Der staatenlose Scheich. Yahya Ekhou: „Freie Menschen kann man nicht zähmen“

Der mauretanische Autor Yahya Ekhou berichtet in seinem Buch „Freie Menschen kann man nicht zähmen“ über einen äußerst beunruhigenden Status quo. Dieser gilt allerdings nicht nur in Mauretanien, wo eines der schärfsten Apostasie- und Blasphemiegesetze die Gesellschaft prägt – bedenkliche Tendenzen sind auch im demokratischen Deutschland bemerkbar.


Yahya Ekhou ist Gründer des Liberalen Netzwerks Mauretanien und engagiert sich unter anderem in der Säkularen Flüchtlingshilfe. Nachdem Islamisten begannen, sein Leben zu bedrohen, floh Ekhou 2018 nach Deutschland, wo er auch heute lebt. Mittels Artikeln und Vorträgen informiert der Menschenrechtsaktivist, Autor und Atheist über die Situation in Mauretanien.

„Freie Menschen kann man nicht zähmen“ ist in gleichen Teilen als Essay, Bericht, Reflexion und Memoir zu lesen. In dem schlanken Buch setzt Ekhou sich mit seiner Herkunft, der Traditionen innerhalb des Familienstammes und der mauretanischen Gesellschaft sowie seiner Flucht und dem folgenden Werdegang in Deutschland auseinander.

Als Angehöriger eines einflussreichen Stammes wäre dem jungen Mann nämlich eigentlich bereits eine gesicherte Position in der Gesellschaft garantiert gewesen – denn feste Bahnen und vorgeschriebene Karrierepfade sind im streng geregelten Mauretanischen Kastensystem die Regel, nicht die Ausnahme.


Man erwartete von mir,
dass ich eine Kopie meines Vaters,
meines Großvaters und meiner anderen
männlichen Verwandten werde.“(7)


Als Ekhou jedoch in jungem Alter beginnt, auf den ersten Blick unschuldige Fragen an die Texte des Koran zu stellen, wird er dafür mit Wut gemaßregelt, denn sein Verstand sei zu klein, „um mit Gottes Weisheit“ (30) mitzuhalten.


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Nachdem weitere Versuche, Gesprächspartner innerhalb der eigenen Kreise zu finden, scheitern, setzt Ekhou souverän den Kampf fort: Um das Recht, seinen eigenen Weg im Leben zu bestreiten, eine säkulare Bildung zu erhalten, individualistische Freiheit zu erfahren und ein erfülltes Leben zu leben.

Keines dieser – für ein in Europa geborenes westlich geprägtes Individuum als selbstverständlich geltenden – Rechte und Freiheiten wird einem Mauretanier bewährt, sei sein Stamm noch so mächtig. Denn grundlegend – und Verfassungsrechtlich – wird auch der Stamm selbst vom extremistischen Islam regiert und reguliert. (14)

Wer auch im geringsten divergiert, dem droht Lebensgefahr. So fasst Ekhou den Status quo präzise zusammen:


Die Welt lebt im 21. Jahrhundert,
aber wir in Mauretanien leben im Mittelalter.“(14)


Ekhou erörtert die komplexe gesellschaftliche Aufstellung von Ethnien und Klassen, beschreibt die ebenso streng getrennten sozialen Gruppen samt ihrer Rollen und Funktionen. Dass es beispielsweise zwar de jure keine Sklaven mehr gibt, de facto aber schon, (43) mag an dieser Stelle des Textes bereits die wenigsten Lesenden überraschen.

Dank eines Stipendiums ist es für Ekhou möglich, in Kairo zu studieren, wo er den ersten Blick auf eine in Teilen säkular geprägte Gesellschaft erleben und sich mit Gleichgesinnten austauschen kann. Gleichzeitig wird das Liberale Netzwerk Mauretanien geboren.

Doch der kurzen Freiheit folgt eine bitterböse Verfolgungsphase, als Ekhou in seine Heimat zurückkehrt, tagelang verhört und gefangen gehalten wird – und schließlich fliehen muss.


