Mythen und Mord. „Underground Railroad“ und „Alles ist erleuchtet“

Eine einfühlsame Wanderung auf den verborgenen Pfaden einer herzzerreißenden Familienhistorie und eine skrupellose Darstellung der schlimmsten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte – beide im folgenden Beitrag zu besprechenden Romane wären mit den jeweiligen Facettenbeschreibungen akkurat getroffen.

Beide literarische Perlen sind aus zahlreichen Gründen enorm lesenswert – und reißen mit einer respektive einzigartigen Wucht an den Seelenstricken ihrer Leserschaft.

Was differenziert und was vereint Colson Whiteheads und Jonathan Safran Foers Romane „Underground Railroad“ und „Alles ist erleuchtet“?


Im heutigen Beitrag stelle ich Dir zwei Juwelen aus der Backlist-Schatzkiste der belletristischen Neuerscheinungen vor, die weder den Status eines Klassikers errungen haben noch als Novitäten bezeichnet werden können.

„Underground Railroad“ erschienen im englischsprachigen Original 2016 und in deutschsprachiger Übersetzung von Nikolaus Stingl im Folgejahr 2017. Der Roman wurde 2017 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. „Alles ist erleuchtet“ (Everything is Illuminated) erschien im Original 2002 und in deutscher Übersetzung von Dirk van Gunsteren im Jahr 2003. Beide Bücher sind grob gefasst fiktionalisierte Ausarbeitungen reeller Sachverhalte, doch nähern sich die Autoren auf hochgradig unterschiedlicher Art und Weise ihrer Materie.

Bezüglich Inhalt und Handlungsorte unterscheiden sich diese Romane erheblich – abgesehen von einer rein zeitlichen Überschneidung und der Behandlung diverser skrupelloser Formen historischer Unterdrückung von Minderheiten.

Doch ist gerade diejenige Methodik, die diese Lektüren als literarische Bereicherung etabliert, beiden Romanen auffallend gemein.


Die echte Untergrundbahn


© Little, Brown Book Group

Colson Whitehead erzählt in „Underground Railroad“ von einem geheimen Netzwerk zur Fluchthilfe von Sklaven aus den Südstaaten in die Nordstaaten und nach Kanada.

Obwohl Whiteheads Bestseller starke fiktionale Ausschmückungen vornimmt, hat es dieses informelle Schleusernetzwerk im 18. und 19. Jahrhundert tatsächlich gegeben – und auch unter dem Namen Underground Railroad. (Wikipedia)

Dass die Railroad nichts mit unterirdischen Zügen oder Tunneln zu tun hat, ist höchstwahrscheinlich jedem klar, der sich die logistischen Ausmaße der Vereinigten Staaten einmal angeschaut hat.

Doch wurde aufgrund der Entwicklung und Beliebtheit der Eisenbahn auf dem nordamerikanischen Kontinent auch im Fluchthelfernetzwerk entsprechender Jargon in Gebrauch genommen. So wurden die Reisenden als Cargo (einzeln) oder Train (als Gruppe) bezeichnet und die Fluchthelfer als Schaffner oder Stationmaster – während die sicheren Unterkünfte als Stationen oder Terminals bekannt waren.

Whitehead beschreibt die qualvolle Existenz von Cora, einer jungen Sklavin, deren Mutter von ihrer Plantage flieht und die aufgrund ihrer Position im Mikrokosmos der Plantage sowie ihres Verhaltens sogar in der Rangordnung der Sklaven selbst eine sehr niedrige Position besetzt.

Als ein anderer Sklave, Caesar, Cora zur gemeinsamen Flucht ermutigt, soll das Mädchen als Glücksbringer fungieren: schließlich habe bereits ihre Mutter es erfolgreich geschafft, von der Plantage zu fliehen.

Ob allerdings anderswo das echte Glück auf die beiden wartet – und was wirklich mit Coras Mutter passiert ist –, ist zu bezweifeln.


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Das historische Schtetl Trachimbrod 


© S. Fischer

Auch Foers Debütroman basiert auf sehr echten Orten und Begegnungen: das jüdische Schtetl Trachimbrod oder Trochenbrod wurde 1835 gegründet und von den Nazis im 20. Jahrhundert in ein Ghetto umgewandelt – ehe die Bewohnerschaft brutal ermordet wurde.

Heute sind an der entsprechenden Stelle nur noch Wald und Felder, doch wurde in der israelischen Stadt Cholon ein Holocaust-Denkmal der Juden von Trachimbrod errichtet. (Wikipedia)

Noch faszinierender ist die Entstehungs- sowie die Rezeptionsgeschichte der literarischen Ausarbeitung: Safrans Mutter Esther Safran Foer verfasste nach der Erscheinung des Romans eine faktenreiche Recherche über die Geschichte der Juden von Trochenbrod, mit dem Titel: „Ihr sollt wissen, dass wir noch da sind“ (I Want You To Know We’re Still Here, 2020).


