Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 03/2021

Und schon ist er vorbei, der Monat März… mit einer Vielfalt an Emotionen und Gedanken – von Begeisterung bis Enttäuschung – haben die neun gelesenen Bücher mich gefüllt.

Im Monatsrückblick lasse ich nun nochmal die Leseerlebnisse und -Eindrücke der vergangenen Wochen in chronologischer Reihenfolge Revue passieren.


Bei den Buchvorstellungen der Monatsrückblicke halte ich mich immer kurz und bündig – zur tiefergehenden Rezension und Analyse der Romane folge den jeweiligen Links hinter den Buchtiteln. Soweit vorhanden, verlinke ich immer auch zur Leseprobe.

Sollte eines von den besprochenen Büchern Dein Interesse geweckt haben, kannst Du diesen Blog mit einer Bestellung über die angegebenen Links kostenfrei unterstützen. Vielen Dank!

Hier sind meine Eindrücke und Gedanken zum Lesemonat März.


Ottessa Moshfegh: „Der Tod in ihren Händen“

© Hanser Berlin

Ottessa Moshfegh ist eine außergewöhnliche und ungewöhnliche Schriftstellerin. Die Romane „Eileen“ und „Mein Jahr der Ruhe und Entspannung“ forderten bereits die äußersten Rahmen und Grenzen konventioneller Denkmuster heraus. Diesmal dekonstruiert Moshfegh jedoch ein ganzes Genre.

Ihr neuer Krimiroman „Der Tod in ihren Händen“ behandelt sowohl die Rolle des Erzählers als auch die Methoden des Mysteriums auf eine erfrischend erfinderische Art.

In diesem Buch kommt zweifelsohne eine Mordgeschichte vor. Allerdings hat diese bei Weitem nicht den Ausgang, den man von ihr zu Beginn der Erzählung erwarten würde. Graduell zeigen sich die Umrisse einer Realität, die wesentlich verstörender ist als eine Leiche, die im Wald liegen soll.

Zudem ist der Roman gefüllt mit unerwarteten Kehrtwendungen und verwischt andauernd die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Die Steuerung der Leseremotionen wird offen, gar selbstkritisch vorgenommen – und gelingt dennoch.

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Karl Ove Knausgård: „Aus der Welt“

© Luchterhand

Die Geschichte dreht sich um den 26-Jährigen Henrik Vankel, der als Aushilfslehrer in einem winzigen Ort in Nordnorwegen eingestellt wird und dort eine hochgradig illegale Affäre mit seiner Schülerin beginnt.

Allerdings wird diese Geschichte abrupt unterbrochen, als Henrik in seine Heimatstadt zurückkehren muss. Im Wechsel erzählt Henrik die Liebes- und Leidensgeschichte seiner Eltern, schildert Episoden aus seiner Jugend, verarbeitet die Konsequenzen seiner Affäre und nimmt später den noch in der Luft hängenden Handlungsstrang wieder auf.

Auf den ersten Blick macht die Handlung den kleineren Teil des Romans aus: Sie ist umwoben von Henriks reflexiven Gedankengängen und existentialistischen Grübeleien.

Das Thema Zeit und die Vergänglichkeit und Bedeutungslosigkeit eines Individuums werden aus aus Punkten der Vergangenheit beschrieben, die in Kontexten von geschichtlichen Kausalitäten umgesetzt werden.

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Fabian Neidhardt „Immer noch wach“

© Haymon Verlag

Fabian Neidhardts emotionaler Debütroman handelt vom Kampf mit Krebs, menschlicher Würde, dem Recht zu autonomen Entscheidungen über das eigene Leben – und dem Prozess des Loslassens von den liebsten Menschen im Angesicht des eigenen Todes.

Der dreißigjährige Protagonist Alex wird mit Krebs diagnostiziert und beschließt, die übrigbleibenden Monate seines Lebens in der Isolation einer Hospiz zu verbringen. Die Adresse möchte er allerdings niemandem verraten – denn Alex weiß genau, wie er aus dem Leben scheiden will.

Bekannte Typen, Charaktermerkmale und Szenarien finden sich auch in dieser Handlung wieder. Keine von den Nebenfiguren ist besonders interessant. Jedoch haben diese Elemente in Bezug zur Hauptfigur eine sehr genau gewählte Position. Ihre kollektive Funktion ist es, Alex‘ Entwicklung zu kontrastieren, illustrieren und zu unterstützen. Auf dem Weg hin zum Tod und zurück zu sich selbst findet er in seiner Empathie gegenüber scheinbar Schwächeren den Weg zur eigenen inneren Stärke.

