Literarische Abenteuer. Michel Houellebecq: ‚Serotonin‘


Der neueste Roman von Michel Houellebecq heißt „Serotonin“ (Sérotonine, 2019) und handelt von der sich vertiefenden Depression eines 46 Jahre alten Agraringenieurs. Gleichzeitig wirft Houellebecq ein sehr grelles Licht auf die sozioökonomischen Zustände im ländlichen Frankreich.

Bereits die in den ersten Kapiteln des Romans ausgeführte Beschreibung der Welt als eine Hölle, die sich mit steigendem Wohlstand lediglich in eine gemütlichere Hölle mit personifizierter Einrichtung verwandelt, spiegelt die widersprüchliche Attitüde des Protagonisten Florent-Claude Labrouste, die zwischen fatalistischen, hoffnungsvollen und lakonischen Launen verweilt.


Die fruchtlosen Bemühungen, irgendeinen menschlichen Anschluss oder ein bleibendes Glück zu finden, führen jedoch zu einer graduell steigenden emotionalen Verwesung.

Und doch scheint es dem leidenden Protagonisten selbst besser zu gehen als allen anderen Fragmenten seiner Vergangenheit, die er erneut aufsucht. So beschreibt der Ich-Erzähler nach und nach die äußerliche Verwüstung und innere Resignation der aufgesuchten Schulkameraden und alten Geliebten, bevor Florent-Claude sich schließlich vollständig von der Gesellschaft isoliert.


Die Darstellung einer depressiven Person ist Houellebecq hier auf eine trostlos einzigartige Weise gelungen, und aufgrund der Medikamenteneinnahme können auch skurrile Ideen – wie das Kind des Nebenbuhlers zu töten, um die Geliebte zurückzugewinnen – als Einfluss der fiktiven Serotonin-Droge Captorix abgetan werden. Dass der Protagonist nicht in der Lage ist, sich als seelisch und moralisch als ’normales‘ Individuum zu bewegen und zu verhalten, steht ja eigentlich zu Beginn des Romans fest. Insofern ist hier, vergleichbar mit anderen Romanen des Autors, einiges an Florent-Claude zu begnadigen, zumal er im selben Vergleich seine Schwäche auch zugibt:

Noch nie war eine seiner Figuren so offensichtlich gespalten zwischen einer nach außen gekehrten, protzigen, rassistischen und frauenfeindlichen Egomanie und einem gebrochenen Inneren“ (literaturkritik.de)


Aufgrund seines materiellen Wohlstands unterscheidet der Protagonist sich von anderen Helden Houellebecqs: ein Erbe seines Vaters sowie das eigene Berufsleben haben für die Möglichkeit gesorgt, sich auf Wunsch vollständig von der Welt abzusetzen. Doch dieser Wohlstand führt nur zu einer stärkeren Wahrnehmung der oben beschriebenen Hölle:

Das Leiden des Protagonisten resultiert aus einem Gesellschaftssystem, das tatsächlich jegliches Streben nach Individualität im Keim erstickt“ (literaturkritik.de)


Serotonin: Roman eBook: Michel Houellebecq, Stephan Kleiner ...

Florent-Claude hat als Agraringenieur eine beneidenswerte Karriere vorzuweisen, die ihn nicht im geringsten interessiert. Seine Fachkenntnisse, berufliche Position und daraus gewonnene Beziehungen sieht er keineswegs als wertvoll – grundsätzlich und ausschließlich finanzielle und persönliche Freiheiten, die ihm die Tätigkeit verschaffen kann, empfindet er als erstrebenswert. Und doch bringen die erreichten Freiheiten nur eine wiederholte Erkenntnis von der Allgegenwart seiner persönlichen Hölle.

Schlussendlich richten die Unterdrückung und Missbilligung von tatsächlichen individualistisch-menschlichen Bedürfnissen den Individualismus des Protagonisten vollständig zugrunde, der wegen gesellschaftlicher Zwänge der übertriebenen Aufwertung und Verfügbarkeit von materialistischen Dingen unterliegt.

So bewohnt Florent-Claude zuletzt eine kleine Wohnung, deren Wände er mit einer aus tausenden Schnappschüssen bestehenden Fotostrecke seines Lebens tapeziert. Obwohl weiterhin der Supermarkt mit der besten Hummus-Auswahl favorisiert wird, ist das Bedürfnis nach menschlicher Nähe, zumindest nach der Gegenwart der Repräsentationen von Personen und Erinnerungen aus seiner Vergangenheit, stets vorhanden.



Von der üblichen Misogynie und Misanthropie seiner Protagonisten und aggressiven sexuellen Ausschweifungen abgesehen sind es die scharfsinnigen sozialkritischen Beobachtungen, die aus Houellebecs Romanen konzentriert herausglänzen, und auch in diesem Fall werden dem Autor „seherische Qualitäten“ (FR) zugesprochen, da er, wie auch in „Plattform“ und „Unterwerfung“, die Kulmination einer Entwicklung beschreibt, die nach dem Erscheinen des Romans tatsächlich stattfindet – respektive: ein Attentat in Bali, der Anschlag auf Charlie Hebdo, und diesmal die Verkehrsblockade der Landwirte.

Die „Verelendung der französischen Landbevölkerung“ (FR) ist das sozioökonomische Problem in „Serotonin“, worüber der Ich-Erzähler – inhaltlich tiefgründig und präzise, und stilistisch leicht verdaulich – reflektiert.

Die inhaltliche schärfe ist zum Teil Houellebecqs Ausbildung als Diplomagronom zu verdanken, jedoch vergleichbar mit ebenso tiefgründigen und scharfsinnigen Auslegungen zu anderen sozialen Sphären sowohl in Europa als auch anderen Teilen der Welt.


Die politischen, moralischen und ästhetischen Positionen des Protagonisten sollten weder aus einer normiert-konventionellen Perspektive kritisiert noch verworfen, sondern als Ausweitung des geistigen Horizonts reflektiert werden. Obgleich der Protagonist als rechtsradikal, pervers oder misogyn zu bezeichnen wäre – „Serotonin“ ist eine wertvolle Reflexion über aktuelle Entwicklungen und Zustände in Europa, und die politischen Aussagen, moralischen Positionen und sexuelle Fantasien des Protagonisten sind essenzielle Teile, wenn ein ungeschönt kritisches, aufgeklärtes Weltbild entstehen soll.

(Hier reflektiere ich über Houellebecqs aufklärerische Rolle für den kritisch denkenden Europäer.)

„Serotonin“ ist ein grotesker Zerrspiegel unserer Gegenwart, der zahlreiche schwer verdauliche Wahrheiten enthält, die man nicht ignorieren kann. Seine Position als leserfreundlichstes Werk in Houellebecs Œuvre lässt diesen Roman dennoch sogar als erste Leseempfehlung für den polarisierenden Autor hervortreten.

Dass man Houellebecq mindestens einmal gelesen haben sollte, ist indiskutabel.


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Frankfurter Rundschau: Der Prophet der „Gelbwesten“
literaturkritik.de: Zwischen Hass und Nostalgie
LA Review of Books: Lonely White Men
NY Times: The Provocative Beat Goes On (and On)
The Guardian: A Vision of Degraded Masculinity

(Foto von Amazon)



Kategorien:Home, Literarische Abenteuer

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  1. Ich werde es eventuell lesen und mit ziemlicher Sicherheit ebenso deprimierend finden, wie alles, was ich von Houellebecq gelesen oder gesehen habe …

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