Zitateverzehr, 4: F. Scott Fitzgerald

F. Scott Fitzgerald gehört zusammen mit Ernest Hemingway und William Faulkner zu den Hauptvertreten der US-amerikanischen literarischen Moderne. Bereits in den 1920er Jahren genoss der Autor nach der Veröffentlichung seines Debütromans „Diesseits vom Paradies“ (This Side of Paradise, 1920) Ruhm und Erfolg in zeitgenössischen literarischen Kreisen.

In den 1940er Jahren wurde insbesondere „Der große Gatsby“ (The Great Gatsby, 1925) aufgrund der Resonanz mit der Bearbeitung von Kriegserfahrungen und der sich bereits als Nostalgie etablierenden Erinnerung an die 20er Jahre wiederentdeckt. „Gatsby“ gilt bis dato als Fitzgeralds meist beliebtes und bedeutendstes Werk.

Worin besteht die immense Anziehungskraft von Fitzgeralds Romanen? Ist es die tiefe Tragik oder die elegante Ästhetik seiner Protagonisten? Sind es ihre Leben, ihre Tode oder die Kontraste dazwischen?


© dtv

Fitzgeralds autobiografische Aufarbeitungen spiegeln die Hochzeiten und Krisen seines eigenen Lebens: das Elternhaus, die Berührungen mit dem Krieg, der wirtschaftliche und professionelle Erfolg, die rasende Art zu leben, die existentiellen Tiefpunkte – alle dieser Facetten haben ihren Ursprung in Fitzgeralds eigener Lebensgeschichte.

Zwei Phänomene binden Fitzgeralds Werk in- und aneinander.

Der Lebensstil seiner Protagonist:innen ist von einer maßlosen Opulenz geprägt, die zeitgleich vollständig bedeutungslos bleibt und den glamourös-hedonistischen Lebenswandel in ein nihilistisches Licht stellt. Kontrastierend sind die Figuren auf der Suche nach individuellem Glück und Liebe – die Überzeugung des dafür notwendigen Reichtums lässt sie am Ende jedoch scheitern.

„Der große Gatsby“ und die Hauptfiguren des Romans – abgesehen vom Ich-Erzähler – trieft geradezu vor Fülle und Übermaß. Jay Gatsbys legendäre Feiern überdauern meistens das gesamte Wochenende, die Musik in seiner Villa kommt von einem Live-Orchester und die Auffahrt wird von Promis in ausgefallenen Fahrzeugen frequentiert.

Solche riesigen Partys sollen laut den Figuren im Vergleich zu kleineren Feiern allerdings ein unvergleichliches Maß an Intimität anbieten – denn durch maximale Sichtbarkeit entsteht zeitgleich vollkommene Unsichtbarkeit:


I like large parties. They’re so intimate.
At small parties there isn’t any privacy.”


Obwohl der Ich-Erzähler Nick Carraway als narratologisches Bindeglied für die Gesamterzählung eine entscheidende Rolle spielt, fällt ihm vorrangig die Funktion des Beobachters zu. Die Kontrastierung seiner eher zurückhaltenden Lebensumstände mit den wohlhabenden Figuren in seinem Umfeld bringt die Sättigung mit Gegenständen, Reichtum und Fülle umso mehr zum Vorschein.

Viel wichtiger ist jedoch die philosophische Beobachtung hinter den Geschehnissen im „Gatsby“: einerseits die Unmöglichkeit, wahrhafte Opulenz zu besitzen, wenn sie nicht angeboren ist (der schicksalhafte Unterschied zwischen Gatsby und seiner erstrebten Geliebten Daisy) und die Bedeutungslosigkeit des angeeigneten Wohlstandes (die tragische Parallele zwischen Daisy und Gatsby).

So fasst Daisy ihre Hoffnung für die Zukunft ihrer Tochter zynisch zusammen:


I hope she’ll be a fool – that’s the best thing a girl can be in this world, a beautiful little fool.


Mit diesen Worten positioniert sich die Protagonistin als Verkörperung des Nihilistischen innerhalb der geerbten Opulenz. Ihr ist klar, dass lediglich die Optionen der Ignoranz oder Gleichgültigkeit bezüglich ihrer Realität bestehen – so beschließt sie auch selbst, ihre wahren Gefühle zu verbergen und die wichtigste Entscheidung ihres Lesens nach Knigge zu treffen. Dass Daisys schauspielerische Fähigkeiten sie des Öfteren im Stich lassen, scheint unfreiwillig zu sein.


