Literarische Abenteuer. Deniz Ohde: „Streulicht“

„Streulicht“ von Deniz Ohde hat einen Platz auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2020 erworben und seitdem die Aufmerksamkeit der deutschen Leserschaft gehalten. Der aussagekräftige Debütroman handelt vom täglichen, lebenslänglichen Kampf einer jungen Frau um das Recht zur Gleichheit.

Was ist daran so außergewöhnlich und lesenswert?


Die Geschichte verfolgt eine Protagonistin mit zwei Vornamen, von denen nur einer in der Öffentlichkeit genannt und genutzt werden darf. Der andere wird geheim gehalten.

Grund dafür ist die Notwendigkeit, jegliche Assoziationen mit Fremdheit verbergen zu müssen.

Denn sie ist zwar von hier, wird jedoch nicht als solche wahrgenommen. Und dies ist ihr sehnlichster Wunsch: dazuzugehören.

Sie hat Freunde – und doch tun andere Kinder ihr Gewalt an. Ihr Name ist nicht im Souvenirshop bei den Schlüsselanhängern auffindbar. Ihre Mutter kommt aus den Bergen am Meer, sie wurde schonmal von einem Löwen gebissen…

Die exotische Magie der Vorfahren wird jedoch zum Fluch – auch wenn man selber in Deutschland geboren ist.

Mit der Absicht, bloß nicht aufzufallen, bleibt sie sprach- und tatenlos, erduldet tägliche Diskriminierung von Mitschülern und Lehrern, schulische Ausgrenzung und zuletzt Ausscheidung.

Im Laufe ihrer gesamten schulischen Laufbahn wird die Protagonistin ungerecht behandelt – unter der Prämisse, sie sei selbst daran schuld.


Ich sagte meiner Mutter auf dem Heimweg, welches Wort ich gehört hatte kurz vor dem Stoß. Ich fragte, was es bedeutete. Es ist ein Schimpfwort, sagte sie. Aber du kannst nicht gemeint sein. Du bist Deutsche.“ [49]


Der Roman behandelt überdies familieninterne Beziehungen, Toleranztaubheit seitens des Großvaters, Passivität und Tatenlosigkeit der Mutter hinsichtlich ihrer eigenen Unterdrückung.

Zudem prägen der Alkoholismus und die Wutausbrüche des Vaters den Alltag. Für die Protagonistin besteht nirgendwo die Möglichkeit, einen Zufluchtsort zu finden.

Die Überzeugung von der eigenen Minderwertigkeit, sowohl im Sinne des minderen Wertes ihrer sämtlichen Leistungen und dem fehlenden Potential, sich als gleichgestellte zu behaupten, erdrückt sie als Kind fast.


…aber nicht für accent aigu und accent grave hatte ich Platz in meinem Kopf […]. Nicht diese Bedeutungen waren wichtig, mir zu merken, sondern die Zeichen, die mir und meiner Mutter das Überleben sicherten.“ [67]


Auch wenn die Protagonistin als Erwachsene eine innere Stärke ausbaut, aus dem Drang dazuzugehören herauswächst und trotz fortfahrender Diskriminierung zu sich selbst zu stehen lernt, fällt das Atmen ihr jedes Mal wieder schwer, sobald sie den Vater im heimlichen Ort besucht.

Die emotionale und moralische Unterdrückung einer kompletten menschlichen Existenz wird in „Streulicht“ von Satz und Seite eins an sehr klar kommuniziert. Der Roman beginnt zwar mit der Rückkehr zum Vater und einer theoretischen Freude ums Wiedersehen – doch ist die Schwere, die in der heimatlichen Luft liegt, nicht zu übersehen. Ohde hat es geschafft, in einem außergewöhnlichen Stil diese erdrückende Atmosphäre zu beschreiben.


„„Du bist noch jung,
du kannst noch alles retten.““ [281]


Frau A- überwindet die ihr gestellten Hindernisse und gewinnt in gewisser Hinsicht den Kampf um die Selbstbehauptung. Dennoch bleibt sie Außenseiterin, wird weiterhin täglich – wenn auch freundlich – als Ausländerin abgetan.

Dass regressive Rechtsextremisten diese Sachlage bejahen, ist innerhalb ihrer Ideologie nachvollziehbar, wenn auch unmenschlich. Dass jedoch das deutsche Bildungssystem auf solcher Engstirnigkeit beruhte und beruht, ist nicht auszuhalten.

Zugleich möchte man der Protagonistin als Leser auf die Schulter klopfen, und schämt sich für die Beschaffenheit einer Gesellschaft, eines Bildungssystems, das Vorhandensein eines solchen Vorurteilekatalogs.


„Streulicht“ sollte als Lesestoff im Grunde genommen harter Tobak sein, dennoch ist Ohdes Schreibstil zugleich schwermütig und lebendig – die Autorin zeichnet elegante Linien mit düsteren Farben. Der Roman ist sozialkritisch und triumphierend zugleich, eine mit voller Kraft packende und mitreißende Kombination.

„Streulicht“ ist ein einzigartiges Debüt mit einer gewichtigen Botschaft.

Verdammt tiefgreifend – und sehr lesenswert.


Bibliografie:

Titel: Streulicht
Autor: Deniz Ohde
Seitenzahl: 284
Erscheinungsdatum: 17.08.2020
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42963-1

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