Die Montagsfrage #56 – Was macht eigentlich den Reiz einer Buchmesse aus?

Die Montagsfrage ist ein Dialog, der allerlei Themen bezüglich diverser Aspekte des Literaturbetriebs umfasst. Die Frage wird wöchentlich gestellt von Antonia bei Lauter&Leise.

Heute geht es um Buchmessen. Die Vorzüge, der Reiz und der Zauber von Buchmessen stehen zahlreichen Gründen gegenüber, eine Buchmesse nicht zu besuchen. Ich ziehe meine persönliche Bilanz.


Aus gegebenem Anlass bieten sich erneut ältere, von mir noch unberührte Montagsfragen zur Diskussion an. Glücklicherweise habe ich noch eine relativ lange Backlist an Fragen zur Verfügung, die ich hier nach und nach ausschöpfen kann.

Es ist darüber hinaus auch interessant, mal einen allgemeinen Rückblick auf die eigenen Antworten zu machen und zu überprüfen, ob die heißt vertretene Meinung auch weiterhin dieselbe ist – eventuell nehmen diejenigen, die länger bei der Montagsfrage mitmachen, dies ja als Anstoß und lassen ihre Eindrücke in den Kommentaren da.


Angesichts der Pandemie ist es tatsächlich gar nicht so irrrelevant, die folgende Frage aus einer neuen Perspektive zu betrachten:

Was macht eigentlich den Reiz einer Buchmesse aus?

Die Frankfurter und Leipziger Buchmessen ziehen jährlich hunderttausende Fach- und Privatbesucher an. Beide Messen haben ein jährlich wechselndes Gastland (wobei die Leipziger Messe ausnahmsweise die Präsenz von Österreich auf 2022 und 2023 ausstreckt).

Aus diesen Fakten sind bereits Vorteile der Messen herauszulesen:

Für professionelles Netzwerken bieten beide Buchmessen eine Vielzahl an Gelegenheiten ohnegleichen. Die Vielfalt, Anzahl und Reichweite der Besucher spricht bereits für sich. Verlage, Vertreter, Autoren, Journalisten, Blogger und Leser aus aller Welt finden sich zu diesen Terminen in den respektiven Städten ein. Das Potential an zufälligen Begegnungen ist bereits immens, ebenso lässt sich der Terminkalender bis zum Rande füllen.

Die Trennung der Frankfurter Buchmesse für Fach- und Privatbesucher ermöglich die Aufnahme beider Inhalte. Autorenlesungen und Branchenaffine Diskussionen finden ebenso über alle Tage ausgestreckt statt. Man kann die Frankfurter Buchmesse grundsätzlich an allen fünf Tagen besuchen, denn die Vielfalt an Veranstaltungen während des gesamten Zeitraumes ist überragend.


Die Buchmessen bieten die Möglichkeit, sich über diverse Repräsentanten der Weltliteratur weiterzubilden. Sicherlich kennt man Literatur aus Frankreich, Spanien, Russland, Großbritannien und den vereinigten Staaten. Aber wie viele Autoren aus Finnland, Portugal oder Kanada könnt ihr auf Anhieb nennen? Die Buchmessen ergänzen dieses Wissen und bereichern dadurch den kulturellen Horizont. Darüber hinaus gibt es reichlich entsprechende länderspezifische Vorträge, die über literarische, kulturelle und historische Berührungspunkte berichten.

Unmittelbar können Neuigkeiten von den Lieblingsverlagen gesammelt und interpersonale Kontakte geknüpft werden. Die Verlagsstände sind für Besucher mit offenem Ohr und Auge verfügbar, bieten Vorschauen zum schmökern an und quatschen, wenn zeittechnisch zu bewerkstelligen, auch über ihr aktuelles Programm.

Man befindet sich in einem regelrechten Papeterieparadies. Nicht zu vergessen sind die Lesezeichen, Postkarten und diverse kleine Goodies, die von den Ständen mitgenommen werden können. Notizbücher, Kalender, Zeitschriften, Stofftüten – ein aufmerksamer Besucher sammelt schnell mehr ein als ersie tragen kann.