In diesem Sinne stellt die Protagonistin im Roman „Zärtlich ist die Nacht“ (Tender is the Night, 1934) als professionelle Schauspielerin geradezu eine Weiterführung Daisys dar – Wenn Rosemary nur eine von den als Hyperreiche Geborenen wäre. Allerdings hat sie ihren Status aufgrund der Filmindustrie gewonnen.

Fitzgerald geht nun, neun Jahre später, in einem kritischeren Ton auf den Wohlstand der Zeitgenossen ein und erlaubt sich einiges an schwarzem Humor und psychologischer Sabotage:


I want to give a really bad party. I mean it. I want to give a party where there’s a brawl and seductions and people going home with their feelings hurt and women passed out in the cabinet de toilette. You wait and see.


© dtv

Vergleichsweise ändert sich im späteren Werk auch die Erzählerhaltung: der Roman ist in der Er-Perspektive formuliert. Der Erzähler betrachtet seine Figuren durch eine sehr feine, psychologisch nuancierte Linse und zeigt in gleichen Maßen ihre Schwächen und Stärken.

Obwohl die Figurenkonstellation und individuellen Hintergründe bereits in „Gatsby“ recht komplex gewesen sind, bringen die Protagonist:innen in diesem Fall weit mehr Bagage mit, die es zu reflektieren und zu analysieren gilt.

Die angehende Affäre zwischen der achtzehnjährigen Schauspielerin mit dem Psychiater Richard Diver ist typischen Tropen zuzuordnen. Zudem wird im Laufe der Erzählung verraten, dass Diver seine Ehefrau aus rein finanziellen Gründen Heiratete und diese unter psychischen Störungen leidet.

Der zunächst als Plateau erscheinende Mittelpunkt des Romans offenbart durch die die plötzliche Perspektivenänderung und durch Zeitsprünge schockierende Tatsachen über die drei Protagonisten, die den Mangel an Glück, Liebe und Zufriedenheit hinter den Fassaden ihrer angeblich beneidenswerten, opulenten Lebensweisen stark unterstreichen.

Anhand diverser Lebensmodelle zeichnet Fitzgerald hier Skizzen von Figuren, deren Ausmaß an Eigentum und Reichtum aus allen Nähten platzt – die jedoch zeitgleich nicht imstande sind, emotionale Beziehungen oder zwischenmenschliche Momente zu schätzen, da sie sich roboterartig von einem konventionellen Frühstückskaffee zur nächsten konventionellen Dinnerparty bewegen.


Einerseits ist es tragisch, wie die opulente Lebensweise große Freiheiten und die Erreichbarkeit jedes materiellen Gegenstandes verspricht, die Besitzer der Reichtümer dennoch in ihrem Denken und Handeln zunehmend einschränkt. Umso mehr wirkt es entrüstend, wenn schließlich die absolute Bedeutungslosigkeit des Materiellen und das fehlende Glück der Reichen und Schönen zutage kommen.

Eben darin besteht der zeitlose Wert von Fitzgeralds Werk: in einem sprachlich hochgradig feinfühligen und scharfsinnigen, geradezu altmodischen Stil, der an die großen Klassiker des 19. Jahrhunderts erinnert, durchleuchtet der Autor kritisch die großen Fortschritte seiner Zeit, die zwar wirtschaftlich weiterführend waren, doch in vielen Fällen zum menschlichen Ruin führten.


Fitzgeralds meisterhaft ausgearbeitete Illusionen über große Erfolge, materialistisches Glück und maßlose Opulenz verbergen hinter der Fantasie die parallele Offenbarung bröckelnder Innenleben von überaus tragischen Figuren. Sowohl „Der große Gatsby“ als auch „Zärtlich ist die Nacht“ gelten auch hundert Jahre später als uneingeschränkte Leseempfehlung.

Und nun freue ich mich auf Deine Meinung zum Autor sowie zum Thema. Welche US-Amerikanischen modernen Autoren kennst Du bereits? Hast Du einen Roman von F. Scott Fitzgerald gelesen? Welches seiner Werke sollte man unbedingt kennen?

Auf Deine Resonanz in den Kommentaren freue ich mich sehr!


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