Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 02/2021

Und schon ist er vorbei, der kürzeste Monat des neuen Jahres… mit einer Wucht an spannenden Leseeindrücken war er gefüllt.

Im Monatsrückblick lasse ich nun nochmal die Leseerlebnisse und -Eindrücke der vergangenen Wochen in chronologischer Reihenfolge Revue passieren.

Bei den Buchvorstellungen der Monatsrückblicke halte ich mich kurz und bündig – zur tiefergehenden Rezension und Analyse der Romane folge dem jeweiligen Link hinter den Buchtiteln.


Sollte eines von den besprochenen Büchern Dein Interesse geweckt haben, kannst Du diesen Blog mit einer Bestellung über die angegebenen Links kostenfrei unterstützen. Vielen Dank!

Hier sind meine Eindrücke und Gedanken zum Lesemonat Februar.


Tove Ditlevsen: „Kindheit“

© Aufbau Verlag

Der erste Roman der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen behandelt die frühesten Kindheitserinnerungen der Autorin und dokumentiert ihre Anfänge als Dichterin.

Ungeachtet des knappen Stils und des geringen Umfangs handelt es sich bei „Kindheit“ um eine Erzählung mit solcher emotionalen Intensität, die Bücher von dreifacher Seitenzahl erheblich übertrifft.

Ditlevsen malt ein düsteres, geradezu morbides Portrait von ihrer Kindheit als Gefängnis mit einer beengenden Atmosphäre, die ihre Persönlichkeit zerfrisst und ihre Gefühle ertauben lässt.

Es wäre ein Requiem, solange man ausschließlich die Außenwelt der Protagonistin und ihre hoffnungslose Lage beachtet. Doch bieten die Gedichte einen willkommenen Kontrast und dienen als tröstender Ausgleich sowohl für sie als auch für den Leser. Das Poesiealbum begleitet als tröstende Gestalt die erdrückende Kindheit und dient als Zufluchtsort. Denn die Gedichte sind schön, einfühlsam, dynamisch, farbenfroh, gefühlvoll – und zeugen von einer emotionalen Reife, die ein so junges Mädchen noch gar nicht besitzen sollte.

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Deniz Ohde: „Streulicht“

„Streulicht“ von Deniz Ohde hat einen Platz auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2020 erworben und seitdem die Aufmerksamkeit der deutschen Leserschaft gehalten. Der aussagekräftige Debütroman handelt vom täglichen, lebenslänglichen Kampf einer jungen Frau um das Recht zur Gleichheit.

Der Roman behandelt überdies familieninterne Beziehungen, Toleranztaubheit seitens des Großvaters, Passivität und Tatenlosigkeit der Mutter hinsichtlich ihrer eigenen Unterdrückung. Zudem prägen der Alkoholismus und die Wutausbrüche des Vaters den Alltag. Für die Protagonistin besteht nirgendwo die Möglichkeit, einen Zufluchtsort zu finden.

Die Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit, sowohl im Sinne des minderen Wertes ihrer sämtlichen Leistungen und dem fehlenden Potential, sich als gleichgestellte zu behaupten, erdrückt sie als Kind fast.

Frau A- überwindet die ihr gestellten Hindernisse und gewinnt in gewisser Hinsicht den Kampf um die Selbstbehauptung. Dennoch bleibt sie Außenseiterin, wird weiterhin täglich – wenn auch freundlich – als Ausländerin abgetan.

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Kate Elizabeth Russell: „Meine dunkle Vanessa“

© C. Bertelsmann

„Meine dunkle Vanessa“ von Kate Elizabeth Russell gilt mittlerweile als literarische Ikone der MeToo-Bewegung. Grund dafür sind in gleichen Maßen die Thematik des Buchs und die Art der Autorin, mit dieser Thematik umzugehen – denn Transparenz und die Neuverteilung des semantischen Feldes von „Scham“ sind angesichts der in diesem Kontext ans Licht gekommenen Sachverhalte der letzten Jahre mehr als notwendig.

Zu Beginn könnte man die Autorin fast des Sensationalismus beschuldigen: die ersten Seiten sind äußerst explizit und sexuell. Es wird außer Frage gestellt, dass es sich nur um eine verbale Beziehung oder kurzzeitige Belästigung handelte.

Blicke und Berührungen führen zu schönen Worten, Küsse und Versprechen schließlich zur Penetration. Von Vanessas Körper wird jahrelang Gebrauch gemacht – bis ins Erwachsenenalter.

Gekonnte Manipulationen des Englischlehrers Jacob Strane mit Angst, Scham, körperlichen Impulsen und Gefühlen sind – seitens des Lesers – offensichtlich.


Und doch ist Vanessa sich sicher, dass zwischen ihnen eine zärtliche, romantische Liebesbeziehung besteht.

