DiskursDialog, 1: Begriffsverständnis. Programm. Vorteile einer wissenschaftlichen Prädisposition

Leseliebe und Literaturstudium gehen nicht immer Hand in Hand. Wie die Synergie von Theorie und Roman dennoch jedem Buchfreund bei der Lektüre hilft und welche allgemeinen Vorteile eine wissenschaftliche Denkweise mit sich bringt, erläutere ich im ersten Beitrag der literaturtheoretischen Reihe DiskursDialog.

Was bedeutet DiskursDialog? Worüber wird hier geschrieben? Welche Ziele und Inhalte hat diese Reihe? Warum lohnt es sich, die Beiträge zu lesen? Welchen Gewinn bringt die Teilnahme? Alle Antworten und mehr im Folgenden.

Begriffsverständnis

DiskursDialog ist ein Neologismus. Ein erfundener Tandembegriff aus der eigenen Kreativwerkstatt. Eine Kombination aus zwei Begriffen, die auf eine einzigartige Synergie hinauszielt.

Als Diskurs wird nach Habermas ein „Austausch zwischen vernünftig argumentierenden Individuen“ verstanden, nach Foucault eine „Menge von Aussagen, die einem gleichen Formationssystem zugehören“. Diskurse sind gesellschaftlich und wissenschaftlich relevante und aktiv behandelte Themenkomplexe, über die ein fortlaufendes „Gesellschaftsgespräch“ besteht.1 Für die Teilnahme an Diskursen wird meistens Vorwissen über den respektiven Sachverhalt vorausgesetzt. Es ist nicht nur wichtig, worüber man spricht, sondern wie man über die gewählten Diskurse redet. Es gilt ebenso der Anspruch, Muster, Strukturen und Systeme im Rahmen des Diskursthemas herauszuarbeiten.2 Kurz gefasst: am Thema interessierte tauschen sich reflektiert und interessiert über das Thema aus. Insofern gilt im hiesigen, eher lockeren Begriffsverständnis auch eine „herkömmliche“ Leserunde als Diskursanalyse, soweit das Gespräch an allgemeinere Aspekte anknüpft, thematisch reflektiert und fundiert fortgeführt wird, und jeder Teilnehmer sich in die Materie vertiefen möchte.

Die Themenauswahl für die Beiträge dieser Reihe wird vorrangig auf den Literaturdiskurs bezogen sein. Dementsprechend werden aus literatur-, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Texten Aspekte ausgewählt, die interessante Perspektiven zur Rezeption und Kritik zeitgenössischer Literatur eröffnen. Zu diesen gehören beispielsweise der Romandiskurs, der Erzähldiskurs, der literarische Emotionsdiskurs, der deutsche Literaturdiskurs u. v. m. Die engere Themenauswahl ergibt sich vor allem aus dem Dialog.

Ein Dialog ist ein Austausch zwischen zwei oder mehreren Personen. An dieser Stelle gilt für mich das Prinzip: sowohl der Geisteswissenschaftler als auch der Hobbyleser sind offen und fähig für ein wissenschaftlich fundiertes Denken. Die Bücher selbst, mit denen sich dieser Blog auseinandersetzt, bieten in manchen Fällen weit interessantere Informationen und Ansätze zu Diskursen, insofern man das analytische Denken bewusst steuert. In diesem Sinne verknüpft man alt und neu, klassisch und zeitgenössisch und gewinnt ein besseres Verständnis des gesamtheitlichen Aufbaus der Diskurse und ein weitergreifendes Reflexionsvermögen zu literarischen Themen.

An der Reihe DiskursDialog kann und soll jeder teilhaben, auch ohne sich fundiertes Vorwissen angeeignet zu haben. Fachjargon und Begriffsdefinitionen sind heutzutage in Sekundenschnelle online nachgeschlagen. Eher sollte der Teilnehmer ein grundsätzliches Interesse am Material, Begeisterung für das Lesen per se, und die Motivation, sich mit Neuerscheinungen zu beschäftigen, mitbringen – Eigenschaften, die bedauerlicherweise auch nicht jedem Studierenden innewohnen. (Auf den systemkritischen Aspekt dieser Aussage werde ich an dieser Stelle nicht eingehen.)

Dass hier also jeder Leser etwas Interessantes und Neues über den Umgang mit Literatur lernt – obgleich derjenige studiert hat oder nicht – empfinde ich als die grundlegende Mission der Reihe DiskursDialog.

Programm

Es wird zu jedem Thema eine Live-Sendung auf meinem Instagram-Kanal @sandra.falke.libri geben, in dem der Leser Input geben und die Zielrichtung der Reflexionen gestalten kann. Da der DiskursDialog einiges an Vorbereitung verlangt, wird diese Veranstaltung einmal im Monat stattfinden. Auf dem Instagram-Kanal findet ihr rechtzeitig alle wichtigen Infos zum Thema des Monats – und könnt ebenso vorab Input zur Themenauswahl geben.

Die erste Live-Sendung zum Thema DiskursDialog wird am 18.04. stattfinden. Die Resonanz der Zuschauerschaft wird danach im Blogbeitrag verarbeitet, erscheint am 08.05. und bleibt im Blog offen für Dein Feedback und weiteren Input. Ebenso sind alle Sendungen auch nach der Übertragung auf Instagram einsehbar.

Als thematische Orientierung haben meine Abonnenten bereits „Erzählen“ von Walter Benjamin als Begleitband für die erste Gesprächsrunde gewählt. Das nächste Thema wählen wir nach dem Erscheinen des Blogbeitrags.

