Multidimensionale Brillanz oder oberflächliche Trivialliteratur? Jackie Thomae: “Brüder”

 

Wirft man einen Blick auf die Shortlist des deutschen Buchpreises 2019, gilt das vergangene Jahr für die deutsche Literatur vorwiegend als introspektiv und reflexiv. Themen wie Herkunft und Vergangenheit, Blut und Geschichte, Zugehörigkeit und Genealogie prägen die Romane, die zur Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen.

Jackie Thomaes “Brüder” (2019) behandelt alle diese Themen und führt sie in einer Doppelbiografie aus, die den Leser in Begleitung der Protagonisten mit nach Berlin, London, Dakar und Paris nimmt.

 

“Brüder” ist ein Roman über Identität und Herkunft, Freiheit und Unabhängigkeit, Erfolg und Ambition. Die Reichweite und Universalität von Thomaes Erzählung stehen fest und der Roman ist definitiv lesenswert. Dennoch mindern einige Schwachpunkte den Gesamteindruck.

 

 

Thomaes Schreibstil ist positiv gesehen fließend, emphatisch und einfach. Inhaltliche Nuancen sind subtil in simplen Satzkonstruktionen versteckt – eine Entscheidung, die der Autorin einiges an Kritik einbrachte.

Negativ gesehen werden eben diese Konstruktionen und Formulierungen als Klischeehaft gewertet und der Roman in diesem Zusammenhang pejorativ als Trivialliteratur beschrieben.

 

Ob die Leichtigkeit des Schreibstils nun als ein Schwachpunkt zu interpretieren ist oder nicht, bleibt offen:

 

“Das ist das Problem von «Brüder». Der Roman hat nicht viel mehr Tiefe als ein Benetton-Plakat. Auf über vierhundert Seiten werden in einem daueraufgekratzten Ton Köpfe erklärt, in denen ausser Kohle, Koks, Prestige und Party nicht allzu viel los ist.” (Neue Zürcher Zeitung)

“Der Roman glänzt des Weiteren mit einer Leichtigkeit, die ihn aber noch lange nicht zu einem leichten Roman macht.” (literaturkritik.de)

 

Sicherlich wurden einige Formulierungen vereinfacht und andere wiederum in die Länge gezogen – doch im Allgemeinen liest Brüder sich gut und problemlos, was für einen an Problematiken reichen Inhalt eigentlich nicht typisch ist. Eher erleichtert die leichte Schreibweise die kompositorische Vielfalt zu verdauen. Diese ist unglücklicherweise schwieriger zu verarbeiten.

 

Obwohl es sinnvoll wäre, Unterschiede zwischen den Hauptfiguren hervorzuheben, indem ihre Biografien andersartig erzählt werden, störte mich der plötzliche Sprung in der Erzählperspektive am meisten. Die Romanhälften passen nach dem Sprung von Mick zu Gabriel kompositorisch kaum mehr zu einander: wo Delia und Gabriel ihre Geschichte im perspektivischen Dialog erzählen dürfen, wird Micks Durchs-Leben-Gleiten nur aus der er-Perspektive beschrieben und damit auch eine Leserhaltung vorausgesetzt, die in beiden Fällen auseinander geht.

 

2020-03-17 Thomae Vennad

Diese Entscheidungen stimmen meines Erachtens nicht mit dem, worum es im Buch gehen soll, überein – wenn zwei vom gleichen Erzeuger initiierte Biografien grundsätzlich vom selben Punkt hinaus und auf denselben Punkt hinaus laufen sollen, müssten diese aus derselben Perspektive betrachtet werden, damit Kohärenz entsteht.

Eben diese Verwirrung lies zumindest mich in der zweiten Hälfte des Romans dem zweiten Protagonisten weniger Aufmerksamkeit und Empathie schenken.

Dies, obwohl der zweite Bruder sein Leben besser unter Kontrolle hat. Doch ist das stabile, erfolgreiche Familienleben eines beruflich etablierten ausgeglichenen Individuums nicht sowieso das Element, wofür beim Leser weniger Interesse und emotionales Investment besteht als für eine aus existenziellen Krisen bestehende Zerstörungsspirale?

 

Eben – und genau deswegen wird der einzelne skandalöse Vorfall in Gabriels sonst perfektem Leben direkt im Vorfeld eingeführt, um am Ende des Romans damit zu enden.

 

Mick strebt kaum nach Kontrolle über sein Leben, sondern nach Freiheit und Unabhängigkeit, und legt sich entspannt in den flow der Ereignisse und Menschen, die auf ihn zukommen. Für Gabriel ist die Kontrolle über alle Aspekte seiner Existenz das Maßgebliche für den Erfolg seiner Existenz. Oder eben für was er als Erfolg sieht, im Vergleich zur kritischen Einstellung anderer. Auch das hat vorerst nichts mit seiner Hautfarbe zu tun.

 

Gemeinsam ist den Brüdern außer dem Erzeuger schließlich doch nur die Hautfarbe. Dass Äußerlichkeiten Meinungen beeinflussen und dadurch eine individuelle Entfaltung aufhalten könnten, erlebt keiner von beiden auf eine ernsthafte Art und Weise. Wie in einer normalen Realität treffen beide Brüder auf Menschen, die gewisse positive und negative Vorurteile haben – doch bestimmen diese Begebenheiten in beiden Fällen nicht den Werdegang oder die Entwicklung der Brüder.

 

Diese (fast schon) Marginalisierung der Farbfrage gilt vor allem als Stärke des Romans: sie wird zwar erkannt, jedoch geht es hier nicht um Fragen zum Thema Rassismus, sondern Fragen zum Thema Identität. Obwohl ersterer als Selbstverständlichkeit am Rande irgendwie immer präsent ist, werden hier Individualproblematiken präsentiert, die weit über die Herkunft und Hautfarbe der Figuren hinaus gehen. Die Frage nach einer Definition und einem Rezept für Erfolg und Zufriedenheit, die Möglichkeiten zur Bewältigung der Unsicherheit bezüglich der eigenen Identität, und die kritischen Entscheidungen an den meist zu spät als wichtig erkannten Momenten des Lebens – das sind die eigentlichen Hauptthemen in Brüder. Hier gewinnt Thomae an Universalität, ihre Erzählung an Reichweite.

 

Mick und Gabriel sind zwar als Grenzgänger zwischen Weiß und Schwarz sowie Ost und West konstruiert, doch weder das eine noch das andere erweist sich als übermächtig. Beide Themen bilden einen latenten roten Faden, lassen aber, vorwiegend in Teil II, Platz für eine Reihe anderer, aktuell virulenter Problemstellungen, wie etwa Adoption, Kindererziehung oder Gender.” (literaturkritik.de)

 

Wo aber ein gemeinsamer Nenner mit genügend Tragefläche sein soll, der beide Teile effektiv zusammenbindet, bleibt mir vorübergehend schleierhaft – bis zum Ende des Romans, wo eine klobige Schleife um die ganze Erzählung gebunden wird.

 

“Brüder” ist eine mitreißende Erzählung mit mehreren treffenden Reflexionspunkten und Gemeinplätzen zu Themen, die weiterhin bewegen. Jedoch hätten einige kompositorische Aspekte besser gelöst werden können, um einen stärkeren Gesamteindruck zu bewirken.

 

 

literaturkritik.de: In „Brüder“ erzählt Jackie Thomae brillant von divergenten Lebensentwürfen

Neue Zürcher Zeitung: Ist das nun die deutsche Literatur, auf die alle gewartet haben?

 

(Foto vom Hanser Verlag und FAZ)

 

 



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