Vitruvianische Familie. Aude: „Das Wanderkind“

„Das Wanderkind“ von Claudette Charbonneau alias Aude, übersetzt von Ina Böhme, ist eine unheimliche Familiengeschichte. So knapp wie intensiv – so düster wie gefühlvoll. In puncto düstere Introspektion sind mir direkt Jessica Lind und Doris Lessing eingefallen, was allerdings den ruhig-reifen Erzählton betrifft, fühlte ich mich an Bernhard Schlink und Sylvain Prudhomme erinnert.


Aude erzählt mit Geschick und Feingefühl – doch scheut die frankokanadische Autorin, deren Kurzgeschichtensammlung „Cet imperceptible mouvement“, 1997 (engl. „The Indiscernible Movement“, 1998) sich den Themenkomplexen Wahnsinn und Tod widmete, auch hier nicht den Abstieg in tiefste Schluchten der menschlichen Psyche.

Mittels kontrastreicher Momentaufnahmen tauchen wir in „Das Wanderkind“ ein in die Geschichte einer Familie und begeben uns auf eine wahrhaftige Achterbahn der Gefühle, eine Dekaden überdauernde Anatomie des Leidens.

Zunächst begegnen wir der Protagonistin Corinne in den letzten Tagen ihrer Schwangerschaft. Wenige Zeilen später liegt Corinne bereits im Krankenhaus, wo sie auf die Niederkunft wartet.

Corinne trägt Zwillinge unter ihrer schwellenden Brust. Doch nur einer von beiden soll auch auf die Welt kommen – der andere habe seine Existenz bereits im Mutterbauch beendet, da der stärkere Bruder die gesamten Ressourcen zum Überleben alleine verbraucht habe.


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Doch ein Wunder passiert – und auch der bereits für eine Stillgeburt gehaltene Kleine öffnet die Augen zum Tageslicht.

An der Seite seines Bruders wächst er langsam voran. Augenscheinlich immer unter seinem Flügel versteckt, sich vorsichtig in die Welt herantastend. Doch in Wahrheit sieht das Abhängigkeitsverhältnis der Brüder ganz anders aus, als ihre Körpergröße es vermuten ließe.

Wie andere Familienmitglieder versuchen, die Kinder zu lieben – und welche Abgründe durch Übungen der Zuneigung geöffnet werden; welche schmerzvollen Lektionen die Schwester und die Eltern über die Grausamkeit von kleinen Jungs lernen, ist erschütternd.

Und doch so faszinierend – da so menschlich. Denn auch der große Bruder leidet unendlich, und auch für diese psychologische Dünnschicht findet die Autorin reichlich Spielraum in ihrem vitruvianischen Familienporträt.


Aude obduziert mit Geschick und Präzision, legt hauchdünne Schichten der Psyche sorgfältig an den Tag – und zeigt Linien und Punkte kleinster Adern und Gefäße ihrer Figuren; ihre scharfsanfte Feder bewegt sich dort, wo nur die wenigsten hinschauen würden.

„Das Wanderkind“ ist eine fantastische, schreckliche, fesselnde Geschichte, voller Liebe und Schmerz, Angst und Trauer – voller Leben und Tod.

Meinerseits eine dringende Leseempfehlung!


Wenn Dir düstere Bücher gefallen, Du Dich für menschliche Abgründe in Geschichten interessierst und Literatur magst, die mit dem Schleier zwischen dem Diesseits und dem Jenseits spielt, empfehle ich Dir das folgende Video auf meinem YouTube-Kanal:

Bibliografie

Titel: Das Wanderkind
Autor*in: Aude
Übs.*in: Ina Böhme

128 Seiten | 16,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 22.03.2021
Verlag: Kröner

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