Literarische Abenteuer. William Kamkwamba: „Der Junge, der den Wind einfing“

William Kamkwamba ist eine außergewöhnliche Person. Er ist ein junger malawischer Wissenschaftler, der die Einschränkungen seiner gegebenen Umstände durch harte Arbeit, überdurchschnittliches Talent und herausragende Leistungen überwunden hat. „Der Junge, der den Wind einfing“ ist die Romanvariante seiner außerordentlichen Lebensgeschichte, die vor kurzem auch bei Netflix als Filmversion erschien.


Der Untertitel des Romans weist darauf hin, dass es sich um eine „afrikanische Heldengeschichte“ handelt – zwei Wörter, die das Buch mit einer ziemlichen Genauigkeit beschreiben.

Einerseits ist die Geschichte afrikanisch im Sinne einer kleinen politischen und soziokulturellen Historie Malawis, die Kamkwamba seinen Lesern aus der Perspektive eines herkömmlichen Dorfbewohners schildert.

Sicherlich sind bereits von klein auf einige sozialkritische Noten bemerkbar, doch gehören die emotionale Intelligenz und der Humor zunächst einem kleinen Jungen.

Bis aus Kamkwamba ein Mann wird – der die Armut seines Landes umso klarer erkennt, je größere Teile der restlichen Welt er kennenlernt.


Aufgrund der farbenvollen Beschreibungen könnte man sich regelrecht in Afrika wiederfinden. Der Protagonist beschreibt die Heimat, die er kennt und liebt: die Gerüche, Temperaturen, Farben, Materialien, Geräusche, kleine Geschichten aus kleineren Orten, die mit persönlichen Details ausgestattet sind – all dies wird als Hintergrund der eigentlichen Haupthandlung beschrieben, bevor die Heldengeschichte in die Gänge kommt, denn alles hängt in der kleinen Gemeinde miteinander zusammen.

Kamkwamba ist nur ein kleiner Junge, wenn die Erzählung beginnt, und so macht sich schnell einen Platz im Herzen des Lesers frei: der Junge teilt sein beginnendes Leben durch teils lustige, teils in frohen Farben erzählte, teils ungewöhnliche Geschichten mit – bis aus der weitgehend naiv-lustigen Erzählungen über Magie, Liebe und Kindheitsabenteuer reflektierte Gedanken zur sozialen, ökonomischen und politischen Situation des eigenen Landes werden.

Bereits die sozioökonomische Seite der Erzählung besitzt aus einer europäischen Perspektive mehrere faszinierende Facetten. Die Schilderungen der trockenheitsbedingten Dürre und des sich schrittweise verschlimmernden Hungers stehen in der ersten Hälfte der Erzählung im Mittelpunkt – schließlich zwang diese Notlage Kamkwamba dazu, seine Familie mit allen Mitteln vor dem Hungertod zu bewahren und sich mit wissenschaftlichen Methoden anzufreunden.


Darüber hinaus wird jedoch die politische Lage in Malawi erläutert, Kritik an den Entscheidungen der Machthaber angesichts der Hungersnot geäußert, die unmenschliche Behandlung der Bevölkerung seitens staatlicher Institutionen gezeigt und die Prozesse hinter den Einflüssen verschiedener Präsidenten werden erklärt.

Kamkwamba berichtet über die traditionellen Familienstrukturen, interne Hierarchien innerhalb der Kernfamilie, der Dorfgemeinschaft, der Geschlechter und der Generationen. Er beschreibt zahlreiche kulturelle Nuancen, die zu einer reichhaltigen Gesamtschilderung beitragen.

Der Stil der Erzählung hält sich durchgehend leicht und überschaubar, vieles über Malawi ist aus einer liebevollen Bewohner-Perspektive beschrieben und scheint eher naiv zu wirken: das liegt jedoch daran, dass William sein Heimatland vor dem Auftritt bei der TED-Konferenz noch nie verlassen hat und daher keinen möglichen Vergleich für kritische Betrachtungen ziehen konnte. Zumal ist der Ton des Romans überwiegend optimistisch-positiv gehalten, da es das offensichtliche Ziel der Erzählung ist, die Botschaft des du-kannst-das-auch zu kommunizieren.

Auf dem Hintergrund der miserablen Umstände in Malawi ist das für den moralisch-motivatorischen Ausgleich der Erzählung gar nicht so schlecht.


William Kamkwamba ist eine Person des realen Lebens, seine TED-Talks sind auf YouTube schnell gefunden. Der Roman beschreibt seine Lebensgeschichte jedoch über die herausragenden Leistungen hinaus, für die er am ehesten bekannt ist.

Überdies verfügt „Der Junge, der den Wind einfing“ über eine enorme Vielfalt an soziokulturellen und ökopolitischen Details über das Leben in Malawi. Für den an kultureller Diversität interessierten Leser ist dieses Buch demnach eine große Bereicherung.

Auf eure Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!

Hier geht’s zur Leseprobe.


Bibliografie:

Titel: Der Junge, der den Wind einfing
Autor: William Kamkwamba
Seitenzahl: 384
Erscheinungsdatum: 25.01.2021
Verlag:  Diederichs
ISBN: 978-3-424-35111-8

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  1. Das Buch ist doch gleich mal auf den Merkzettel gewandert. Vielen Dank für den Tipp! Der Titel wäre sonst sicher an mir vorbeigegangen.

    Schönes WE noch
    Stefan

    Gefällt 1 Person

Trackbacks

  1. Literarische Abenteuer. Der Lesemonat im Rückblick, 02/2021 – Sandra Falke

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