Alle der genannten Aspekte sind allerdings mit direkten Negativa verbunden. Die unglaubliche Vielfalt der Möglichkeiten resultiert erstmal in einer vollständigen Reizüberflutung, die den unvorbereiteten Besucher schnell entmutigen kann. Wenn man nicht vorab erkundigt hat, wo die gewünschten Ziele sich befinden, wann die interessanten Vorträge stattfinden und in welcher Halle welche Länder untergebracht sind, steht man erstmal eine ganze Weile da und versucht, sich zurechtzufinden.

Daher ein kleiner Tipp vorab: Eine gute Vorbereitung ist für den vollen Genuss einer Buchmesse essenziell. Diese beinhaltet Versorgung, Zeitplanung, Rücksichtnahme auf körperliche Grenzen und eine klare Einschränkung der zu besuchenden Stände. Es wird ein Tag voller Wanderungen durch gefüllte Hallen und Stehen bei gefüllten Vorträgen werden. Schlau ist es, sich mit Freunden zu koordinieren, sodass man bei überlappenden Veranstaltungen gegebenenfalls einen Platz frei halten kann. Ebenso sollte man immer eine Snackpause mit einplanen.

Der kapitalistische Aspekt von Buchmessen kann vielen Besuchern den Geschmack ruinieren. Grundsätzlich ist die Messe an den Privatbesuchertagen nichts anderes als ein großer Supermarkt, und der Impuls, das und dieses neue Buch zu erwerben, kann ein Individuum ebenso überwältigen, wenn er von anderen Kaufenden umgeben ist. Auch hier gilt: planen, einschränken und überlegt vorgehen.


In dieser Hinsicht erweist sich die Umstellung auf die virtuelle Umsetzung von Buchmessen im Nachhinein geradezu als Segen, da die Reizüberflutung, die körperliche und emotionale Belastung aufgrund der Menschenmassen und der gigantischen Größe der Messe komplett umgangen werden können. Auch bezüglich des Bücherkaufs bewährt es sich, die Anschaffungen lieber online zu tätigen, da man noch einen kleinen Moment innehalten, sich die Leseprobe anschauen und erneut überlegen kann, ob man wirklich persönlich an dem vom Lieblingsverlag neu und heiß beworbenen Roman interessiert ist.

Buchmessen sind aus dem literarischen Betrieb nicht wegzudenken. Ihre Rolle als Vermittler und Berührungsstelle zwischen Leser, Verlag, Vertreter und Autor ist wichtig und relevant. Dennoch gilt es für das reflektierte Individuum, an allen Massenveranstaltungen mit Vorbereitung, Verstand und Autonomie teilzunehmen. Denn schlussendlich ist auch die Buchmesse nichts anderes als eine sehr intelligente Menschenmasse, mit der der Umgang gelernt sein will.

Warst Du schonmal auf einer Buchmesse? Welche Eindrücke hast Du mitgenommen? Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!


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  1. Eigentlich mag ich Leipzig lieber als Frankfurt/M, da Leipzig stärker noch eine Publikums- und Lesemesse ist. Bei beiden Messen aber ist es das Schlendern und Schauen, was ich schätze und wenn man eben nicht beruflich unterwegs ist, sondern als Betrachter – auch um sich für neue Bücher anregen zu lassen. Dazu die Nebenveranstaltungen – gerade auch aus dem Bereich Bildende Kunst: Galeriebesuche und kleine Vernissagen. In LE vor allem die Lesungen an unterschiedlichsten Orten dieser schönen Stadt. Neben den Buchständen schätze ich in LE vor allem in der Halle 3, wo die Stände der Kunsthochschulen sind und man oft spannende Dinge entdecken kann. Zudem finde ich die Manga-Girls and -boys lustig. Sie beleben die Messe und geben der gravitätischen Literatur eine gewisse Leichtigkeit. LE hat, auch durch dieses luftige und architektonisch interessante Atrium und diesen großartigen Lichteinfall, etwas Offeneres und Lebendigeres.Gerade wenn die Sonne im März scheint und man von den dunklen Messehallen in diesen herrlichen Hof triff, so belebt das und bildet einen schönen Kontrast.

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  1. Die Montagsfrage #120 –Schreibt ihr auch außerhalb eures Blogs? – Literarische Abenteuer

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