohne Zweifel neben die großen und düsteren Autoren des 20. Jahrhunderts stellen – doch beispielsweise ein Sartre ist eben nicht für seine Romane, sondern seine Theaterstücke bekannt. Sein Roman Der Ekel beträgt über 200 Seiten.

Camus, der ebenso kurze Inhalte entwarf, hat Verwandlung als Erzählung kategorisiert. Meines Erachtens hätte dieser Untertitel auch DeLillos Buch zieren sollen – schon um die richtige Erwartungshaltung zu sichern. Im Druck sind es 112 Seiten, doch nach der Öffnen der 64-Seitigen ePub-Datei fragte ich mich erstmal, ob mir versehentlich eine Leseprobe zugesandt wurde.


Diese Formfragen erledigen sich nach dem Lesen natürlich, da der Text in sich vollständig ist und inhaltlich weit komplexer als so manch ein anderer “Roman”, der unter Qualen auf zweihundertfünfzig Seiten ausgedehnt wurde.


Die Stille ist ein moderner Klassiker, unerwartet und entnervend. DeLillos Schreibstil ist außergewöhnlich, und das Buch stellt relevante Fragen auf eine äußerst verstörende Art. Diesen Text als Roman zu bezeichnen ist schlicht und einfach fehlerhaft.

Doch dies ist nun wirklich nur eine Formfrage. Das Buch an sich ist herausragend.


Habt ihr den neuen Roman von DeLillo gelesen? Was ist eure Meinung zu den oben erwähnten Punkten?

Auf eure Resonanz freue ich mich in den Kommentaren.

Bibliografie:

Titel: Die Stille
Autor: Don DeLillo
Seitenzahl: 112
Erscheinungsdatum: 20.10.2020
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00128-0

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Categories: Literarische Abenteuer

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4 replies

  1. Ich hätte es eher als Novelle kategorisiert. ☺️ Tolle Rezension.

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  2. Klingt sehr spannend, werde ich meiner “zu lesen”-Liste hinzufügen.

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