DiskursDialog, 3.2: Die Struktur des künstlerischen Textes. Die Konstruktionsprinzipien des Textes.

Die literaturtheoretische Reihe DiskursDialog ist ein Experiment zur Verknüpfung von Leseliebe und wissenschaftlichen Ansätzen für die Begeisterung eines breiteren Publikums für Sachtexte – und zur Förderung einer kritischen Leser:innenhaltung.

Relevante Texte renommierter Theoretiker:innen werden aus einer literarischen Perspektive reflektiert, um ihnen einen allgemeineren Resonanzboden zu verleihen.

Im heutigen Beitrag werden die Reflexionen zum Thema Texte als Systeme fortgeführt.


© Suhrkamp

Als Grundlage für die heutigen Gedanken dient „Die Struktur des künstlerischen Textes“ des russischen Literaturwissenschaftlers und Semiotikers Jurij M. Lotman.

Bereits im letzten Beitrag hier wurden die systematischen Grundbausteine eines künstlerischen Textes, die Bedeutungsdichte und den mit der Lektüre eingehenden physischen Genuss erforscht.

In diesem Beitrag werden weiterführend die Konstruktionsprinzipien künstlerischer Texte, insbesondere die Wiederholung und Vereinigung von Elementen, untersucht.

Um die strukturellen Elemente in einem künstlerischen Text auswendig zu machen, muss eine transparente Methode zur Analyse ausgearbeitet werden. Die textimmanente Strukturanalyse bietet argumentativ die besten Werkzeuge für derartige Fragestellungen an.

Obgleich jeder qualitativ hochwertige lyrische und Prosatext eine hohe Authentizität besitzt, sind solche Unterscheidungsmerkmale nämlich relativ deutlich zu erkennen.

Lotman unterscheidet zwischen einer internen und externen Kodierung, anhand welchen die Systematik eines literarischen Textes festgestellt werden kann:


Die kombinatorische Anordnung der Textelemente und die daraus resultierende Bildung zusätzlicher Sinne nach dem Prinzip der internen Umkodierung sowie die Gleichsetzung der Textsegmente, die sie in strukturelle Synonyme verwandelt und zusätzliche Sinne nach dem Prinzip der externen Umkodierung bildet, stellen die Grundlage des Mechanismus eines literarischen Textes dar.(122)


Diese zwei Arten der Umkodierung bezeichnet Lotman auch als das Prinzip der Wiederholung sowie das Prinzip der Metapher.

Schauen wir uns beide Phänomene nun im Genaueren an.


Das Prinzip der Wiederholung

Das Prinzip der Wiederholung bezieht sich auf die interne Systematik des Texte. Diejenigen Elemente, die Autor:innen im Zusammenhang zueinander benutzen, verleihen einander eine gegenseitige Bedeutung innerhalb des Textgewebes. Im selben Kontext kann dieses Bedeutungsfeld nicht direkt auf andere Textsysteme übertragen werden.


Es setzt das gleich, was in der natürlichen Sprache nicht gleichgesetzt ist.“(123)


Hier bezieht Lotman sich auf die Wiederholung derselben Bedeutung in unterschiedlichen Wörtern. Im eigenen Beispiel bezieht er sich in einen Text von Alexander Puschkin, in der die Wörter ‚Stirn‘, ‚hoch‘ und ‚erhaben‘ mit einem Wort kombiniert werden, welches zeitgleich als ‚Glatze‘ (wenn lebendig) oder ‚Schädel‘ (wenn tot) verstanden werden kann. So erhält die ‚Glatze‘ das semantische Feld von Heiligkeit oder kirchlicher Erhabenheit, wo sie in einer anderen Kontextualisierung etwa als alt, hässlich, geradezu abstoßend wirken kann.

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Ein solches System von Wiederholungen ist in einem stilistisch ausgeprägten künstlerischen Text mühelos auffindbar – denn „Ähnliche Ebenen organisieren die unähnlichen, indem sie in ihnen die Relation der Ähnlichkeit herstellen.“(125)

In Lyrik kann sich dieses Prinzip umso mehr auf den Wortklang beziehen, wenn gleichklingende Phoneme als wiederholte Elemente benutzt werden. Ebenso ist das Prinzip der Wiederholung in rhythmischen Strukturen sowohl von Prosatexten und Gedichten auffindbar.


