Birgit Arnold: ‘Das Perchtenerbe’

Mit ihrem Roman Das Perchtenerbe (2020) hat Autorin Birgit Arnold nicht nur eine ungeschickte und oberflächliche Einführung in eigentlich hochgradig spannende Figuren der germanischen Mythologie, sondern einen schlichtweg ungenießbaren Text geschrieben. Einiges an diesem Buch ist dennoch von Interesse. Verdient die Autorin noch eine Chance?



Die germanisch-nordische Mythologie verbindet ihre Götter mit bestimmten Naturerscheinungen, Elementen, Jahreszeiten und Lebensbereichen, um ihnen eine Bedeutung im Alltag zu verleihen, und sie als Teil eines menschlichen Lebens sowie der Natur zu verehren. Dass man als Bauer beständigen Fleiß und Tüchtigkeit, Kraft und Ausdauer aufbringen muss, ist selbstverständlich – und dennoch sind die drohenden Strafen in Form von schwindender Gesundheit, schlechter Ernte oder erkrankenden Nutztieren bei Weitem wirksamer und beängstigender, wenn die Begründung lautet, dass diese von den Göttern stammen.

Perchten sind ein Teil dieser Götterwelt: diese aus Mensch und Tier zusammengesetzten, mit ihrem äußeren Erscheinungsbild Furcht einflößenden Gestalten toben zur Wintersonnenwende auf der Erde herum, um die bösen Geister des Winters auszutreiben und die Dunkelheit zu besiegen. Ihre Gesichter, auch Larve genannt, werden nach bayerisch-österreichischem Brauch als Masken zur Fastnacht getragen, um die alten Bräuche zu erhalten. Frau Perchta oder Frau Percht, alternativ als Frau Holle bekannt, fährt nach altem Brauch zur Zeit der Rauhnächte durch die Lüfte, bestraft Faulheit und Verstöße und belohnt Fleiß und Hilfsbereitschaft des Bauernvolkes. (Wikipedia)


Cover für Das Perchtenerbe

Im Roman von Birgit Arnold hat das Christentum die Macht über die Menschen übernommen, und Frau Percht ist es nur in einer Nacht erlaubt, auf die Erde zu kommen und nach dem Rechten zu schauen. Von den Perchten sucht sie sich die tapferen, treuen und disziplinierten als Gefolge aus.

Skrupellos und ohne zu zögern fällt Frau Percht ihr Urteil und zeigt die dämonische, fürchterliche Seite denjenigen, die ihre Pflichten nicht erfüllen und die alten Bräuche nicht einhalten – und verwandelt sich ebenso schnell in eine fürsorgliche Sonnengöttin voller Segen für diejenigen, die ihre Arbeit geleistet und tugendhaft für Heim und Hof gesorgt haben.


Der Roman steht bereits kompositorisch auf wackligen Füßen: Er ist zunächst in eine Rahmenhandlung eingebettet, deren Funktion es ist, Gegenwart mit Vergangenheit zu verbinden, und einen Bezug der alten Bräuche zu unserer jetzigen Welt herzustellen. Eher stören bereits auf den ersten Seiten zahlreiche Wortwiederholungen und unbeholfen Satzstrukturen dabei, in den Stoff überhaupt reinzukommen.


Besser wird das Leseerlebnis, sobald die eigentliche Geschichte beginnt: die mythischen und historischen Elemente treten in den Hintergrund zugunsten des Menschlichen, und mit ihren Figurenbeschreibungen schafft die Autorin es, Spannung, Empathie und dynamische Strukturen herzustellen. Criste und Linhart sind vielschichtige Individuen, die beide von ihren Umständen beherrscht und in ihren Träumen und Hoffnungen zueinander finden.

Dass ihre Geschichte zahlreiche tragische Komponenten hat, da keiner von beiden die Mittel besitzt, ihre miserablen Umstände zu ändern oder sich von ihrer gebürtigen Position zu entlasten, gibt der Geschichte einen reichhaltigen Boden.

Unglücklicherweise gedeihen die mythischen Aspekte der Geschichte darauf nicht – die Aufgabe, der Wert und die Funktion von Frau Percht sowie der Aufbau oder der Gehalt der Welten, die beschrieben werden. sind auf eine unzulänglich vage Art dargestellt, sodass man kaum etwas darüber erfährt, was eigentlich als der Kern des Buchs gelten sollte.


Es sind genügend Aspekte in dieser Geschichte zu finden, die in einem expressionistisch-emotionalen, geladenen, direkten Stil geschrieben sind und – Szenenweise – mitreißend wirken. Cristes impulsiver, intuitiver Weg zur Urmutter und zu ihrer eigenen inneren Kraft ist an sich interessant. Die extremen Amplituden zwischen der Mordlust und Fürsorglichkeit der Perchten wird auf eine dynamische Art beschrieben, die visuelle und emotionale Kraft in sich führt.

Doch die absolut schwammigen Kontexte um die respektiven Facetten der Erzählung lassen den Roman als ein Ganzes nicht gelingen, da man beim Lesen ständig über inhaltliche oder stilistische Mängel stolpert. Weder kausale noch logische Tiefen oder Nuancen, die es zu ergründen gäbe, werden nicht einmal ansatzweise verfeinert.


Obwohl die Motivation hinter dem Buch nachvollziehbar ist und es sich wahrscheinlich als Hörspiel recht gut inszenieren lässt, kann ich nur hoffen, dass die Autorin sich geeignetere Lektoren sucht und sich mit dem Quellenmaterial gründlicher auseinandersetzt, ehe sie sich an ihren nächsten Roman wagt.

Einen visuellen Verriss erspare ich mir, ihr und euch an dieser Stelle.

Vollständig hoffnungslos ist Das Perchtenerbe – als Schreibübung und Rohfassung – nicht. Unbeachtet der misslungenen Komposition und des uneinheitlichen Stils sind einige interessante Anregungen vorhanden, die den einen oder anderen zum Grübeln bringen können.

Empfehlen würde ich dieses Buch jedoch nur einem maßgeblich jüngeren Publikum mit einer Vorliebe für naive Narrativen. Den erwachsenen Leser erwarten hier nur Enttäuschungen.


(Fotos: 1 2)



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