Literarische Abenteuer. Lauren Wilkinson: ‘American Spy’

Lauren Wilkinsons Debütroman ‘American Spy’ (2019) erschien vor kurzem in der deutschen Übersetzung im Tropen Verlag. Das Buch wurde bereits in seiner englischen Form weitestgehend gepriesen und als hervorragender Spionagethriller bezeichnet. Sogar Barack Obama nahm den Roman in seiner renommierten Sommerleseliste auf.

Obama bezeichnete den Roman als “weit mehr als ein Thriller”, und auch meines Erachtens passiert in diesem Werk wesentlich mehr, als das gewählte Genre zu erwarten ließe.

Die US-Amerikanische Autorin beginnt ihre Erzählung zwar mit einer tödlichen Konfrontation, als ein Auftragskiller plötzlich in Protagonistin Maries Schlafzimmer eindringt, und zeigt die Ex-Agentin in Aktion hauptsächlich auf geheimer Mission in Burkina Faso, wo sie in einige  gefährliche Zwickmühlen gerät – spannend, brenzlig, aufregend. und trotz dieser inhaltlichen Entscheidungen ist Wilkinsons Roman fast zu intelligent, um ihn als Krimi oder Thriller zu bezeichnen.


Die Hauptfigur ist trotz stürmischen Lebenslaufs und gefährlicher Berufslaufbahn vorrangig eine Mutter, die ihren Söhnen eine Geschichte erzählt. Dies ergibt sich bereits aus der Entscheidung, die gesamte Erzählung als Brief an die Söhne zu formulieren – und erklärt, weswegen manche Passagen fast zusehr emotional gefärbt sind und die Beziehung zum Vater ihrer Söhne geradezu als naiv eingestuft werden kann.

Schnell schaltet die Mutter dann immer wieder in Agentinnenmodus um, denn Maries Beziehungen zu allen anderen Menschen in ihrem Umfeld sind von Vorsicht und Misstrauen geprägt – keineswegs möchte die Agentin jemals mehr von sich preisgeben, als für die jeweilige Situation notwendig.


Marie ist also ein Hybrid aus liebevoller Mutter und schlagfertiger Geheimagentin – beide Teile der Figur gelingt es Wilkinson, glaubwürdig zu schildern und miteinander zu vereinen. Marie ist eng an ihre Familie gebunden, obwohl die Mitglieder der Familie untereinander eher als komplex zu bezeichnende Beziehungen pflegen. Lobenswert ist die gelungene Darstellung der unterschiedlichen sozialen Rollen, die eine schwarze Frau in ihrem Berufs- und Privatleben einnehmen muss, und der daraus entstehende Zwiespalt. Wilkinsons Protagonistin ist vielschichtig und interessant geschrieben.

Aus den zwischen Gegenwart und Vergangenheit springenden Fragmenten kann der Leser eine Mischung aus soziohistorischen und persönlichen Ereignissen extrahieren: Es geht um Beziehungen zwischen Schwarzen und Weißen in den 1960er bis zu den 1990er Jahren in den Vororten New Yorks; alltägliche Hürden und Vorurteile gegen schwarze Männer, Frauen und schwarze Frauen im Karriereleben – insbesondere im Militär- und Geheimdienst; und um die unterschiedlichen Arten von Misogynie und Rassismus innerhalb der FBI, wo jeder jeden für seine oder ihre Zwecke ausnutzt.

Der Roman führt irgendwann auf eine Liebesgeschichte hinaus, die zwar die kompositorische Narrative zusammenzieht, diese Facette der Erzählung halte ich jedoch für das schwächste Glied des ganzen Romans. Moralische Ambivalenz, naive Begründungen für angeblich komplexe Emotionen und unbeholfene Diskrepanzen bei inhaltlichen Kausalitäten versucht die Autorin vergebens abzudecken. Die Liebesgeschichte ist weniger als überzeugend.

Von diesem Aspekt abgesehen ist über “American Spy” nur gutes zu berichten: Das Tempo der Handlung ist durchgängig nicht zu schnell, um detaillierte Situationen zu vernachlässigen – und doch zügig genug, um stets Spannung aufrecht zu erhalten. Die stilistischen Entscheidungen sind kohärent und der Inhalt selber überlegt und interessant.

Wo auch andere Rezensenten Mängel an Wilkinsons Debüt hervorheben, ist die zum Teil unüberlegte Politisierung des Romans, er wurde sogar als “zu politisch” bezeichnet. Meine Bedenken richten sich eher an die Art der politisch angehauchten Abschnitte – sie sind entweder sehr spezieller oder im Gegensatz sehr allgemeiner Art, was einen mit den konkreten Ereignissen nicht bekannten Leser gegebenenfalls abschrecken und verwirren könnte.

Somit ist nur noch erneut darauf hinzuweisen, dass “American Spy” viel, viel mehr als ein Thriller ist. Wer das oben Geschilderte interessant fand, wird diesen Roman mit Freude lesen können.


Für ein Debüt ist “American Spy” gelungen. Es bleibt nur noch zu hoffen, dass Lauren Wilkinson in ihrem nächsten Roman stilistisches und inhaltliches sowohl auf kompositorischer als auch informativer Ebene auszugleichen weiß.

Eine Leseprobe findet ihr hier.

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