Diese Reise auf allen Ebenen der Menschlichkeit ist packend, emotional und mitreißend.

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Vitomil Zupan: „Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)“

© Guggolz Verlag

Vitomil Zupan genießt in seinem Heimatland Slowenien den Status eines literarischen Klassikers und einer kulturhistorischen Legende. Die autobiografisch grundierte Erzählung „Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)“ ist in puncto Literarizität und Intertextualität höchstrangig.

Die Erzählung folgt dem Soldaten Jakob Bergant-Berk auf seinem Marsch zwischen Wäldern, Hügeln, Dörfern und Gemütszuständen – und setzt sich mit den Auswirkungen entstehender Begegnungen auseinander.

Beschrieben werden unter anderem: körperliche Momentkontakte diverser Intensität zu zahlreichen Dorfmädchen, ungeschönte Kampfbeschreibungen, anatomisch detaillierte und für alle Sinne resonierend dargestellte Verletzungen am Körper. Zudem wirft Zupan für jede der genannten Situationen existenzialistische Aspekte zum Thema Mensch, Umwelt und Geschichte in den Raum.

Hinter der bemerkenswerten Dichte an kulturellen und historischen Nuancen in Zupans Karambolage entpuppt sich schließlich die Seele des Protagonisten, die sich schleichend hinter den Fakten und Detailbeschreibungen der Geschichte offenbart.

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Jemma Wayne: „Der silberne Elefant“

© Eisele Verlag

Der Debütroman von Jemma Wayne verbindet drei Frauenschicksale im Kampf gegen die Dämonen ihrer Vergangenheit. Eine auf Anhieb starke Erzählung mit interessanten Biografien, die zunächst überzeugt – und zum Schluss enttäuscht.

Im Grunde genommen kann man bereits am Titel des Romans erkennen, wie unreflektiert die mutmaßliche Symbiose der Frauen dargestellt wird. Vom dilettantischen Umgang mit medizinischen und historischen Details über Versuche einer pseudo-Therapie hin zu absurden Charakterentwicklungen und inkonsequenten Nebenfiguren bereitet der Roman bei jeder Reflexionsrunde immer mehr Ärger.

Der silberne Elefant, der als Mitbringsel-Nippes in Lynns Haus rumsteht und ein geradezu mangelhaftes Allgemeinwissen über den Kontinent seiner Herkunft bezeugt, indiziert keineswegs Lynns altruistische Sympathie gegenüber Emily oder Emilys töchterliche Bewunderung gegenüber Lynn. Er indiziert die unbeholfene Staffelei von Themen, die weder die Figuren noch die Autorin zu genüge verstehen, beschreiben und bewältigen kann. Dass Lynns eine standardisierte Gutmenschen-Logik an den Tag bringt und denkt, Emilys Existenzqualität verbessern zu können, illustriert dies nur allzu gut. Das letzte Viertel des Romans, wo angeblich Lösungen und Befreiung stattfinden sollen, stellt nur noch mehr offene Fragen in den Raum.

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Olga Tokarczuk: „Unrast“

© Kampa Verlag

Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk reflektiert in ihrem Roman „Unrast“ über diverse Formen der Bewegung, des Nomadentums und der Reiseliebe. Die Autorin schreibt scharfsinnige Grübeleien über Leben und Tod, Körper und Seele, Zeit und Raum.

Der Roman besteht aus mehreren nicht aneinander gebundenen Geschichten, zu denen die Handlung ab und an wiederkehrt.

Übergreifend werden diverse spannende Reflexionsstränge aufgegriffen: die ideologische Philosophie des Reisens, die existenzialistische Rolle des menschlichen Körpers in religiösen und spirituellen Kontexten, die Beschäftigung mit der anatomischen Beschaffenheit des menschlichen Körpers im Leben sowie im Tod. Und einiges mehr.

„Unrast“ ist mit Sicherheit ein ungewöhnliches Buch voller wertvoller Geheimnisse zum menschlichen Verhalten. Obwohl ich die einzelnen Figuren ungerne verlor und ihr unvollendetes Schicksal mir zeitweilen zu schaffen machte, konnte ich „Unrast“ in seiner Einzigartigkeit schätzen, den langsam dahinfließenden Schreibstil genießen und beim Innehalten zwischen den einzelnen Passagen über einiges nachdenken.

