Kreisverkehr der Seelen. Abubakar Adam Ibrahim: „Zeit der Glühwürmchen“

Abubakar Adam Ibrahim setzt sich in seinem Roman „Zeit der Glühwürmchen“ mit der ewigen Widerkehr des Gleichen auseinander, sinniert über das Wesentliche und Unwesentliche an der menschlichen Existenz – und zeichnet atemberaubende Szenen aus nigerianischen Landschaften.

Natur und Gefühle, Politik und Geschichte, Kunst und Leidenschaft, Diesseits und Jenseits – nichts kommt in diesem schönen Buch zu kurz.


Der nigerianische Autor und Journalist Abubakar Adam Ibrahim hat für seine Reportagen und Kurzgeschichten zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen, sein Debütroman „Wo wir stolpern und wo wir fallen“ (Season of Crimson Blossoms, 2015) wurde 2016 mit dem Nigerianischen Literaturpreis ausgezeichnet. Ibrahim lebt in Abuja. „Zeit der Glühwürmchen“, aus dem Englischen übersetzt von Susann Urban, ist sein zweiter Roman.

„Zeit der Glühwürmchen“ handelt von dem Künstler Yarima Lalo, der an einem Bahnhof in Abuja stehend von einem plötzlichen und lebensverändernden Sinnbild heimgesucht wird. Lalo erlebt an diesem heißen Junitag, als er einen Zug bei der Einfahrt beobachtet, gleichzeitig eine Vision und eine Erkenntnis, doch diese hat nicht wirklich etwas mit seinem jetzigen Leben zu tun.

Yarima Lalos erschreckende Vision zeigt ihm nämlich, wie er in einem früheren Leben ermordet wurde.

Der ersten blutigen Szene folgt in Bälde eine weitere Gräueltat:


„Wasser ergoss sich über den Teppich
und löste […] eine Erinnerung aus:

Blut hatte sich um seinen Kopf ausgebreitet
und versickerte in der schwarzen Erde,
auf der er lag.“
(23)


Zweimal ist Yarima Lalo ermordet worden – dieselbe Seele, nun in einer weiteren Gestalt auf der Erde wandelnd, wird seiner vorherigen Lebenszyklen bewusst. Um das gleiche Schicksal ein drittes Mal zu vermeiden, beginnt Lalo, seine Vergangenheit zu untersuchen, und macht sich auf eine Reise quer durchs Land – quer durch seine irdischen Leben, vor einem weiteren Tod fliehend.

Lalo wird auf seiner Fahrt in die Vergangenheit von einer jungen Frau begleitet, die er an dem verheißungsvollen Tag der ersten Vision am Bahnsteig kennenlernt. Auch Aziza muss einer womöglich lebensgefährlichen Begegnung entfliehen – doch geht es ihr primär um die Sicherheit ihrer Tochter.

Gemeinsam bewegen die beiden sich durch Nigeria, lösen allzumenschliche sowie fantastische Rätsel aus ihrer respektiven Geschichte – und verlieben sich Stück für Stück ineinander.

Doch haben Lalo und Aziza wirklich eine Zukunft – oder schweben zu viele Geister zwischen ihnen?


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Der Roman besteht aus sieben nach den Farben des Regenbogens benannten Teilen, die wiederum in kurze und gut lesbare Kapitel gegliedert sind. Grundsätzlich verläuft die Handlung linear und chronologisch, was angesichts der ambitionierten Vielschichtigkeit der Geschichte als eine gelungene Entscheidung hervorzuheben ist.

Die Ausnahme bilden einige einzelne Zeitsprünge, die auf Lalos frühere Leben eingehen – denn als er beginnt, seine Tode zu untersuchen, dokumentiert Lalo seine Erinnerungen als „Die Chroniken“. Jede seiner Leben birgt nämlich auch eine weitere Liebesgeschichte.


„Ich denke auch an das,
was sie bereits wusste,
aber nie erwähnte,

an unsere Träume,
die in der Morgendämmerung
ihres Entstehens

zerrannen.“(105)


Um gemäß der Tradition ‚Meckern auf hohem Niveau‘ etwas Kritik in die Resonanz einzubetten, soll an dieser Stelle das weibliche Romanpersonal obduziert werden.

