Fett und hässlich. Asako Yuzuki: „Butter“

Der Bestsellerroman „Butter“ von Asako Yuzuki, übersetzt von Ursula Gräfe, bewegt sich inhaltlich zwischen „Das Schweigen der Lämmer“ und „Eat, Pray, Love“; literarisch zwischen Milena Michiko Flashar und Mieko Kawakami. Die komplexe Geschichte wird von Skeptikerinnen* als Kolportage kritisiert, von überzeugten Leserinnen als feministisches Panorama gelobt.

Wie entwickelt sich die Begegnung der jungen ambitionierten Journalistin und der kulinarisch begabten Serienmörderin – und wer ist die tatsächliche Protagonistin in diesem Buch?


Die Tokioter Autorin Asako Yuzuki veröffentlicht seit 2008 Romane und Kurzgeschichten. Ihre Texte wurden für Fernsehen, Radio und Film adaptiert; Yuzuki war bereits mehrmals für den für den Naoki-Preis nominiert, welcher als das Gegenstück des renommierten Akutagawa-Preises im Bereich Unterhaltungsliteratur gilt.

Asako Yuzukis Roman „Butter“, übersetzt von Ursula Gräfe, ist in Japan ein Bestseller, erschien weltweit in zahlreichen Sprachen und gewann 2025 den British Book Award. Doch wurde der Roman wahlweise auch als „Gastro-Roman mit gesellschaftlichem Anspruch“ oder „Kochlehrbuch im Mystery-Format“ diminuiert.1 Interpretieren ließe sich in beide Richtungen: der üppige Text liefert einen komplexen psychologischen Boden mit reichhaltigem Personal und vielen Themen. Einige Aspekte überzeugen allerdings mehr, andere weniger.


„Butter“ erzählt die Geschichte der Journalistin Rika und ihrer Begegnung mit einer Serienmörderin. Manako Kajii soll mehrere Männer mit ihren Kochkünsten verführt und anschließend umgebracht haben. Kajii hat eine ausgeprägte Leidenschaft für Hedonismus und Kulinarik – nichts verabscheue sie hingegen mehr als „Feministinnen und Margarine“ (33).

Unter der Bedingung, nur über das Kochen zu reden, willigt Kajii auf das Gespräch mit Rika ein. Ihr Austausch vertieft und entfaltet sich – bis Manakos Einfluss auch Rika in eine lebensgefährliche Situation bringt.


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Die Geschichte von „Butter“ basiert lose auf der Verurteilung von Kanae Kijima, die mehrere Männer um große Geldsummen betrogen haben soll. Mindestens drei von ihnen seien durch eine Kohlenmonoxidvergiftung ums Leben gekommen.1 Doch ferner – primär – stellt Asako Yuzuki mit dem psychologischen Porträt ihrer Serienmörderin einen Spiegel vor der japanischen Gesellschaft auf, die auch heute ein bedenkliches Maß an Misogynie in sich trägt.

Rika ist sowohl in ihrem privaten als auch professionellen Umfeld verhältnismäßig souverän unterwegs: Als Journalistin genießt sie unter ihren Kolleginnen einen guten Ruf, dank der Aussicht des Interviews mit Manako Kajii visiert sie sogar eine Position als Chefredakteurin an. Mit ihrem Freund Makoto kann Rika zwar ihre Sorgen und Nöte teilen, „aber sie war auch dankbar für die Distanz“ (12). Nachdem die kulinarischen Lektionen von Kajii und der vermehrte Genuss von gutem Essen zu einer Gewichtzunahme führen, die Makoto kommentiert, folgert Rika lediglich, dass der Mann kein Rückgrat besitze und aufgrund der prekären Thematik Manako Kajii und der womöglich folgenden negativen Resonanz die Beziehung leiden würde, da er nicht die Stärke besitze, sie in schwierigen Zeiten zu unterstützen.

Rikas beste Freundin Reiko, die ihre Karriere für die Familienplanung aufgegeben hat, dient als weitere Kontrastfigur – wobei ihre Position und Gedanken zu den physischen und psychischen Veränderungen in Rikas leben und an ihrer Person in komplexeren Gesprächen erörtert werden.