Mein Herz wurde zu einem Massengrab.

All die Lebenspartner, Reisegefährten
und Freunde aus den Kindertagen […]
ruhen nun darin.“(70)


Die Flucht nach Deutschland gelingt – und geht mit einer Erleichterung und einer Desillusionierung einher, da Muslime, mit denen Ekhou sich in diversen Unterkünften für Geflüchtete den Lebensraum teilen muss, ebenso aggressiv und engstirnig auf seine atheistische Weltanschauung reagieren und meinen, ihm solle der Kopf abgeschnitten werden.

Ob dies Ekhou schlussendlich zum Namenwechsel inspiriert, bleibt – wie einige Details der Geschichte – unklar. In diesem Zusammenhang dient allerdings die äußerst nachvollziehbare Erwähnung der Tatsache, dass bestimmte Ereignisse, Zusammenhänge und Personen zu beschreiben andere in Gefahr bringen könnte.

Sowohl sprachlich als auch kompositorisch enthält „Freie Menschen kann man nicht zähmen“ einige Ungereimtheiten. Doch ist mit diesem Buch weder eine Biografie noch eine religionsphilosophische Abhandlung oder ein Manifest beansprucht worden. Dieser Text ist eine Kette aus Momentaufnahmen, ein fragmentiertes halbes Menschenleben, welches bisher alles andere als einfach oder schön gewesen ist.

Inhaltlich sind es fast nebensächliche Nuancen, die Ekhous Resilienz vor allem unterstreichen und ihn als bewundernswertes Individuum hervorheben. Einerseits das in Mauretanien Erlebte; die knappe, sachliche Erwähnung der mit Sicherheit schrecklichen Tage in Haft sowie das spürbare Ausmaß an täglicher Ungerechtigkeit.

Was genau in den schlimmsten Momenten passiert ist, möchte der Autor schlussendlich nicht verraten. Doch auch wenn die Sensationalisierung von Gewalt im Buch nicht im Vordergrund stehen soll, lassen just diese Passagen auf immense Resilienz eines geschundenen Individuums schließen.


Des Weiteren ist der Mut zur aktiven Verbalisierung von Kritik hervorzuheben. Nicht nur gegen die regressive Staatsordnung und Mentalität Mauretaniens im Besonderen, sondern gegen den extremistischen Islam, gegen Hass und Queerphobie, gegen die Unterdrückung des freien Geistes setzt Ekhou seine Stimme laut ein – auch wenn sein Leben weiterhin bedroht wird und er in Deutschland unter Polizeischutz steht.

Wer sich also für außergewöhnliche Geschichten interessiert wie die biografischen Reflexionen und Gedanken von Roberto Saviano, Salman Rushdie oder Koschka Linkerhand, wird auch das (bislang noch) kurze, intensive Leben von Yahya Ekhou mit Faszination verfolgen können. Zumal die meisten von uns – so zumindest meine bisherige Resonanz nach Gesprächen über das Buch – wahrscheinlich noch nie Autor*innen oder Menschen aus Mauretanien gesprochen oder gelesen haben.

Wie sich aus dem Buch ergibt, aus sehr klaren Gründen.

Schließlich entpuppt sich der – zu Beginn eher holprig anmutende – Titel der Biografie als sehr gelungene Kurzfassung derjenigen Botschaft, die Yahya Ekhou mit seinem Text übermitteln möchte: Freie Menschen kann man nicht zähmen.

Eine wichtige und wertvolle Botschaft, die es auch in Deutschland mit lauter Stimme zu verkünden und zu verbreiten gilt.


Disclaimer: Bei dieser Buchbesprechung handelt es sich um eine bezahlte Kooperation. Das beeinflusst jedoch in keinerlei Hinsicht meine authentischen Gedanken zu Buch, Thematik und Autor*in.

Bibliografie

Titel: Freie Menschen kann man nicht zähmen
Autor*in: Yahya Ekhou

109 Seiten | 10,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 1.12.2022
Verlag: Alibri

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