Obwohl die weiblichen Figuren Lalos Charakter zusätzliche Tiefe verleihen und die kulturhistorischen Kulissen der Erzählwelt bereichern, ist keine von ihnen wirklich als alleinstehendes Individuum, als vollwertige Figur, zu betrachten. Eher reihen die Frauen der Vergangenheit sich als Silhouetten ins Panorama der einen, zentralen, großen, wichtigen Heldenbiografie. Auch Aziza steht streng betrachtet lediglich an Lalos Seite.


Das besagte Panorama an sich allerdings ist wiederum großartig und gelungen, wenn wir den Roman als ein gesellschaftskritisches Werk lesen möchten. Lesende erhalten allgemeine Kenntnisse zur nigerianischen Zeitgeschichte, schauen Szenen aus der Historie der einzelnen Städte, lernen über die Schönheit und den Anmut der Koroso-Tänzerinnen, staunen über den Mythos vom legendären Rennpferd Dan Filinge – und werden über die Gräueltaten und Verbrechen der Boko Haram in Kenntnis gesetzt.

Zudem lernen wir anhand der weiblichen Figuren unglaublich viel über die nichtigen Rechte und Freiheiten einer nigerianischen Frau; über ihre immerwährenden Pflichten als Tochter, Schwester, Mutter und Ehefrau – über die beschränkten Möglichkeiten, sich aus dem Käfig ihrer männlichen Peripherie zu befreien; und dass es Frauen in Nigeria weder damals noch heute gegönnt ist, überhaupt Individuum zu sein oder zu werden.


„Ich werde sie nie aufgeben.

Ich werde nicht zulassen,
dass ihr das gleiche passiert wie mir.“

„Was ist dir passiert, Aziza?“
(175)


Dass Abubakar Adam Ibrahims Roman weitere fantastische Elemente besitzt, dass Lalo der einzige Mensch ist, dem mystische Seelensammlerinnen erschienen, was es mit den unsichtbaren Kindern auf sich hat – und woher der Titel „Zeit der Glühwürmchen“ eigentlich stammt?

Viele Fragen sind noch offen. Und obwohl es noch einiges zu besprechen gäbe, möchte ich die märchenhaften Überraschungen des Romans jedem Lesenden zur eigenständigen Entdeckung überlassen, damit die Magie der Glühwürmchen Dich nach und nach umhüllen kann, wie es bei meiner Lektüre geschehen ist.

In meinen Augen handelt es sich bei diesem Buch einerseits um eine fesselnde Studie zur conditio humana, mit viel Gefühl und sanfter Bildsprache – zeitgleich lesen wir aber auch eine intensive gesellschaftskritische Erzählung über ein von Tragik und Gewalt geprägtes Land.


Auch wenn die magischen Elemente aus „Zeit der Glühwürmchen“ nicht wegzudenken sind – Geister und Dämonen und fantastische Fügungen halten das Große Ganze, die Komposition der Geschichte, von Beginn bis Ende zusammen –, waren es die aus der greifbaren Welt genommenen Szenen, Passagen und Abschnitte, die in mir persönlich die tiefsten Spuren hinterlassen haben.

Obgleich sich bei diesem Punkt die Lesarten und Meinungen unterscheiden mögen – hier werden ganz klar beide Geschmäcker gut bedient. Offensichtlich versteht Abubakar Adam Ibrahim es, das Gleichgewicht zwischen Zauberei und Wirklichkeit aufrecht zu erhalten – und Geschichten in einer großartigen Sprache in Worte zu fassen, die mich diesen Roman haben regelrecht verschlingen lassen.

Meinerseits spreche ich eine innige Leseempfehlung aus.


Disclaimer: Bei dieser Buchbesprechung handelt es sich um eine bezahlte Kooperation. 
Das beeinflusst jedoch in keinerlei Hinsicht meine authentischen Gedanken zu Buch, Thematik und Autor*in.

Zeit der Glühwürmchen Buch Roman Cover Rezension Bewertung

Bibliografie

Titel: : Zeit der Glühwürmchen
Autor*in: Abubakar Adam Ibrahim
Übs.*in: Susann Urban

400 Seiten | 28,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 03.03.2025
Verlag: Residenz Verlag

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