Geklebt und gekittet. Elena Medel: „Die Wunder“

Die spanische Autorin und Verlegerin Elena Medel (* 1985) wurde zur Veröffentlichung ihres Debütromans „Die Wunder“ als Ausnahmeerscheinung gerühmt und erhielt als erste Frau den Premio Francisco Umbral.

Worin liegt das Besondere an Medels Debüt – und ist eine internationale Resonanz dieses Romans nur eingeschränkt möglich?


© Suhrkamp

Elena Medels Debütroman „Die Wunder“ (La maravillas, 2020) habe zur Erscheinung in Spanien eine Sensation ausgelöst und wurde mittlerweile in fünfzehn Sprachen übersetzt.

In diesem Jahr ist der Roman hierzulande erschienen, aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange.

„Die Wunder“ erzählt die Geschichte von María und Alicia, Großmutter und Enkelin, die sich zwar nie begegnen, doch aufgrund ihrer sozialen Rolle als Frau und Mutter in unterschiedlichen Dekaden sehr ähnlichen Herausforderungen begegnen.

Gepriesen wird Medels Debüt als „eleganter feministischer Bildungsroman“ – eine Einschätzung, der ich nach der Lektüre größtenteils gerne zustimmen möchte.


Vor allem überzeugt „Die Wunder“ mit einer anspruchsvollen Komposition, der feinfühligen individuellen Aufarbeitung beider Protagonistinnen und einer echten, ungeschönten Perspektive auf das Frausein an sich – vor, in und nach der äußerst ambivalenten Mutterrolle.

Sowohl Alicia als auch María haben keine großen, romantischen Liebschaften erfahren und gehen eheliche Beziehungen als Mittel zum Zweck ein – eine realistische soziale Facette, die aus Medels Feder interpretiert auch weiterhin vollständige Aktualität besitzt, wenn es um eine weibliche Existenz an der Armutsgrenze geht.


Nämlich weisen die Blicke auf Marías und Alicias Leben in den auf zwei Zeitebenen voranschreitenden Kapiteln auf bedenklich viele Ähnlichkeiten der Biografien hin, die respektive in den 1970er und 80er Jahren und in den 2010er Jahren verlaufen.


Nando bittet, gibt mir wenigstens das, Alicia.
„Das“ meint nicht mehr die Ehe, auf die Alicia dann doch

eingegangen ist, weil sie ihr diese triste Wohnung in einem
tristen Viertel sicherte, und meint auch nicht die Kinder.(14)


Das Stichwort „trist“ kann im Überlebenskampf der Frauen durchaus als Leitmotiv geltend gemacht werden – obwohl ein Moment der finanziellen Unabhängigkeit zumindest in einer Handlungslinie vorkommt, werden die Leben der Frauen von täglichen Sorgen um das Leben mit minimalen Mitteln geprägt.

Für keine der beiden Figuren stellt dieser Kampf jedoch die größte individuelle Schwierigkeit dar.


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Während eine der Frauen mit Schuldgefühlen und aus einer prekären Affäre entstehenden Vergangenheitstraumata zu kämpfen hat, muss die andere sich mit dem tragischen Verlust eines Familienmitglieds auseinandersetzen. Eine der Protagonistinnen wird in Gedanken, die andere in Träumen verfolgt – beider Vergangenheit zehrt an ihnen, genauso wie auch ihre Gegenwart.


Der Mutterkörper ist für keinen Mann ein Glücksfall. […]
Wie wird Nando reagieren, wenn ihre Brüste noch mehr hängen,
wenn sie Streifen an den Schenkeln bekommt?
(15)


Die konventionell erwünschte, ersehnte, erfreuliche Mutterrolle empfinden beide Frauen im Wesentlichen als unangenehm, gefährlich, benachteiligend. Obwohl María sich für ihre Tochter einsetzt, kann interpretativ durchaus behauptet werden, dass konventionelle Zwänge sie dazu verpflichten.

Grundlegend hat Medel auch bei dieser zeitlosen Thematik eine faszinierende Ambivalenz hervorheben können.


Als originell, facettenreich, den Puls beider dargestellten Zeitebenen treffend und äußerst berührend gilt die erstrebenswerte weibliche Solidarität, die Medel in „Die Wunder“ zu Tage legt.

Sei es bei Treffen der Bürgerinitiative, bei der Frühschicht beim Reinigen eines Bürogebäudes, in der Schlange einer Kneipentoilette oder bei der gefährlichen Hektik einer Demonstration – sowohl im übertragenen als auch im wortwörtlichen Sinne helfen die Frauen einander immer wieder auf die Beine.

Eine Prise interessanter zu verfolgen ist in diesem Rahmen Marías Emanzipation, die aus dem Schatten ihres Ehemannes wächst und sowohl ihre eigene Stimme als auch den Mut, diese zu verbalisieren, nach und nach findet.


Wie immer zieht María das Schweigen vor; sie geht zu Treffen
und Versammlungen, notiert die Titel der erwähnten Bücher, […]
liest sie und schreibt anschließend die Gedanken in Hefte,
[…]
nie meldet sie sich zu Wort.(107)


Medel fängt Alltagsszenen, Atmosphäre, Räumlichkeiten, Cafés, Bauten und zahlreiche andere Nuancen beider Handlungsorte Córdoba und Madrid gekonnt ein: gerade diejenigen Lesenden, die beide Städte bereits besucht haben, werden sich über ein Wiedersehen freuen.


Als bleibender Kritikpunkt für „Die Wunder“ gilt der Umfang des Romans, der eine teils nur angedeutete Präsenz vieler Aspekte erlaubt, die viel ausführlicher hätten beschrieben werden können. Die Traumata selbst bleiben in beiden Fällen sowohl figurenpsychologisch als auch bezüglich des faktisch Geschehenen fast unberührt, Medel lässt zahlreihe Knoten und Fäden in beiden Handlungslinien hängen.

Einige Aspekte, die unter Umständen für mehr „Fleisch“ am Charakter sorgen würden, werden nicht mit derjenigen Seitenzahl gewürdigt, die für eine Nachwirkung mit Tragweite notwendig wäre.


Insofern erscheint vor allem die Bezeichnung als „Bildungsroman“ übereifrig, da die Stärke von „Die Wunder“ eben nicht in der linearen Darstellung weiblicher Biografien, sondern der treffsicheren kombinatorischen Wirkung entscheidender Momente und Szenen aus den Biografien zweier Protagonistinnen liegt.

Auch wenn diese Entscheidungen argumentativ weder auf der Figuren- noch auf der Kompositionsebene als Schwäche wahrzunehmen sind – sprachlich und thematisch überzeugt Medel –, empfinde ich es als fair, vor der Lektüre klarzustellen, auf welcherlei Roman man*frau sich einlässt.


In Berücksichtigung obiger Einschränkungen möchte ich „Die Wunder“ von Elena Medel besonders denjenigen Lesenden ans Herz legen, die an nüchternen Introspektiven, gefühlvollen Emanzipationsgeschichten und szenischen Lebensdarstellungen Genuss finden.

Gerade als Debüt ist dieser Roman als bemerkenswert zu beurteilen. Ich bin gespannt auf Weiteres von der Autorin.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Die Wunder
Autor*in: Elena Medel
Übs.*in: Susanne Lange

221 Seiten | 23,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 15.08.
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-43028-6

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