In der Märchenwelt gefangen. Eeva-Liisa Manner: „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“

Die finnische Romanautorin, Dichterin und Übersetzerin Eeva-Liisa Manner (1921–1995) veröffentlichte ihren ersten Gedichtband bereits 1944 – der Durchbruch gelang ihr allerdings erst 1956 mit der Sammlung „Diese Reise“, bekannt als erster modernistischer Gedichtband Finnlands.

Welche Kindheitserinnerungen verarbeitet Manner in ihrem Roman „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ – und auf welchen Wegen begibt sich auch dieser Text in lyrische Gefilde?


© Guggolz

Eeva-Liisa Manners Roman „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ (Tyttö taivaan laiturilla, 1951), übersetzt von Maximilian Murmann, ist die in malerisch tristen Tönen dargebotene Schilderung einer einsamen Kindheit, für die Manner aus ihrer eigenen Erinnerung Inspiration geschöpft hat.

In diesem schlanken Büchlein lebt die gefühlsintensive, ergreifende Geschichte eines kleinen traurigen Mädchens, das der Welt nach und nach abhandenkommt.


Leenas Mutter ist nur wenige Tage nach ihrer Geburt gestorben, ihr Vater hat die Familie ebenso verlassen.

Gefangen zwischen der düsteren Gedankenwelt ihrer frommen Großmutter, der Regelwerke ihrer strengen Lehrerin und den verwirrenden Straßen ihrer Stadt, die von der Zeit vergessen zu sein scheint, sucht Leena nach Trost und Zuflucht vor der sie beängstigenden Menschenwelt – und findet diese in der Musik und in ihrer eigenen Fantasie.


Ein Blatt – herausgefallen aus einem Märchen.
Ist sie aus einem Märchen herausgefallen?

Hat sie nicht einmal, vor langer Zeit, ein gefährlich schönes
Märchen gelesen, das von ihr selbst handelte?(118)


Auf verlassenen Landschaften irrend betrachtet und reflektiert Leena ihre natürliche Umgebung mit einem kindlich-naiven Blick voller Trauer und Traurigkeit – nach Glück und Liebe suchend, doch stets allein am ewigen Ufer des Lebens stehend.


Bereits das Himmelblaue Cover deutet auf die Gegenüberstellung von Wasser und Himmel und die reichhaltige Wassersymbolik in Leenas Gedankenwelt hin. Ihre Betrachtungen zu den natürlichen Bindungen von Elementen überlappen sich auf unerwarteten Wegen mit Reflexionen zur menschlichen Existenz; das Wasser wird mit einer alles vereinenden Bedeutung aufgeladen und mit dem semantischen Feld des Musikalischen verwoben.


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Als frühreifes Kind oder außergewöhnliche Figur ist Leena trotz ihrer glühenden Betrachtungswelten eigentlich nicht einzustufen: das Mädchen scheut sich vor menschlichen Begegnungen sowohl im schulischen als auch im häuslichen Umfeld.

Ohne Eltern, Familie und anderer Art Halt irrt sie durch ihren Alltag und entschlüpft fast allen Erwachsenen, die versuchen, einen Einfluss auf sie zu nehmen.

Sowohl ihr Gemüt als auch ihr Körper erschweren es Leena, eine Bindung zur menschlichen Gesellschaft zu finden und zu bewahren. Gesundheitliche Probleme beeinflussen die Behandlung des Mädchens durch andere, schüchtern das Selbstbild, welches von einer problematischen Familienstruktur nach außen hin bereits geschädigt ist, gnadenlos ein – und statten Leena mit einem ständig an ihr nagenden Todeswunsch aus.

Auf dieser Erde sucht die Protagonistin zwar immerzu nach etwas Schönem, entgleitet ihrem Umfeld allerdings willentlich und zunehmend.

Bis hin zur aktiven Entscheidung, sich zu verabschieden.


Sie wusste, dass Oma um sie gefürchtet hatte,
aber diese Furcht erreichte sie nicht –
sie hatte ja aufgehört zu existieren.“(97)


Eeva-Liisa Manner realisiert in diesem Roman eine morbide, depressive – und gleichzeitig einfühlsame, geradezu fromm-feierliche Stimmung. Ihre Erzählerstimme trägt ein trauriges Lächeln und bewundert das karge Umfeld, in dem die Protagonistin sich selbst suchend irrt.


Klare Handlungslinien sind der Geschichte insofern zu entnehmen, dass Leena sich in einer argumentativ depressiven Spirale mit zunehmenden suizidalen Tendenzen befindet – große Spannungsbögen oder ein eiliges Erzähltempo sind in diesem Roman nicht zu finden.

In diesem Zusammenhang ist das schlanke Format von „Das Mädchen an der Himmelsbrücke“ gekonnt gewählt – die reichlich vorhandenen Komplexitäten sind ohnehin auf der introspektiven Figurenebene, in zwischenmenschlichen Kleinigkeiten verborgen.

Hinweise auf die kurz geschilderten traumatischen Erlebnisse der Großmutter und dessen Spuren in Leenas emotionaler Konstitution; der Unwillen Erwachsener, auf Leenas besonderes Wesen emphatisch einzugehen – oder die seherische Färbung einer Aussage bezüglich ihrer Genialität – dies sind Sachverhalte, die als Häppchen in den knappen Text eingestreut werden und zur Interpretation offenbleiben.

Wie etwa der Ausklang der Geschichte.

Hinsichtlich dem Umgang mit konventionell-christlichen Werten und der vorgeprägt feindlichen Einstellung der Großmutter zu divergierenden Konfessionen merkt man*frau Manners Roman ihr Alter an. Von diesen Szenen abgesehen sind Leenas geerbter Weltschmerz und die düstere Romantik gefährlicher Flussidyllen zeitlos und epochenübergreifend.


Auf der Handlungsebene könnte diese triste Geschichte mit einem einzigen Satz aus dem Romantext schlicht zusammengefasst werden: „Und dann ging sie, sehr verwirrt und sehr glücklich.“(89) Allerdings ist in Manners Texten – und Figuren – wesentlich mehr zu entdecken als deren visuell wahrnehmbarer Körper.

Hinsichtlich des Resonanzbodens und der sprachlichen Vielfalt dieser Lektüre wird „Das Mädchen auf der Himmelsbrücke“ vor allem lyrisch interessierte Lesende lange nach dem Abschluss der kurzen Lektüre beschäftigen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke
Autor*in: Eeva-Liisa Manner
Übs.*in: Maximilian Murmann

154 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 18.08.2022
Verlag: Guggolz
ISBN: 978-3945370360

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  1. Ein wunderschöner Beitrag!!! Alles andere schaue ich mir in Ruhe an. Tag für Tag. Bis bald.

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  2. Liebe Sandra, genau dieses Buch steht schon eine Weile auf meiner Wunschliste, eben aufgrund der Thematik und weniger zwecks Spannungsbogen, welcher nicht existiert.
    Ich danke dir für deine ausführliche Rezension.

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    • Gerne, liebe Anna! Ja, es ist ein stark introspektives Buch mit einer fesselnden Symbolebene, man*frau kann sich richtig darin vertiefen – ohne aufgrund der relativ nebensächlichen Handlungsebene selbst ungeduldig zu werden. Ich denke, dass es dir gut gefallen könnte. ♥

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