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Cho Nam-Joo: „Kim Jiyoung, geboren 1982“

© KiWi

Cho Nam-Joos Roman über die Psychose einer jungen koreanischen Frau ist zum weltweiten Bestseller geworden und hat in Korea sogleich Massenproteste ausgelöst.

Der Roman erzählt in sachlich-knappem Ton Jiyoungs Lebensgeschichte von ihrer Kindheit über die Schulzeit bis zur universitären Ausbildung und beruflichen Laufbahn. Alle Phasen haben dreierlei Gemeinsamkeiten: ständige Rücksichtnahme auf alle Männer im familiären und beruflichen Umfeld, obligatorische Nutzung konventioneller Verhaltens- und Ausdrucksformen und waltende Angst vor Übergriffen von Männern zu allen Tageszeiten und an allen Existenzorten.

Der Roman schildert diverse Episoden aus Jiyoungs Leben, anhand welcher bemerkbar wird, dass sie sogar eine verhältnismäßig privilegierte Existenz genießen darf: Ihre Mutter und ältere Schwester äußern sich wortkräftig zu der versuchten Machtübernahme des jüngsten Bruders, ihr Verlobter nimmt Rücksicht auf ihre beruflichen Bestrebungen, eine ältere Dame hilft ihr aus einer äußerst prekären Situation; ihre direkte Vorgesetzte im Büro ist eine Frau, die sie fördert. Eine beachtliche Sammlung an glücklichen Fügungen also, die die wenigsten Frauen in Südkorea genießen dürfen.

Wäre die Erzählung stilistisch anders gestaltet, wäre die Begleitung von Jiyoungs mit Hindernissen und Hürden erfülltem Leben sicherlich im hohen Maß erschwert und emotional zu belastend. Nam-Joo erzählt jedoch fließend, komponiert auf kompakte Art und Weise, geht gekonnt mit Fakten und Statistiken um, verfasst dynamische Beschreibungen, formuliert wenn möglich humorvoll. Der Text ist also verhältnismäßig angenehm zu lesen, der Inhalt zugleich interessant und empörend. Ergreifend, informativ, lesenswert.

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Sally Rooney: „Normale Menschen“

© Luchterhand Verlag

Sally Rooneys introspektiver Roman „Normale Menschen“ handelt vom Erwachsenwerden, den Tücken von zwischenmenschlicher Kommunikation und der trügerischen Suche nach Trost in Normalität als Ausgleich anderweitig komplexer Umstände.

Im Grunde ist „Normale Menschen“ eine handelsübliche Entwicklungs- und Liebesgeschichte, die zwei junge Individuen in ihrer respektiven Emotionswelt beschreibt – doch zwischen den Zeilen halten sich beunruhigende Alternativinterpretationen versteckt.

Der Titel des Romans ist semantisch interessant, da beide Protagonisten sich grundsätzlich danach sehnen, das zu sein, was die Allgemeinheit als „normale Menschen“ bezeichnet. Im einen Fall bedeutet das: sich ausschließlich in der Peripherie bewegen, nicht auf andere einlassen, um selbst nicht aufzufallen. Im anderen Fall heißt es: sich ausschließlich innerhalb der konventionellen Normen bewegen, bloß keine Beliebtheit einbüßen.

Rooney beschreibt, wie die beiden sich im Sinne dieser Ideale in der High School gegenseitig verletzen, in ganz kleinen Schritten verstehen lernen, warum Normalität eine Illusion ist, und wie sie im Erwachsenalter zu sich selbst finden. Immer wieder zieht es die beiden emotionsbedingt zueinander – und doch misslingt die Kommunikation oder die Umstände treiben die zwei wieder auseinander.

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Tove Ditlevsen: „Jugend“

© Aufbau Verlag

Der zweite Band in Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie* berichtet über die ersten Schritte der jungen Protagonistin im selbstständigen Leben und erste Begegnungen in Dichterkreisen.

Auch Toves Jugend ist von einer tiefgreifenden Trauer und Sehnsucht geprägt, die die Autorin auf eine stilistisch unvergleichbare Art beschreibt. Die im ersten Roman aufgegriffenen Themen bezüglich Toves persönlichen und beruflichen Wünschen und Träumen werden im Großen und Ganzen linear weiterentwickelt.

Der Leser darf beobachten, wie die Protagonistin sich in Richtung einer selbstbewussten Schriftstellerin und Frau weiterentwickelt und sogar beginnt, ihre Träume der Veröffentlichung von Gedichten zu verwirklichen. In „Jugend“ gelingt es der Protagonistin ebenso, sich in gewissem Umfang aus den Klammern des Elternhauses zu befreien und die Beziehung zu den Eltern mit einer gewissen emotional positiven Substanz zu füllen – obwohl sie sich bei weitem noch nicht auf Augenhöhe bedingen.

