Zitateverzehr, 3: Franz Kafka

Franz Kafka gilt als einer der absoluten literarischen Klassiker sowohl im deutschsprachigen als auch europäischen Raum. Seine Erzählungen und Romane sind bereits im 20. Jahrhundert Pflichtlektüre gewesen und dies bis heute geblieben.

Warum diese Affinität zu Käfern – und was bedeutete das Adjektiv ‚kafkaesk‘ eigentlich ursprünglich?


© S. Fischer Verlage

Der Beginn von Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ gehört mit Sicherheit zu den bekanntesten ersten Sätze in der europäischen Literatur. Allerdings soll dieser Roman nicht im Vordergrund stehen, sondern Kafkas Gesamtwerk mit Blick auf seine Hauptthemen, Figuren und Orte.

Was bedeutet eigentlich ‚kafkaesk‘? Die Adjektivierung eines Autornamens ist mittlerweile eher gängige Technik als außergewöhnliches Stilmittel. Jedoch war es Kafka, deren literarische Charakteristiken zu einem der ersten dieser Art Ausdrucksweisen gehörte.

Die vom S. Fischer Verlag betriebene Kafka-Autorenseite erklärt kafkaeske Situationen vorrangig als „als alptraumhaft“1: das Individuum soll „völlig willkürlichen, mit Vorliebe bürokratischen, jedoch nur scheinbar rationalen Prozeduren ausgeliefert“1 sein. Die Versuche, diesem zu entkommen, sollen in einem Kreis an Handlungen geschehen, die das Gefühl des Gefangenseins nur noch intensiviert.


Obgleich das berühmte Adjektiv bei einer Interpretation von „Die Verwandlung“ direkt auf der Zunge kribbelt, ist das Schicksal des Käfer gewordenen Menschen Gregor Samsa weniger als solches zu betrachten als die Irrungen und Wirrungen der Protagonisten Josef K. in „Der Prozess“, oder ähnliche Bemühungen des Protagonisten K. in „Das Schloss“.

Sicherlich ist die Hilflosigkeit und die Abstoßende Ästhetik eines auf dem Rücken liegenden, zappelnden Käfers ein treffendes Sinnbild zu Samsas Situation. Dennoch wird „Der Prozess“ als dasjenige Werk hervorgehoben, welches als eine exemplarische Darstellung des Kafkaesken gilt.

Ferner: obwohl die das Adjektiv umgebenden Umstände ein wichtiges Hauptmerkmal in Kafkas Werk darstellen, sind es weit abstraktere Konzepte, die sein Werk so interessant und lesenswert machen.

Die unveränderliche Hoffnungslosigkeit der menschlichen Existenz ist eine von diesen Konzepten. Dies wird durch Josef K. und K. illustriert, während beide Figuren mit der Instanz zu kämpfen versuchen, welche sie berufen und die Geschichte ins Rollen gebracht hat.


„Die Schrift ist unveränderlich und die Meinungen
sind oft nur ein Ausdruck der Verzweiflung darüber.2


Beide Protagonisten zweifeln weder an ihrer Rolle noch an ihrer Pflicht, zum respektiven Ziel zu gelangen. Josef K. auf dem Weg zu dem, was ihm als Gerechtigkeit vorgegeben wird, K. auf der Suche nach dem mystischen Schloss. Beide verwickeln sich in ein Netz scheinbar sehr fester und klarer, geradezu logischer Strukturen, die dennoch mit jedem neuen Annäherungsversuch nur undurchdringbarer werden.

Scharfe Sozialkritik zum Thema Unterdrückung von Individuen mit absurden Regelsystemen ist im Spiegel dieser Geschichten bemerkbar:


Ihre Sicherheit ist nur durch ihre Dummheit möglich.”2


Kafkas Erzählungen geben weder in ihrem berichtartigen Stil noch in den knappen Beschreibungen viel über die Protagnisten preis – sie besitzen keine emotional resonierenden Persönlichkeiten, psychologisch offenbarende Dynamiken oder sozial zuordenbare Rollen. Es dräut lediglich zu jeder Tageszeit eine Institution, ein symbolisches Gebäude oder ein allgemeines Gefühl des Grauens über ihnen, über welches sie nicht zu herrschen wissen. Sie versuchen ein mutmaßliches Ziel zu erreichen, scheitern jedoch daran immer wieder und erneut, bis ins fatale Ausmaß.