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Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“

© S. Fischer Verlage

Britisch-Deutsche Autorin Sharon Dodua Otoo hat mit „Adas Raum“ eine eklektische Reise durch Zeiten, Kulturen und Biografien entworfen. Der esoterisch angehauchte Roman demonstriert mittels ungewöhnlicher Perspektiven und unerwarteter Zusammenhänge, auf welche Art und Weise Menschenleben zueinander gebunden sind.

Ada begräbt im 15. Jahrhundert in Totope, Ghana ihr neugeborenes Kind. Ada erfährt vollständigen Verlust körperlicher Autonomie im Konzentrationslager Mittelbau-Dora am Kohnstein bei Nordhausen in 1945. Erlebt impliziten Rassismus in Berlin in 2019. Otoo bindet diese Frauen aufgrund der Hoch- und Tiefpunkte ihrer Existenz aneinander. Nur im Romantitel hat Ada einen Raum, den sie tatsächlich besitzt – in keiner ihrer Leben wird ihr einer gewährt.

„Adas Raum“ ist ein ungewöhnlicher Roman voller Zeitsprünge, nichtlinearer Gedanken – selten explizit kohärent und kaum in Besitz einer klaren Erzähllinie. Doch das ist hier auch nicht Sinn der Sache. Es geht um Kritik, Reflexion und Betonung der Tatsache, dass Ada auch in 2019 unakzeptable Lasten mit sich tragen muss, deren Gründe nicht so weit von Adas Trauer in 1459 abweichen. Otoo liefert eine wertvolle, reflektierte Sammlung unschmackhafter Wahrheiten über Geschichtsschreibung, Frauenrechte und Rassismus.

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Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“

© Heyne Hardcore

Mit „Wir sind fünf“ öffnet Faldbakken mit seiner makabren Familiengeschichte Türen zu grotesken Horrorszenarien – die unserer alltäglichen Realität beunruhigend nahe liegen.

Faldbakkens neuer Roman ist mit einer beeindruckenden Liebe zum Detail entworfen worden. Auf jede Kleinigkeit wurde in dieser Erzählung Acht gegeben: die wissenschaftlichen Komponenten bei der Herstellung des Tons, die individuellen Figurenentwicklungen, die Kleinsten Details der Außen- und Innenwelten aller Familienmitglieder. Deswegen erscheint das Geschriebene auch so ungemein echt, dass die geschilderten Szenarien ein sehr hohes Maß an Unruhe auslösen.

„Wir sind fünf“ ist ein Roman, bei dem man sich fragt, was zum Teufel man eigentlich gelesen hat. Zeitgleich ist es eine treffende Studie zu den Gefahren, die mit der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz verbunden sind. Ebenso ist es eine äußerst scharfsinnige Studie über die individuellen Probleme ganz normaler Menschen in sehr unnormalen Umständen.

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Fiona Mozley: „Elmet“

© btb

Fiona Mozleys düsterer Debütroman erzählt über den individualistischen Überlebenskampf einer Familie und behandelt zahlreiche komplexe Themen: Freiheit und Autonomie, Harmonie und Gewalt, Individualität und Akzeptanz.

Mit Lob auszuzeichnen ist der Schreibstil des Romans, der mit seiner Fülle an Emotionen und Intensität an D. H. Lawrence erinnert. Mozley legt ihre Figuren willkürlich zwischen Brocken wilder Natur, lässt die Gerüche, Farben und Geräusche ihrer liebsten Orte auf den Leser wirken und beschreibt auf eine rohe Art und Weise die vollständige Selbstständigkeit beider Jugendlicher. Ebenso bemerkenswert sind die Figurendynamiken, die gleichermaßen als beeindruckend und beunruhigend gelten.

Dem Stärksten gebührt die Macht, dies scheint in dieser Erzählwelt die allgemein bekannte Regel zu sein. Im Klimax des Romans wird Blut gegossen und verbrannt – doch nimmt eine andere Person unerwartet die Position des Rächers ein und entsetzt damit das gesamte Dorf weit über das erwartbare hinaus.

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Das waren meine Leseeindrücke im Monat März. Und nun freue ich mich auf Deine Highlights, Lowlights und Empfehlungen aus dem vergangenen Lesemonat!


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