Literarische Abenteuer. Vitomil Zupan: „Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)“

Vitomil Zupan genießt in seinem Heimatland Slowenien den Status eines literarischen Klassikers und einer kulturhistorischen Legende. Die autobiografisch grundierte Erzählung „Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)“ ist in puncto Literarizität und Intertextualität höchstrangig.

Auch emotional hält der Roman einiges bereit. Vom schwärzesten Humor zum tiefsten Ekel – der gepflegte Leser findet in diesem Roman überdies so ziemlich jede Facette des Gefühlsspektrums. Dennoch ist das Buch bei weitem nicht jedem zu empfehlen.


„Menuett für Gitarre“ handelt vom slowenischen Partisanenwiderstand gegen italienische und deutsche Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Zupan vereint die Perspektive eines einfachen Soldaten mit der eines reflektierenden Individuums und durchleuchtet so den Krieg aus diversen – für seine Zeitgenossen kontroversen – Perspektiven.

Die Erzählung folgt dem Soldaten Jakob Bergant-Berk auf seinem Marsch zwischen Wäldern, Hügeln, Dörfern und Gemütszuständen – und setzt sich mit den Auswirkungen entstehender Begegnungen auseinander.

Beschrieben werden unter anderem: körperliche Momentkontakte diverser Intensität zu zahlreichen Dorfmädchen, ungeschönte Kampfbeschreibungen, anatomisch detaillierte und für alle Sinne resonierend dargestellte Verletzungen am Körper.

Zudem wirft Zupan für jede der genannten Situationen existenzialistische Aspekte zum Thema Mensch, Umwelt und Geschichte in den Raum.


Berk wird als „bürgerlich sozialisierter und anarchistisch angehauchter Individualist“** charakterisiert. Die ideologische Position ist ebenso als nihilistisch zu bezeichnen:

„Fahnen waren für mich nur Stoff.“

Obwohl der Protagonist sich als Soldat ehrenvoll benimmt und mehreren seiner Kameraden das Leben rettet, behält er durch die Handlung hindurch eine gesamtkritische, pessimistische Einstellung zum Krieg per se, während er seine unmittelbare Realität mit ideologischen Ansprüchen und Taten anderer Kriegsherren aus der Menschheitsgeschichte vergleicht.

Dass Berks systemkritische Äußerungen in seinen Gesprächspartnern meistens Unbehagen auslösen, spiegelt die zeitgenössische Gesamtsituation: Zupan selbst wurde nach dem 2. Weltkrieg für sieben Jahre für „Unmoral und staatsfeindlicher Aktivitäten“ eingesperrt. Sein Werk durfte erst ab 1960 wieder veröffentlicht werden.


In diesem Zusammenhang könnte man behaupten, „Menuett für Gitarre“ sei nichts für schwache Nerven oder weibliche Gemüter (die im Text prominente allgemein-soldatische Misogynie ist situativ bedingt und meinerseits an dieser Stelle nicht zu kritisieren). Meines Erachtens ist dieser Roman eine Bereicherung für jeden, der an europäischer Geschichte interessiert ist – und mit Zupans intertextuellem Niveau mithalten kann.

Denn wie Berk sich zeitgleich an Schwejk und Remarque anlehnt, um militaristische Philosophien mit literarischen Beispielen zu illustrieren, streckt Zupan seine „raffinierte Komposition aus Fragmenten verschiedenster Provenienz“** mit einer beeindruckenden Reichweite über unterschiedlichste Orte und Zeiten hinaus.

Rein logistisch zu bemängeln ist die Legende für Zupans kulturelles Kaleidoskop. Ergänzungen zum Lokaljargon und politischen Nuancen, die das Leseverständnis noch um einiges verbessern, werden in Anmerkungen zum Ende des Romans aufgeführt. Als solches sind Auswahl und Umfang der kulturellen, geschichtlichen und künstlerischen Kontexte zu loben, denn slowenische Kulturhistorie sollte den wenigsten deutschsprachigen Lesern im Detail bekannt sein.

Dass der Übersetzer sich ums Verständlichen der Feinheiten bemüht hat, ist großartig. Allerdings wird mit keinerlei Fußnote oder Bemerkung im Roman selbst darauf hingewiesen, wo und welche Begriffe, Kürzel, Namen oder kulturelle Kontexte ergänzt werden. Beginnt man daher zu lesen, ohne einen Blick auf die letzten Seiten geworfen zu haben, entdeckt man die Anmerkungen erst zum Schluss. Ein Vermerk auf der jeweiligen Textseite wäre für ein sachkundiges Leseerlebnis wünschenswert gewesen.


Hinter der bemerkenswerten Dichte an kulturellen und historischen Nuancen in Zupans Karambolage entpuppt sich schließlich die Seele des Protagonisten, die sich schleichend hinter den Fakten und Detailbeschreibungen der Geschichte offenbart.

Berks misslingende Versuche, irgendwo Halt zu finden und daraufhin immer wieder in den Erinnerungen des Krieges hängen zu bleiben; die Ziellosigkeit der eigenen Grundexistenz und daraus entstehender Weltschmerz – dort sind diejenigen Kerngedanken verborgen, die man schlussendlich als Leser und Person nicht faktisch, sondern emphatisch internalisiert:


„Du hängst immer dazwischen,
zwischen Extremen, gebannt in das stetige, rasende Hin und Her
zwischen allem und dem Geheimnis des eigenen Ich;
dein Leben lang bemühst du dich,
einen Augenblick stehenzubleiben und etwas zu erkennen – vergeblich, vergeblich.“


Parallel zur Kriegserzählung befindet sich der Protagonist nach dem Weltkrieg auf Reisen in Spanien und lässt sich auf eine freundschaftlich-kuriose Beziehung mit einem ehemaligen Offizier der deutschen Armee ein. Aus den reflexiven Dialogen geht eine unerwartete Balance zwischen potenziellen Opponenten vor, die von einer beidseitigen existenzialistischen Ratlosigkeit gezeichnet ist:


„Die großen Kriegsspieler schreiben Memoiren
oder lassen Geschichten ihrer Feldzüge verfassen.
Wir beide aber sitzen irgendwo in Spanien
und überlegen, was eigentlich war.“


Die grundlegende Sinn- und Zwecklosigkeit dessen, was andere als Heldentaten bezeichnen, bei Berk jedoch nur einen bitteren Nachgeschmack im Gaumen hinterlässt, bleibt im Nachspiel in der Luft hängen.


„Menuett für Gitarre“ bietet einen unglaublich weiten Resonanzboden und tiefe, prägende, universalmenschliche Eindrücke über das Leben zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs aus diversen Perspektiven. Diese Schätze muss der Leser sich allerdings erarbeiten – inmitten von Zweifel, Hunger, Läusen, Kälte, Nässe und Ungewissheit.

Wer da mithalten kann und möchte, dem ist Zupans Roman dringend zu empfehlen.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Menuett für Gitarre (zu 25 Schuss)
Autor: Vitomil Zupan
Seitenzahl: 597
Erscheinungsdatum: 10.03.2021
Verlag: Guggolz
ISBN: 978-3-945370-30-8

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** Nachwort des Übersetzers


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