Die die Figurenebene überragende Entität der Institution enthält unerwartete Dimensionen in ihrer Kontextualisierung mit Kafkas Briefen und Tagebüchern. Von Kafka stammt nämlich ebenso eines der beliebtesten Zitate über die Wirkung von Literatur:


Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? […] Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“3


Es sind nicht nur die Figuren, die sich in einem Labyrinth an Behörden und Büros ihrem trostlosen Schicksal und dem immer näher kommenden Grauen nähern. Der Roman selbst, ihre emotionale Wirkung und das Entsetzen des Lesers, welches er zu erzeugen fähig ist, machen die Literatur Kafkas zu derjenigen symbolischen Institution, die schlussendlich den Leser selbst beherrscht – solange dieser dem Erzähler glaubt und folgt.


© S. Fischer Verlage

Die Kontextualisierung des literarischen Schaffens und autobiographischer Elemente, eine aktive Beschäftigung mit Literaturtheorie und das die Pflege von Briefkorrespondenzen sind auch den bisher im Zitateverzehr behandelten Autoren Hermann Hesse und Thomas Mann eigen.

In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass die großen Autoren des 20. Jahrhunderts ein sehr hohes Maß an Reflexionsvermögen, Selbstkenntnis und Interesse für theoretische Fragen besaßen, welche für zeitgenössische Autoren dringend als vorbildliche Vorgehensweisen gelten sollten.

Die Veröffentlichung der respektiven Briefe und Tagebücher diente einerseits zur Entschlüsselung zahlreicher Motive, Ideen und Passagen. Zudem bereichert das Gedankengut der Autoren den Literaturdiskus und verleiht einen intimen Blick in ihre Leben.


Dennoch kann das Festhalten an Tagebüchern zur Interpretation eines Romans dem Leseerlebnis schaden, denn Literatur solle, so Kafka, im Leser eine intensive emotionale Reaktion hervorrufen. Um sich beim Verzehr des Erzählwerks zu einer breiteren Interpretation befähigen zu können als die auf den Highlights der Autorenbiografie basierende Lesart, ist die Lektüre seiner Briefe und Tagebücher zu einem späteren Zeitpunkt zu empfehlen.


Vielmehr zu bewundern als die Adjektivierung des Namen Kafka sind überdies die intellektuelle Prädisposition des Autors, sein kompromissloser Individualismus und die absolute Hingabe zur Literatur. Ein Jahrhundert später sollten junge Autoren, die an ihrem Debüt basteln, sich vorher an das Erzählwerk Franz Kafkas setzen und danach erneut über die eigene Beziehung mit Literatur nachdenken, ehe die letzte Fassung der eigenen Kreation eingereicht wird.


Kafkas Erzählungen, Romanen, Briefen und Aphorismen sind gefüllt mit zeitloser literarischer Bereicherung und unvergleichbarer emotionaler Intensität. Sie beinhalten tiefgehende existentialistische Reflexionen und scharfe Sozialkritik. Wer Franz Kafka noch nicht kennt, sollte dies dringend nachholen.

Welchen Text von Kafka sollte man Deines Erachtens unbedingt gelesen haben? Welche Erzählung darf aus dem Regal eines Kafka liebenden nicht fehlen? Auf Deine Resonanz freue ich mich in den Kommentaren.


1 franzkafka.de
2 Zitate aus Der Prozess
3 Brief an Oskar Pollak, 27.01.1904


Die Verwandlung: Thalia * | bücher.de * | buch24.de *
Das Schloss: Thalia * | bücher.de * | buch24.de *
Der Prozess: Thalia * | bücher.de * | buch24.de *


Mehr Kafka:

franzkafka.de: Was bedeutet »kafkaesk«?
Oxford Kafka Research Centre: Ongoing Kafka Research
franz-kafka.eu: Werke von Franz Kafka als kostenloses Hörbuch


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  1. Hallo Sandra, ich stimme Dir zu, Kafka ist unbedingt lesenswert. Neben der „Verwandlung“ und dem „Prozess“ hat mich „Der Bau“ angesprochen. Ich fühle mich Kafka sehr nah in seiner sehr kurzen Niederschrift „Der Lärm“, in der er die Lärmerei seiner Familienmitglieder beschreibt und man förmlich spürt, wie Kafka dieser Lärm (Türenschlagen das Schaben im Kamin) zuwider ist 😊

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Sandra,
    sehr interessanter Beitrag den ich gerne auf #kkl in FB teile.
    🙂 LG Jens Faber-Neuling

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