DiskursDialog, 3.1: Die Struktur des künstlerischen Textes. Text und System.

Die literaturtheoretische Reihe DiskursDialog ist ein Experiment zur Verknüpfung von Leseliebe und wissenschaftlichen Ansätzen für die Begeisterung eines breiteren Publikums für Sachtexte – und zur Förderung einer kritischen Leser:innenhaltung. Relevante Texte renommierter Theoretiker:innen werden aus einer literarischen Perspektive reflektiert, um ihnen einen allgemeineren Resonanzboden zu verleihen.

Im heutigen Beitrag geht es um Texte als Systeme. Auf der prekären Gradwanderung zwischen Funktionalität und Ästhetik wird ermittelt, inwiefern künstlerische Texte als System begriffen werden können – und sollten.


© Suhrkamp

Als Grundlage für den heutigen und im nächsten Monat folgenden Teil des DiskursDialogs dient „Die Struktur literarischer Texte“ des russischen Literaturwissenschaftlers und Semiotikers Jurij M. Lotman.

Meine Ausgabe aus dem UTB von Wilhelm Fink Verlag trägt noch den alten Titel, allerdings heißt die neueste, im Suhrkamp Verlag erschienene Auflage nun „Die Struktur des künstlerischen Textes“, auch meines Erachtens eine gelungene Aktualisierung.

Wir gleiten nun einen Schritt aus der Rezeption der Lektüre zurück und erforschen, bevor die Erzählwelt selbst zum Gespräch kommt, die systematischen Grundbausteine eines künstlerischen Textes im Sinne einer strukturellen Zusammensetzung von Zeichen und Wörter.

Bereits im letzten Community-Austausch, als in Begleitung Walter Benjamins die moralischen Aspekte einer Figurenanalyse und das Mimesis-Phänomen in der Literatur besprochen wurden, äußerten sich einige meiner Leser:innen bezüglich einer notwendigen Kohärenz, einer Logik und einer Struktur innerhalb der Erzählwelt selbst, ehe eine Figur diese überhaupt betreten kann. Genau auf diese Aspekte wollen wir heute zusteuern.

Zweck versus Ästhetik

Lotman stellt zunächst die argumentative Funktionalität der Rezeptionsästhetik in den Raum. Die Meinungen bezüglich des praktikablen Wertes eines künstlerischen Textes gehen augenscheinlich nämlich in zwei sehr unterschiedliche, einander ausschließende Richtungen:


die einen Leser halten es für die Hauptsache, das Werk zu verstehen,
die anderen, ästhetischen Genuß daran zu haben1


An dieser Stelle könnten die handelsübliche Fragen gestellt werden wie: Ist und soll Kunst vollständig zweckfrei sein? Müssen für Lyrik, Prosa oder andere Textformen normative Regeln gelten? Negieren diese nicht die Authentizität der Künstler:innen? Ist es überhaupt möglich, Sprache objektiv zu verstehen?


(In puncto Lyrik besteht mutmaßlich eine höhere Spannbreite, was die Möglichkeiten für Textspiele mit Bausteinen und alternativen Strukturierungen betrifft, weswegen ich mich im Folgenden auf erzählerische Prosatexte konzentrieren möchte – sodass zumindest eine argumentative Basis und strukturelle Logik für jeden Lesenden ersichtlich wird. Wir beziehen die folgende Argumentation also im Weiteren explizit auf Kurzgeschichten, Erzählungen und Romane.)

Systemhaft oder gegen das System?

Viele große Werke beginnen mit einem wirkungsvollen ersten Satz, der als repräsentativ für den gesamten Roman notiert, erinnert und zitiert wird. Müsste dieser allerdings erstreben, ein Maximum solcher bedeutungstragender Elemente zu vermitteln, um Leser:innen sofort an sich zu binden – oder eher den Anspruch einer minimalen Zuordnung stellen, um schleierhaft, mysteriös und verlockend zu bleiben?

Betrachten wir das folgende Zitat Lotmans bezüglich der ersten Aufnahme von einem Texten beim Lesenden:


„[…] dabei werden in der Mitteilung die systemhaften Elemente ermittelt,
die denn auch die Träger der Bedeutungen darstellen.
Die systemexternen werden als nichtinformationshaltig betrachtet und ausgeschieden.“1


Vor allem, so auch Lotman, liegt es also an den stilistischen Besonderheiten des Textes, wenn er mehrere Elemente oder mehrere Aspekte von Elementen gleichzeitig berührt, und der Text dadurch „lebendig“ wird – einerseits durch die erkennbaren Signale und Elemente, andererseits durch die hohe Literarizität, also die Konzentration und gekonnte Nutzung rhetorischer und stilistischer Mittel im Text.

Lotman vergleicht die zweifache Funktionalität eines Textes mit einer Person, die zunächst auf einer Landkarte nachschaut, wohin er gehen soll, und dann die tatsächliche Strecke empirisch vor sich nimmt (vgl. 96) Auch wenn auf der Karte „La Sagrada Familia“, „Vulcano Vesuvio“ oder „Tour de Eiffel“ steht, wirkt das Gebäude, Monument oder die Landschaft erst dann vollständig auf die Person, sobald sie die Erfahrung auf eigener Haut erlebt.

Eine weitere vergleichbare Situation wäre die Betrachtung eines Schlachtplans oder einer Weltkarte zu Kriegszeiten, die man im Geschichtsunterricht ohne emotionale Beteiligung betrachten kann, und währenddessen nicht direkt an die verwesenden Soldatenleichen denkt.

