Reif für Hollywood. Shelly Kupferberg: „Isidor“

Die Berliner Autorin Shelly Kupferberg (* 1974) arbeitet als Journalistin und Moderatorin für ›Deutschlandfunk Kultur‹ und ›RBB Kultur‹. In ihrem Debütroman „Isidor“ verarbeitet Kupferberg ihre komplexe Familiengeschichte – und offenbart spannende Verknüpfungen zwischen Tel Aviv und Hollywood.

Warum liest sich diese thematisch gewichtige Lektüre so leicht?


© Diogenes

Shelly Kupferbergs Debütroman „Isidor“ ist eigentlich als erzählendes Sachbuch einzuordnen, da es sich um eine Mischung aus erzählenden Passagen, zitierten Briefen, Dokumenten und fiktionalen Ausschmückungen handelt.

Die Geschichte einer jüdischen Familie zum Jahrhundertbeginn fokussiert allerdings vorrangig auf den erstaunlichen Werdegang des Kommerzialrats und Multimillionärs Dr. Isidor Geller.

Kupferberg beschreibt zunächst ihren Weg zu Isidor, die Recherche in den Briefen und Familienurkunden, das Studium der Biografie ihres Großvaters – und die durchgehend erscheinende prominente Person des Urgroßonkels.


[…] die kleinen und großen Geschichten versuche ich zu
einem Ganzen zusammenzusetzen und begebe mich auf
die Suche nach Zeugnissen aus jener Zeit. Dabei stoße ich
immer wieder auf ihn: den schillernden Onkel Isidor.(13)


Dass die Lebensgeschichte Isidors bereits aufgrund reiner Fakten als faszinierend und tumultuös beschrieben werden kann, steht außer Zweifel. Gelungen ist Kupferberg jedoch auch die erzählerische Ausstaffierung vorhandener Fakten: sie zitiert zwecks Authentizität zahlreiche Dokumente und Briefe, nutzt diese allerdings lediglich zur Illustration der Handlung, die fließend und fesselnd beschrieben wird – sowohl bezüglich der Sprache als auch der Komposition.


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Argumentativ steigt und fällt die Geschichte sofern auch mit ihrer Titelfigur – Kupferberg erläutert nicht nur den Werdegang und das tragische Schicksal von Isidor, sondern geht auf die einzelnen Geschichten zahlreicher Familienmitglieder ein.

Durch kurze Kapitel, Fokussierung auf das Interessante im Gegensatz zum Traumatisierenden, charismatische Personenbeschreibungen und sprachliche Entscheidungen gelingt es Kupferberg, diese Geschichte als beeindruckend leichte Lektüre zu gestalten, obwohl Vernichtungslager, Judenhass und unmenschliche Taten vorkommen.


Argumentativ ist dies jedoch als positiv zu betrachten, da der Text mit seiner übergreifend charismatischen, freundlichen Art geradezu unbemerkt wichtige Wahrheiten zur Geschichte der Machtübernahme der NSDAP und die Verachtung sowie Vernichtung der Juden in Deutschland und in Österreich erörtert und besser verdauen lässt.

Ob die Erzählung an sich ein wenig „knackiger“ geworden wäre, wenn die fiktionale Ausarbeitung zu Isidors Biografie stärker im Fokus gestanden hätte? Mit Sicherheit – doch ist dies nie Ziel der Sache gewesen. Klappentext und Untertitel – „eine jüdische Geschichte“ – weisen einstimmig auf die Thematik hin. Es geht um die Geschichte einer jüdischen Familie.


Eine weitere Figur dieses Romans ist die Schauspielerin Ilona Massey, kurzzeitige Geliebte von Isidor. Im Raum stand auf den ersten Blick die Frage, ob ihre individuelle Biografie wirklich eng an die Familiengeschichte verknüpft ist – oder ob die errungene Position als Filmstar in Hollywood schlicht und ergreifend einen sensationalistischen Wert besitzt?

Da Massey ihre Karriere in großen Teilen dem Kommerzialrat zu verdanken hat – der auch leidenschaftlicher Opernfreund war –, und da die Beziehung zu ihr einen wichtigen Teil der Titelfigur illustriert, legen sich die scheinbar weit gegriffenen Teilchen zum Schluss der Geschichte und auf den zweiten Blick passend ineinander.


Und so kam es zu einem Treffen mit Louis B. Mayer,
[…]
denn sie hatte es, das „gewisse Etwas“.“(157)


Shelly Kupferberg bringt in „Isidor“ sowohl herausragende Sprachgewandtheit als auch kompositorisches Können zu Tage. An der Rahmenhandlung, Einleitung und am Ausklang dieses erzählenden Sachbuchs gewinnt die Lektüre an Komplexität, weitet ihren Reflexionsboden aus und lässt Lesende einen persönlichen Bezugspunkt zum schillernden, unnahbaren Isidor finden.

Was es aber eigentlich mit dem Cover-Reh auf sich hat, sollen Leser*innen selbst im Laufe der Lektüre erfahren. Es wartet ein schöner Aha-Moment.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: „Isidor“
Autor*in: Shelly Kupferberg

256 Seiten | 24,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 24.08.2022
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07206-8

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