Ohne Mais und ohne Hoffnung. Juan Gómez Bárcena: „Auch die Toten“

Der spanische Autor, Herausgeber und Literaturwissenschaftler Juan Gómez Bárcena (*1984) lebt als Schriftsteller und Dozent für Kreatives Schreiben in Madrid. Seine Romane werden durch eine präzise, karge Sprache und die Thematisierung der blutigsten Facetten spanischer und lateinamerikanischer Geschichte charakterisiert.

Bárcenas neuester und üppigster Roman „Auch die Toten“ behandelt fünfhundert Jahre Kolonialgeschichte. Welche historischen und existenzialistischen Wahrheiten birgt dieser hochkomplexe Text?


© secession

Juan Gómez Bárcenas gewaltiger Roman „Auch die Toten“ (Ni siquiera los muertos, 2020), übersetzt von Matthias Strobel, thematisiert sowohl die Kolonialgeschichte als auch die lateinamerikanische Moderne und lässt in einer impressionistischen Manier Innen- und Außenwelten aufeinander prallen.

Es handelt sich um eine Erzählung, die als königliche Mission, als lohnendes Abenteuer eines ehemaligen Soldaten beginnt – und sich in eine niemals endende Reise durch die Hölle auf Erden entpuppt.

Der Eintritt zweier Fremden in einer schäbigen Schenke offenbart die mehr als zurückhaltenden Lebensumstände von Juan, der sich – augenscheinlich aus eigenem Willen – in diesem abgelegenen Winkel mit einer Indiofrau in ärmlichen Umständen zur Ruhe gesetzt hat.


Allerdings sprechen seine Heldentaten sich weiterhin im Palast um, und so wird Juan um Hilfe gebeten, um einen gefährlichen Indio zu finden – der ebenso Juan heißt.

Eine moralphilosophische Ebene wird bereits während Juans Unterhaltung mit den Gesandten des Vizekönigs eröffnet – denn offensichtlich herrscht sowohl bei der mündlichen (als auch bei der schriftlichen) Überlieferung von Geschichte und Historie eine gängige und eine zu verschweigende Version der Ereignisse.

So fügt auch Juan sich den ihn bekannten Regeln, wenn es um die Wahrnehmung seiner Soldatenjahre geht:


Wenn man ihn nach Nuño de Guzmán fragt, sagt er, dass er ein
guter Krieger gewesen ist, der beste von allen […].

Er erzählt nicht,
[…] wie Guzmán Frauen und Kinder ermordet hat,
wie er Heerführer tagelang hat foltern lassen […].“(29)


Interpretativ offen bleibt im gesamten Verlauf der Geschichte die Frage nach Juans Loyalität, da er ohne Widersprüche Frau und Haus verlässt, um für eine beträchtliche Menge Gold der königlichen Mission nachzugehen.


Haben die Juans dieser Welt allerdings je eine Wahl gehabt, wenn es ums eigene Leben geht und mächtige Könige Menschenmassen ohne Rücksicht auf den Einzelnen steuern und befehlen?

Ist der deckungsgleiche Vorname des Autors ein Zufall oder erlaubt Bárcena in diesem Roman einen Ausblick auf seine eigenen intimsten Gefühle über die barbarische Landesgeschichte?


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Juans Ritt durch Mexico führt ihn bis in die Vereinigten Staaten, es ist „[…] eine Reise, die sich über vierhundertfünfundsiebzig spanische Meilen und einige Jahre erstreckt.“ (11) Die Übergänge zwischen Jahrhunderten, Kulissen, Territorien und Regimes sind mal mehr, mal weniger deutlich beschrieben – als Schlüsselperiode gelten immer zwei Wochen, die Juan wiederholt noch aushalten möchte, ehe er seine Mission endgültig aufgibt.

Juan gibt allerdings nie auf – ebenso ein signifikantes interpretatorisches Merkmal.

Als Beobachterfigur, die lediglich auf der Suche nach etwas ist – im Auftrag eines Anderen, Höheren, Mächtigeren – beeinflusst Juan die ihn umgebenden Orte und Menschen nicht – und erlangt als Protagonist auch nicht die Rolle des Sympathieträgers. Lediglich seine Zielstrebigkeit und seine Ausdauer können als bewundernswert hervorgehoben werden.

Juan ist ein Soldat, ein Werkzeug, eine Maschine.


Allerdings ist der wahre Protagonist weder Juan der Soldat noch der Indigo Juan, sondern das Land selbst, welches in vielfältigen Facetten beschrieben und gezeigt wird.

Dies von einem Erzähler mit absolutem Anspruch für Authentizität, Ehrlichkeit und schonungsloser Realitätsdarstellung.


Ein Horizont ohne Mais und ohne Hoffnung, beherrscht von
Vogelscheuchen, die aussehen wie gekreuzigte Landarbeiter.“(304)


Reflexiv spricht Juan von sich selbst als Floh, der „den Kontinent eines Hundes bewohnt, ohne zu wissen, dass so etwas wie ein Hund existiert“ (292). An anderer Stelle wird ebenso auf die repetitive Natur der unterschiedlichen Kulissen hingewiesen – „Dieser Ort scheint immer der Gleiche zu sein, eine elende Stadt in einem elenden Land, in dem sie ein elendes Leben geführt haben“ (387).

Inmitten dieses Elends scheint der gefügige Soldat Juan tausend qualvolle Tode zu sterben, während der rebellische Indio Juan zunehmend an Land und Einfluss gewinnt.


Gehören diese Spiegelseiten derselben Person, sind sie als Pole desselben Symbols zu interpretieren?

Wer ist Juan – und wer ist Juan?

Bárcenas „Auch die Toten“ ist in gleichen Maßen eine facettenreiche existenzialistische Abhandlung und ein brachialer Bericht über die gewaltvolle Geschichte des Kolonialismus.


Als Addendum gehört erwähnt, dass der Roman enorm gehaltvoll und somit historisch uninteressierten Lesenden oder Fans von seichten Büchern nicht zu empfehlen ist. Wer sich an den üppigen Wälzer herantraut, wird allerdings zahlreiche spannende Facetten vorfinden.

„Auch die Toten“ erinnert mit impressionistischen Innenperspektiven und teils verdeckten, teils expliziten existenzialistischen Passagen an Samuel Beckett, resoniert aufgrund der hemmungslosen Beschreibungen blutiger Morde auf einer historisch authentischen und doch zeitlosen Kulisse mit Cormac McCarthy, knüpft aufgrund des subtilen Umgangs mit historischen Nuancen an Mario Vargas Llosa und Ernest Hemingway an.

Wem diese Autoren zusagen, wird sich an Bárcenas Werk sehr erfreuen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Auch die Toten
Autor*in: Juan Gómez Bárcena
Übs.*in: Matthias Strobel

494 Seiten | 38,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 28.08.2022
Verlag: secession
ISBN: 978-3-96639-058-3

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