Diese Assoziierungen können auch umgekehrt, gezielt getrennt auftreten: Man vergleiche bloß die entsetzliche, hochgradig spannende Geschichte aus „Der Krieg der Welten“ von H. G. Wells. Der Erzähler konzentriert sich gezielt im Detail auf die Logistik der fliehenden Menschenmengen und schildert ihre Fahrbahnen, Umwege mit Ortsnamen, Distanzangaben und dergleichen – nur, um das Entsetzen bis zum finalen Moment der Konfrontation hinauszuzögern, wenn der Protagonist sich plötzlich in unmittelbarer Lebensgefahr befindet.

Ganz anders gestaltet das Leseerlebnis sich bei Vitomil Zupan, der seine Schlachtbeschreibungen und Kriegsreflexionen in „Menuett für Gitarre“ auf vier Ebenen lebendig werden lässt: das unmittelbare Erlebnis der Figur, das vom Erzähler Geschriebene, das vom als funktional gelesene, und das vom Lesenden assoziativ als physisch erlebte. Wahlweise ist dem noch eine fünfte Ebene, das vom Lesenden im Nachhall empfundene, hinzuzufügen – sicher ist, dass alle Elemente wirkungsstark und zeitgleich angewandt werden.

Bedeutungsdichte und physischer Genuss

Um nun jedoch wirklich das Semantische zu verlassen und ins Semiotische, die Bedeutung von Zeichen vorzudringen, begeben wir uns im Krebsgang auf die Vorstufe der Textanalyse: denn, so Lotman, ist es der Wert eines künstlerischen Textes, einen „Zeichentext in ein quasimaterielles Gewebe“ zu verwandeln, das „fähig ist, physischen Genuß zu bereiten.“ (95).

In dieser Hinsicht müssen Künstler:innen und Autor:innen im stilistischen Sinne das Singuläre und zeitgleich im emotionalen Sinne das Allgemeingültige einfangen. Hierin kommt die feine Spielfertigkeit von hervorragenden Literat:innen mit Wörtern, Wortlauten, Textelementen und deren Kombinationen zur Geltung.


Diese Fähigkeit der Textelemente, in mehrere Kontextstrukturen einzugehen und dementsprechend verschiedene Bedeutungen zu erhalten, ist eine der tiefbedeutsamen Eigenheiten des künstlerischen Textes.“2


Denn um mit Bedeutungen zu spielen, muss man diese zunächst sammeln, kennen, sichten, verknüpfen – und mit Sinn, Dynamik und sich gegenseitig aktivierenden Bedeutungsfacetten beladen, damit die ganz individuellen Nachrichten dennoch in einem Lesenden resonieren können, auch wenn jede Person einige Elemente im Text unausweichlich als systemextern verwerfen wird.

Deswegen wird ein komplexer, gehaltvoller Text üblicherweise auch langsamer und aufmerksamer gelesen, wenn er von Interesse ist und wirklich alle systeminternen Elemente aufgefasst werden möchten. Dies kann sich sowohl auf dichte Fachsprache als auch auf stilistische Besonderheiten beziehen: Beispielsweise die Kurzgeschichtensammlung „Der Friedhof der vergessenen Bücher“ von Carlos Ruiz Zafón habe ich gemächlich in Gedanken schmelzen lassen wie eine edle Praline, da so viele interessante Wörter in spannenden semantischen Kombinationen vorkamen.

An dieser Stelle erneut und immer wieder ein hohes Lob an kompetente Übersetzer:innen weltweit. Sprachen sind endlos faszinierende Lebewesen!


Überdies äußert sich die textuelle Komplexität in dem einzelnen und kombinatorischen Klanglaut der Wörter. In diesem Fall kann das Gelesene in eigener Betonung wiederholt werden – was wiederum eine zusätzliche physische Genussreaktion auslöst.

So vielfältig und multifunktional kann ein künstlerischer Text in seinen diversen Funktionen, Zwecken, in seiner reinen Ästhetik und seinen internen semantischen Dynamiken und Systemen sein.

Nach diesen Überlegungen gebe ich die Bühne ab für den Dialog.

Welche ersten Sätze aus Lieblingsromanen findest Du besonders Bedeutungsstark, und warum? Schätzt Du komplexe Stilistik, oder kann diese mitunter auch mal störend werden? Genießt Du es, Texte als einzelne Ausdrücke gemächlich zu reflektieren, oder findest es interessanter, einer Handlung mit hohem Tempo und vielen Ereignissen zu folgen?

Auf Deine Gedanken in den Kommentaren freue ich mich.


1 – Zitate von S. 92. Die Struktur literarischer Texte, 2. Aufl. 1982 im UTB Wilhelm Fink Verlag.
2 – Zitat von S. 96. Die Struktur literarischer Texte, 2. Aufl. 1982 im UTB Wilhelm Fink Verlag.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Die Struktur des künstlerischen Textes
Autor: Jurij M. Lotman
Seitenzahl: 470
Erscheinungsdatum: 2016 (1. Aufl. 1973)
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10582-5

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  1. Hallo Du, ich habe dich für Blogger Recognition Award Nominierung“ nominiert. Ich würde mich freuen, wenn du mitmachst.
    Der Beitragist vom 11.05.

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
    wünscht Moira

    Gefällt 1 Person

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