Das Prinzip der Metapher

Das Prinzip der Metapher bezieht sich auf die Konstruktion solcher Ähnlichkeiten mithilfe von externer Umkodierung. Hierfür werden zwei Elemente verwendet, die in der natürlichen Sprache nichts miteinander zu tun hätten, oder wie Lotman das Prinzip formuliert: „Es vereinigt das, was in der natürlichen Sprache nicht vereinigt werden kann.“(123)


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Obwohl eine erhebliche Menge an Metaphern innerhalb jeder Sprache allgemein bekannt ist und aufgrund dieser Bekanntheit auch in natürlicher Sprache genutzt werden kann, obliegt es Autor:innen, individuelle Metaphern zu entwerfen, um die Literarizität eines künstlerischen Textes zu maximieren.


Rückwirkend finden Leser:innen – aufgrund der im ersten Teil der Untersuchung erwähnten Codierung der Systeminternen und -externen Elemente – bereits unbewusst solche Systeme und können dadurch während der Lektüre neue semantische Bindungen herstellen.

Denkt man nun an konkrete Beispiele, fallen mir spontan Lektüren wie „Klopf an dein Herz“ von Amélie Nothomb ein: ein Roman, in dem über Semantik und Idiomatik die möglichen Bedeutungslinien von ‚Herz‘, ‚Liebe‘, ‚Brust‘, ‚Klopfen‘, ’schlagen‘ und anderen Kombinationen eine ausgeprägte Eigensprache entworfen wird, die der gesamten Handlung weitere Tiefe verleiht – von der Tiefgründigkeit der Thematik an sich ganz abgesehen.


Eine andere interessante Erinnerung hatte ich zeitgleich an zwei Romane: „Tiger“ von Polly Clark und „Der Schneeleopard“ von Sylvain Tesson, besprechen auf einer Sachebene eine ähnliche Geschichte, divergieren jedoch vollständig in puncto Idiomatik, Stil, Komposition und Figurendynamik.

Man könnte den Klimax beider Geschichten nämlich als praktisch gleich betrachten, wenn es sich um eine Eilmeldung in einer Tageszeitung handelte: Ein Mensch trifft ein Raubtier. Ort, Situation, Emotionen, Vorgeschichte und Auswirkung dieser Treffen werden aufgrund des Stils, des Tempos, der individuellen Idiomatik und Literarizität vollständig andersartig ausgeführt. Sowohl das Prinzip der Wiederholung als auch das Prinzip der Metapher sind in beiden Texten auffindbar. Diese Ausführungen hätten nun jedoch nichts mehr miteinander zu tun.


Hierin lässt sich sogar das Phänomen des Lesegeschmacks pragmatisch begründen: da ich als Leserin bestimmte systeminterne Elemente – intern hinsichtlich meines individuellen Assoziationsnetzwerks – erkenne und auf eine bestimmte Art und weise verarbeite, nehme ich einen Roman anders auf als einen anderen.

Somit könnte jemand die Geschichte zwar auf fesselnde Art und Weise erzählen, doch kann im Nachhinein dennoch die Leseprobe enttäuschen – da im Text die Seele des Buches versteckt ist.


Suchst Du ebenso des Öfteren nach sprachlichen Strukturen in künstlerischen Texten? Erhöht besonderer Stil oder Sprachgebrauch den Lesegenuss – und kann er das Leseerlebnis auch negativ beeinflussen?

Welche Autor:innen mit einer einzigartigen Schreibsprache würdest Du sofort empfehlen?

Auf Deine Gedanken in den Kommentaren freue ich mich.



Zitate aus Lotman, Ju. M.: „Die Struktur literarischer Texte“, 2. Aufl. 1982 im UTB Wilhelm Fink Verlag.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Die Struktur des künstlerischen Textes
Autor: Jurij M. Lotman
Seitenzahl: 470
Erscheinungsdatum: 2016 (1. Aufl. 1973)
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10582-5

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