Die Vorteile einer wissenschaftlichen Prädisposition

Warum sollte nun jemand, der einfach ab und zu gerne einen Roman liest und mit wissenschaftlichen Abhandlungen nichts am Hut hat, hier genauso viel Gefallen und Freude finden wie bei den „Literarischen Abenteuern“? Weil eine wissenschaftliche Grundeinstellung grundlegend gut und günstig ist. Die Pflege der individuellen Neuroplastizität ist essenziell, um das eigene neuronale Netzwerk, das Gehirn und den Verstand, vom biologischen Altern abzuhalten. Solange man ständiges Interesse für neue Informationen an den Tag bringt, kann es sich nicht in Routinen und Gewohnheiten festlegen. Es führt zur fortlaufenden Anpassung, Erneuerung und Regeneration. Durch regelmäßige reflektierte Lektüre und einer forschungslustigen Grundhaltung bleibt Du nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich vital und intakt.

Die Verknüpfung von Literaturliebe und wissenschaftlicher Kuriosität – gerade im deutschsprachigen Raum – gestaltet sich allerdings des Öfteren als schwierig. Nachdem man eine beträchtliche Menge an Geld für die wissenschaftliche Abhandlung mit interessantem Titel und Klappentext ausgegeben hat, und dann merkt, wie der Text in pompösem Wortlaut und einer Unzahl an Nebensätzen sich beim Lesen nicht erschließt, dauert es sicherlich wieder einige Zeit, bis man sich an einen Sachtext rantrauen möchte.

Mein Anspruch ist es, dem Leser zu einem vereinfachten Umgang mit wissenschaftlichen Ansprüchen zu verhelfen. Obwohl die Behandlung fundierter Texte und renommierter Theoretiker ein wichtiger Punkt für den DiskursDialog ist, liegt hier in gleichem Maße die reine Literaturanalyse zugrunde. Ich möchte über das Buch, welches ich lese, wissen, an welche Kontexte der Autor anknüpft, in welchen tradierten Diskursen der Roman Assoziationen besitzt und aus welchen kulturellen und historischen Kontexten Nuancen des Romans stammen. Wenn ich diese Informationen an einen Diskurs knüpfen kann, ist es einfacher, die einzelnen Lektüren miteinander zu vernetzen.

Die Neugier nach den Mechanismen hinter Phänomenen und der Wille zum Forschen sind Eigenschaften, die zu gepflegten Gewohnheiten werden sollten. Daher lege ich auch Dir Nahe, die Reihe DiskursDialog zu verfolgen, und die besprochenen literaturtheoretischen Themen an Deine Lieblingsromane zu verknüpfen.

Der Dialog soll in den Kommentaren fortgeführt werden. Für praktische Ansätze und Rückfragen biete ich Dir gerne meine gedanklichen Kapazitäten und akademischen Kenntnisse in ihrer Gesamtheit an – und hoffe, dass hier ein reges Gespräch zu aktuellen Diskursen entstehen kann.

Welche literaturtheoretischen Themen interessieren Dich besonders? Welchen Diskursen bist Du in letzter Zeit begegnet? Gibt es Aspekte, die aus Deiner Sicht von der Öffentlichkeit vernachlässigt werden?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.


1 – Zeitgleich wird selbstverständlich vorausgesetzt, dass der Begriff der Diskursanalyse ein heterogenes Feld darstellt. Der Begriff dient an dieser Stelle vor allem zur Anregung zur Reflexion über relevante literaturtheoretische Sachverhalte.
2 – Ebenso kann die strukturierte Reflexion als freihändiger systemtheoretischer Versuch á la Luhmann verstanden werden, wobei nur geringe Kenntnisse zum Werk erster Hand bestehen.

Bibliographie

Gard, Andreas: Zum Diskursbegriff.
Lexikon der Bibelhermeneutik. Diskursanalyse. III. Literaturwissenschaftlich.
Link, Jürgen: Sprache, Diskurs, Interdiskurs und Literatur.
Methodenportal der Universität Leipzig: Was ist ein Diskurs?
Zürcher Hochschule der Künste: Diskursanalyse.



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  1. „Nachdem man eine beträchtliche Menge an Geld für die wissenschaftliche Abhandlung mit interessantem Titel und Klappentext ausgegeben hat, und dann merkt, wie der Text in pompösem Wortlaut und einer Unzahl an Nebensätzen sich beim Lesen nicht erschließt, dauert es sicherlich wieder einige Zeit, bis man sich an einen Sachtext rantrauen möchte. “ Das ist tatsächlich ein Problem. Bei uns bemisst sich das Niveau eines wissenschaftlichen Textes an seiner Unverständlichkeit. Das führt dazu, dass der letzte Blödsinn eine Peer-Revue passieren kann, wenn die Sprache nur „wissenschaftlich-pompös“ daher kommt. In anderen Ländern z.B. in den USA gehört es dagegen zum guten Ton, verständlich zu schrieben. Ich habe mich als Literaturwissenschaftler immer darum bemüht, gut lesbar zu schreiben. Mir ist die Literatur auch viel zu wichtig um sie unter eitlen Wortungetümen zu beerdigen. In diesem Sinne: Theorie und Interesse/Erfahrung in einem Dialogformat zusammenzubringen, klingt spannend. Viel Erfolg!

    Gefällt 2 Personen

    • „Bei uns bemisst sich das Niveau eines wissenschaftlichen Textes an seiner Unverständlichkeit.“ – exakt mein Gedanke! Als jemand, der im Studium auch wissenschaftliche Texte in mehreren Sprachen gelesen und bearbeitet hat, finde ich es gerade wichtig, den Spaß an wissenschaftlichen Perspektiven im deutschsprachigen Raum zu fördern, da die Texte hierzulande leider so unlesbar sind. Danke für die Resonanz und die guten Wünsche! 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Interessantes Format, ich freu mich mehr darüber zu lesen! Liebe Grüße, Tala

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