Literarische Abenteuer. Polly Clark: ‚Tiger‘


„Tiger“ von Polly Clark lässt niemanden daran zweifeln, worum es im Roman geht: das Buchcover wird geschmückt von einem gestreiften Fellmuster, der Titel ist eindeutig gewählt und spricht ebenso für sich selbst.

Diese simple Kategorisierung auf den ersten Blick weiter sich jedoch bereits auf den ersten Seiten des Romans aus: erzählt wird über sibirische Urvölker, das Überleben in der Wildnis, darüber, was es bedeutet, Mutter zu sein – und vieles mehr.


„Tiger“ ist eine außergewöhnliche Erzählung über das königliche Tier, seine Herkunft, sein Habitat und die Gefahren, die ihm in seinem Revier begegnen. Doch darüber hinaus ist der Roman eine verknotete, komplexe und ungemein spannende Erzählung über diejenigen, die im Leben einer gewissen Tigerdame eine tragende Rolle spielen – und wie ihre Begegnungen mit den Raubkatzen ihren respektiven Werdegang von Grund auf ändert.


Eine schockierende Erkenntnis drang jäh durch Dmitris verkaterte Benommenheit, schlug auf wie ein Stein auf dem Grund eines Brunnenschachts: Er saß in der Falle,
zwei Tagesmärsche von seinem Dorf entfernt,
ohne Hund und ohne Nahrung.

Und irgendwo dort draußen lief ein Tiger herum,
der Stahlseile durchbeißen konnte
und seinerseits einen Plan zu haben schien. [14]


Polly Clark ist eine starke Erzählerin, sie zieht den Leser ab Seite eins in ihren Bann. Die Art, ihre Figuren und ihren Blick auf ihre Umwelt zu beschreiben, ist im Stil charakteristisch, reichhaltig und doch nicht übertrieben. Ihre Handlungsstruktur ist gekonnt, und schließt sich erst zum Ende der Erzählung so kohärent ineinander, dass man das Ende des Romans nicht vorhersehen kann, ehe man kurz davor steht.

Die Begegnungen mit der Tigerin strecken sich über den sibirischen Jäger zur englischen Primatenforscherin und so wird das Tier aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt. Die Figuren nehmen ihre eigenen Beobachtungen vor, und der Charakter des Tigers wird aus diverser Sicht auch beschrieben, bewundert:


Tiger sind Einzelgänger, edel, majestätisch. Einsamkeit ist ihnen fremd. Tiger kennen nur Konzentration, Intuition und Selbstvertrauen. Sie sind Meister in all diesen Disziplinen.“ [102]


Die Raubkatzen werden in Gefangenschaft aus der Perspektive des Forschers, und in freier Wildbahn aus der Perspektive des Jägers gezeigt, wissenschaftliche Fakten mit der Mythologie indigener Völker in Südostsibirien vermischt:


In diesem Moment erinnerte sie an eine riesige Schlange. Jeder menschliche Beobachter hätte sofort nachvollziehen können, warum die Schamanentrommel der Udehe ein schlangenähnlicher Tiger ziert. Den Udehe ist bewusst, dass in der Natur sämtliche Lebewesen Inkarnationen voneinander sind. Die Gräfin, die mit tödlicher Gelassenheit auf ihrem Beobachtungsposten lag, war die fleischgewordene Verkörperung dieser mystischen Wahrheit.“ [316]


Die mystisch-magische Sinngebung der Raubkatze und der tiefe Respekt für das Tier, welche den sibirischen Völkern eigen sind, und das Märchenhafte in grundsätzlich allen Figurenschilderungen des Romans verleihen der gesamten Geschichte eine Marquez-ähnliche Schattierung: alle Hauptfiguren fühlen eine seelische Bindung zum Tiger – sowohl der Jäger, die Udehe als auch die Forscherin bemerken die magische Aura des Tieres, und wissen ihm den gebührenden Respekt zu entgegnen.


Darüber hinaus zeigt „Tiger“ ebenso, wie auch gekonnte und gut gerüstete Menschen den Kürzeren ziehen, sobald sie sich in das Revier der Raubkatze hervorwagen – und dass man nie auf die Idee kommen sollte, der freien Wildnis gewachsen zu sein.

Nicht weniger interessant sind die einzelnen Figuren selbst, deren Lebensgeschichten aus vielschichtigen Unterbauten bestehen. Sowohl die Primatenforscherin Frieda, der Jäger Tomas als auch die Udehe Sina haben faszinierende Vergangenheiten und sind starke, bewundernswerte Persönlichkeiten, die substantielle Schwierigkeiten zu überwinden haben.

Und dennoch stehen diese Individuen im Hintergrund, denn der wahre Protagonist ist und bleibt die königliche Raubkatze.


„Tiger“ ist ein mitreißender und spannender Roman über die Gewalt der Natur, die Gefahren der Wildnis und die Geheimnisse von menschlichen Herzen.

Meinerseits eine klare Leseempfehlung.

Bibliografie:

Titel: Tiger (orig. Tiger, Riverrun)
Autor: Polly Clark
Seitenzahl: 430
Erscheinungsdatum: 02.11.2020
Verlag: Eisele
ISBN: 978-3-96161-099-0


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