Die bei weitem interessanteste Dynamik entsteht jedoch zwischen Journalistin und mutmaßlicher Serienmörderin: Aus den Begegnungen mit Manako Kajii und dem Austausch über Werte und Zwänge, die Frauen in Japan auferlegt werden, wachsen Lektionen, Experimente und Mutproben, die Rikas Leben und ihr Umfeld zu einem zunehmend gefährlichen Ausmaß beeinflussen. Nach und nach erfahren wir mehr über Kajiis Kindheit und Jugend: während sie anfänglich lediglich ihre Rezepte teilt, sinniert Manako auch über ihre Liebschaften, denn der Genuss sinnlicher Nächte geht Hand in Hand mit üppigen Mahlzeiten.

Allerdings ist es nicht nur das Frauenbild von Manako Kajii und die krasse Divergenz ihrer Ideologie mit Rikas Wertesystem, die von Interesse sind: Jede der Figuren trägt zum Beginn der Geschichte ein gesellschaftlich auf sie zugeschnittenes, etwas bis sehr einengendes Gewand. Dass die vorhandene Garderobe Rika zu eng wird, nachdem sie beim Genießen von vollmundigem Essen zunimmt, ist nicht nur eine körperliche Entwicklung – ihr gesamter Gesichtskreis erweitert sich in immensem Maße, die vorhandenen Grenzen werden schnell eingetreten. In Teilen mit positiven, in Teilen zerstörerischen Auswirkungen.

Netterweise begrenzt Asako Yuzuki sich im ertasten moralischer Ideen und kulinarischer Vorlieben nicht nur auf das weibliche Romanpersonal: So deutlich die männlichen Figuren als insgesamt nebensächliches Element gelten, erhalten sie dennoch genügend Tiefe, um die weiblich getragenen feministischen Diskurse ausreichend zu ergänzen. Zudem ist genügend Auswahl an multidimensionalen Figuren erhalten, um unterschiedliche Reaktionen zu Kajiis Lebensphilosophie zu repräsentieren, mit denen sich Lesende identifizieren können.


Dieser Beitrag begann als Versuch einer Figurenanalyse – doch war es die Analyse diverser Dynamiken, die schließlich am interessantesten ausfiel. Ausgangspunkte und individuelle Charakteristika weichen nach und nach einer Vielzahl an Begegnungen, Veränderungen, Entwicklungen und Enttäuschungen – denn es sind die Beziehungen selbst, die Freundschaften, Rivalitäten und Formen von Liebe zwischen den Figuren, deren Wandel Stoff zum Reflektieren und Lernen bietet.

Das Wissen ums Schicksal Manako Kajiis überlasse ich der Leserschaft. In meinen Augen bietet „Butter“ nebst Anleitungen zum Auskosten und Genießen für Leben und Lebensmittel eine umfassende Reflexion diverser essenzieller feministischer Fragen. Insbesondere finden wir hier viele gelungene Schnittmuster derjenigen Korsetts, in die die japanische Gesellschaft Frauen weiterhin zwängen möchte.

Vorab sei noch erwähnt, dass der Roman in großen Teilen aus kulinarischem Fachwissen besteht; wer also gar kein Interesse für die Beschaffenheit von Lebensmitteln oder Zubereitung diverser Gerichte mitbringt, wird nur mäßig Spaß an der Lektüre haben.

Meinerseits ist „Butter“ von Asako Yuzuki allerdings eine warme Leseempfehlung.


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Eine ausführliche Besprechung findest Du auf meinem YouTube-Kanal
: Zum Video


* das generische Femininum versteht sich als Oberbegriff für alle Personen jeden Geschlechts.
1 – Lisette Gehbardt: Butter, Blut, Beratung. In: literaturkritik.de, Nr. 3. März 2022. (Link)

Bibliografie

Titel: Butter
Autor*in: Asako Yuzuki
Übs.*in: Ursula Gräfe

442 Seiten | 14,00 € (Tb)(D)

Erscheinungsdatum: 14.02.2022
Verlag: Aufbau

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