Die im ersten Band prominente tiefe Melancholie ändert im zweiten Buch zwar ihre Form, bleibt aber dennoch im Vordergrund. „Jugend“ ist eine organische Weiterführung derjenigen Geschichte, der ich bereits in „Kindheit“ mit Begeisterung gefolgt bin. Stilistisch und inhaltlich sind auch hier die gefühlvollen Nuancen der Introspektive hervorzuheben: Ditlevsens Art, die tiefe Sehnsucht und das ergreifende Verlangen der Protagonistin zu schildern lassen das Buch sehr nah ans Herz wachsen.

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William Kamkwamba: „Der Junge, der den Wind einfing“

© Diederichs Verlag

„Der Junge, der den Wind einfing“ ist die Romanvariante seiner außerordentlichen Lebensgeschichte, die vor kurzem auch bei Netflix als Filmversion erschien.

Der Untertitel des Romans weist darauf hin, dass es sich um eine „afrikanische Heldengeschichte“ handelt – zwei Wörter, die das Buch mit einer ziemlichen Genauigkeit beschreiben. Einerseits ist die Geschichte afrikanisch im Sinne einer kleinen politischen und soziokulturellen Historie Malawis, die Kamkwamba seinen Lesern aus der Perspektive eines herkömmlichen Dorfbewohners schildert.

Aufgrund der farbenvollen Beschreibungen könnte man sich regelrecht in Afrika wiederfinden. Der Protagonist beschreibt die Heimat, die er kennt und liebt: die Gerüche, Temperaturen, Farben, Materialien, Geräusche, kleine Geschichten aus kleineren Orten, die mit persönlichen Details ausgestattet sind – all dies wird als Hintergrund der eigentlichen Haupthandlung beschrieben, bevor die Heldengeschichte in die Gänge kommt, denn alles hängt in der kleinen Gemeinde miteinander zusammen.

Kamkwamba ist nur ein kleiner Junge, wenn die Erzählung beginnt, und so macht sich schnell einen Platz im Herzen des Lesers frei: der Junge teilt sein beginnendes Leben durch teils lustige, teils in frohen Farben erzählte, teils ungewöhnliche Geschichten mit – bis aus der weitgehend naiv-lustigen Erzählungen über Magie, Liebe und Kindheitsabenteuer reflektierte Gedanken zur sozialen, ökonomischen und politischen Situation des eigenen Landes werden.

Bereits die sozioökonomische Seite der Erzählung besitzt aus einer europäischen Perspektive mehrere faszinierende Facetten. Die Schilderungen der trockenheitsbedingten Dürre und des sich schrittweise verschlimmernden Hungers stehen in der ersten Hälfte der Erzählung im Mittelpunkt – schließlich zwang diese Notlage Kamkwamba dazu, seine Familie mit allen Mitteln vor dem Hungertod zu bewahren und sich mit wissenschaftlichen Methoden anzufreunden.

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Tove Ditlevsen: „Abhängigkeit“

© Aufbau Verlag

Das letzte Buch der Kopenhagen-Trilogie* folgt der jungen Protagonistin beim Zurechtfinden in den konventionellen sozialen Rollen einer Frau, beschreibt ihre ersten Erfolge als Autorin und ihre sinnliche sowie philosophische Selbstverwirklichung in Künstlerkreisen. Darüber hinaus wird im letzten Band der Überlebenskampf gegen die Abhängigkeit thematisiert, dessen grausame Szenen den dritten Roman als emotionalen Höhepunkt der Trilogie gelten lassen.

Die zärtliche Melancholie des dritten Romans wird diesmal von der inhaltlichen Dunkelheit eingeholt. Obwohl auch diesem Band der Ditlevsen’sche Zauber innewohnt, wird Tove auf eine äußerst brutale Art mit der unangenehmen Seiten des Erwachsenenlebens konfrontiert.

Weder in der ersten noch der zweiten Ehe verläuft die Realität nach Toves Vorstellungen: es fehlt ihr erstlich an Nähe, dann an Intimität und zuletzt an Zärtlichkeit. Weiterhin ist das Schreiben ihr Ort für Zuflucht, Trost, Träumerei und Sehnsucht – im gleichen Maße oder sogar eher noch nach der Gründung und Erweiterung der eigenen Familie.

Durch die Befähigung des psychotischen dritten Ehemanns verfällt Tove einer nahezu fatalen Opiatabhängigkeit, um den Enttäuschungen und der Desillusionierung zu entkommen. Ihr weiteres Leben wird durch den darauffolgenden Überlebungskampf gezeichnet.

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Und nun bin ich gespannt auf Deine Eindrücke. Welche Highlights und welche Enttäuschungen hat der Monat Februar für Dich bereit gehalten?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr.

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