Untermieter des Grauens. Novuyo Rosa Tshuma: „Haus aus Stein“

Die US-Amerikanische Autorin Novuyo Rosa Tshuma ist in Simbabwe geboren und lebt in Boston, wo sie am Emerson College Kreatives Schreiben lehrt.

Tshumas preisgekrönter Debütroman „Haus aus Stein“ skizziert zugleich das verzerrte und fesselnde Portrait einer fragmentierten Familie und die tragische Geschichte eines von Umbruchszeiten geprägten Landes.

Überdies ist der Roman eine faszinierende psychologische Studie über Väter, Mütter, Söhne – und das oft sehr vernarbte traumatische Gewebe dessen, was alles als elterliches Erbe im Kind weitergetragen wird, auch im radikal negativen Sinne.


© InterKontinental Verlag

Novuyo Rosa Tshuma hat mit ihrem Debütroman „Haus aus Stein“, übersetzt von Simone Jakob, überzeugt, überrascht – und ordentlich verstört.

Nicht nur am sprachlich gelungenen Textkorpus, an der raffinierten Psyche des ganz klar weitab vom moralisch ambivalenten Handlungsspektrum residierenden Protagonisten Zamani, oder dem historisch erschütternden Panorama dessen, was ein Blick auf die Geschichte Zimbabwes aufzeigt, misst sich die Intensität dieses Romans.

Zunächst steigt die makabre Geschichte in die ambitionierten Pläne des zwielichtigen Protagonisten ein.

Zamani, der seine Familie aufgrund diverser tragischer Umstände verloren hat – hauptsächlich Mord und Totschlag, deren Erklärungen sich im Laufe des Textes aus den blutigen Ereignissen zimbabweanischer Zeitgeschichte ergeben –, lebt im Haus seines Onkels.

Dort hat er allerdings lediglich den Status eines zahlenden Gasts, da er ein Zimmer von den neuen Käufern des Hauses mietet.

Doch Zamani hat einen Traum: Er möchte stattdessen ein Vollzeit-Sohn werden. Und die ersten Schritte für diese Existenz hat er bereits verwirklicht.



Dass Zamani sich auf hinterlistigen Wegen in die Familie einnisten möchte, stellt in diesem erzählerischen Geflecht jedoch lediglich die Spitze des Eisbergs dar.

Der junge Mann lässt sich von beiden ‚Ersatz-Eltern‘ ihre respektiven Erinnerungen schildern und deckt hierbei sowohl die Missetaten seines Ersatzvaters als auch die qualvolle Vergangenheit der Ersatzmutter auf. Beide haben in ihrer Jugend unter härtestem Liebeskummer gelitten, brutale Morde bezeugt und dem Terror grausamer Männer unterliegen müssen.


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Während Zamani nach und nach das Schicksal seiner eigenen Eltern erfährt, welches unerwartet eng mit demjenigen seiner Ersatzfamilie zusammenhängt, schält sich aus den Episoden die erschütternde Zeitgeschichte Zimbabwes.


Sie krümmte sich. Hielt sich den Leib.
Er packte ein Büschel ihres mfushwa-Haars. Riss sie zurück.
[…]
Hob erneut die Hand. Darin, eine Sichel.
Die Sichel durchschnitt die Luft. Traf ihren Körper.“(161)


Dass diese fesselnde, facettenreiche, historisch und psychologisch nuancierte und komplexe Geschichte Novuyo Rosa Tshumas Debütroman ist, war bei der Lektüre kaum zu glauben. Die Autorin hat ihre Spannungsbögen und Figurendynamiken so interessant komponiert und geht so gekonnt mit dem unglaublich schweren Gewicht der Geschichte um, dass von den Seiten des Buchs eine wesentliche schriftstellerische Reife hervorgeht.


Sie starb im selben Augenblick,
als er den Höhepunkt erreichte,
mit Augen ungezähmt wie die Savanne.“(241)


Auch sprachlich – und hier gilt mein hohes Lob selbstverständlich auch der Übersetzerin Simone Jakob – gilt dieser Roman als gelungen, genussvoll und vielfältig.

Die variable Länge der Sätze an unterschiedlichen Stellen; sorgfältig gewählte Wortfolgen, eine elegante Kadenz sowie lyrisch angehauchte Tonalität, ein stark charakteristischer Singsang im Allgemeinen und ein fließender Umgang mit dem Text in allen erwähnten Formen lässt den inhaltlich gehaltvollen, schwerwiegenden Roman als genussvolle Lektüre voranschreiten.

Ein Gleichgewicht von Humor und Ironie in puncto Schicksal, Motivation und Entwicklung des Protagonisten – auf welches aus Spoilergründen erst in den Kommentaren eingegangen werden kann – und einer ernsthaften Beschäftigung mit Themen wie Schuld, Verbrechen, individuelle Bewältigung von emotionalen Traumata sowie kollektive Bewältigung von historischen Traumata hat die Autorin in diesem Roman gesucht und gefunden.


Was glaubst du, wie viel es sein wird, Schwester?
Diese Ent-schä-di-gung? Was glaubst du, wie viel muss
die Regierung uns bezahlen, damit wir vergessen?
Wie viel kann alles wieder gut machen?(298)


Sowohl auf universalhumane Familiendynamiken als auch spezifisch historische Konflikte schafft Tshuma es, innerhalb der knapp vierhundert Seiten dieses Buchs zu Genüge einzugehen, ihre Hintergründe zu erforschen, die düsteren Ecken der respektiven Begebenheiten anzuleuchten – und sowohl aus individualmenschlicher als auch universalhistorischer Perspektive eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, die den Begriff der Familie auf makabre Art und Weise neu definiert.


Vielleicht etwas zu platt fällt – nicht der Titel per se, der gut gewählt und (in diesem Atem auch die Covergestaltung, diese insbesondere in der deutschsprachigen Ausgabe) sehr zu loben ist – der argumentative Zwang auf und aus, den Titel unbedingt im Text erschienen zu lassen.

Dass es sich bei Zamanis und Zimbabwes Geschichte gegebenenfalls um eine Allegorie handeln könnte, hätte die Autorin ihrer Leserschaft ruhig zur Deduktion überlassen können, da sie auf allen anderen Fronten hohe Ansprüche gestellt hat.


Wer sich für Zeitgeschichte, den Kontinent Afrika oder ungemein makabre, psychologisch vielfältige Familiendynamiken interessiert und vor härtestem Tobak nicht abschreckt, dem ist „Haus aus Stein“ nur wärmstens zu empfehlen.

Der Roman ist – absolut zurecht – als einer der 30 Finalisten der Hotlist 2023, dem Buchpreis der unabhängigen Verlage, nominiert, und wird, wenn es nach mir geht, hoffentlich mit zahlreichen weiteren Auszeichnungen gekrönt.

Denn ein so außergewöhnliches Buch, überdies noch ein Debüt, habe ich seit längster Zeit nicht mehr gelesen.


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Bibliografie:

Titel:
Originaltitel:
Autor*in:
Übs.*in: Simone Jakob

396 Seiten | 28,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 24.08.2023
Verlag: InterKontinental Verlag
ISBN: 9783982328157

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1 Antwort

  1. Es freut mich sehr, dass dir der Debüt-Roman auch so gut gefallen hat. Dankeschön für deinen detaillierten Leseeindruck.

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