Magischer Realismus


Obwohl die Herangehensweise beider Autoren an ihr historisches Material vollständig divergiert, finden die Texte aufgrund von Elementen der realistischen Phantastik wieder zueinander. Sowohl im historischen Trachimbrod als auch den Stationen der Underground Railroad sind sowohl hyperrealistische als auch magische Momente in die Erzählungen eingebaut, die entweder von einer Bindung zwischen Menschen und mythischen Kreaturen, einer animistischen Kommunikation zwischen Mensch und Natur oder einer Kommunikationsmöglichkeit zwischen Lebenden und Toten ausgehen.

In diesem Rahmen lässt Whitehead seine versklavten Protagonist*innen auf nonverbalen Wegen miteinander kommunizieren und verleiht den Figuren ab und an sowohl animalische als auch spiritistische Charakteristika. Im selben Kontext verlassen Foers Figuren des Öfteren die Grenzen des menschlich Möglichen.

Kontrastiert wird diese Zauberwelt in beiden Fällen durch harte Realität: Foers Protagonisten entdecken und enthüllen brutale historische Wahrheiten, Whiteheads Schilderungen werden durchgehend mit von echten Vorbildern inspirierten Fahndungsplakaten und Gesuchen illustriert, die zur Festnahme entflohener Sklav*innen aufrufen.



Sprache


In sprachlicher Hinsicht sind die argumentativ erheblichsten Unterschiede zwischen den Romanen erkennbar.

Foers Roman ist, obwohl die Handlung in einer grauenvollen Tragödie kulminiert, eine charismatische und humoristische Ausarbeitung, die aus reichhaltigen historischen und persönlichen Perspektiven besteht. Er nähert sich der Geschichte mit Vorsicht und Feingefühl, tastet sich zwischen drei Handlungslinien langsam voran zur historischen Tragödie seiner Großeltern.


Whitehead hingegen stellt die harte Realität seiner Figuren lakonisch und ungeschönt da. Die gewaltvollen Verhältnisse und der skrupellose Umgang, die als Norm geltende Unterdrückung und der Missbrauch sowohl von weißen als auch bei Schwarzen Figuren untereinander werden geradezu sachlich dargestellt, als ob lediglich Fakten konstatiert würden und es sich um Objekte, nicht Personen handelte.

Die bedacht knappe Sprache soll einerseits die rundum elendige Realität der Protagonist*innen bei der Lektüre selbst als leichter verdaulich gestalten – führt allerdings zu einem unglaublich intensiven Nachhall der Lektüre.

Obwohl ich beide Romane hintereinander gelesen und die Gemeinsamkeiten sowie Differenzen auf Anhieb bemerkt habe, funktionieren beide stilistische Ausarbeitungen aufgrund der vollständig unterschiedlichen Perspektivierungen hervorragend. Beide Romane gehen tief unter die Haut – allerdings in einem unterschiedlichen Tempo und Rhythmus.


Adaptionen


Sowohl „Underground Railroad“ als auch „Alles ist erleuchtet“ sind bereits für die Leinwand adaptiert worden. Die Filmversion von Foers Debüt erschien im Jahr 2005, es gelang Elijah Wood und vor allem dem ukrainischen Musiker Eugene Hütz, die Protagonisten unglaublich gut in Szene zu setzen, sodass während der Lektüre ihre Stimmen von den Seiten heraus hallten.

Die TV-Adaption für Whiteheads Roman umfasst zehn Folgen und erschien 2021 auf Amazon Prime Video – und wurde hierzulande noch nicht geschaut. Die Originalgeschichte wird zwar erzählt, allerdings sind zumindest auf den ersten Blick zusätzliche Figuren in die Handlung eingearbeitet worden.


Zusammenfassend handelt es sich in beiden Fällen um faszinierende und komplexe Romane, die sehr wichtige historische Momente aus persönlicher – in Foers Fall autofiktionaler – Perspektive behandeln und für historisch interessierte Lesende sehr von Interesse sein können.

In beiden Fällen wird jedoch fest auf die Herzkammern und Tränendrüsen gedrückt, weswegen die Lektüren für zart besaitete Lesende weniger empfehlenswert sind.


Hier geht’s zur Leseprobe von „Underground Railroad“.
Hier geht’s zur Leseprobe von „Alles ist erleuchtet“.

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Gerne können wir uns in den Kommentaren über die drei besprochenen Bücher unterhalten. Ich freue mich auf Ergänzungen und Eindrücke.

Auch in diesem Video habe ich über die zwei Romane gesprochen:


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  1. Wie spannend, gerade diese beiden Titel einander gegenüber zu stellen. Gerade in dieser Woche habe ich einmal meine ungelesenen Bücher inventarisiert: Beide stehen noch ungelesen bei mir im Regal. Deine Besprechung gibt mir gleich den richtigen Anstoß. Ich finde, dass solche Titel es ein paar Jahre nach ihrem Erscheinen auf Buchblogs besonders schwer haben: Anfangs sehr oft besprochen, doch jetzt weder Novität und noch kein Klassiker, gefühlt bekannt, … – ich werde beide auf jeden Fall noch lesen.
    Grüße, Jana

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  2. Die Gegenüberstellung und der Vergleich der beiden finde ich überaus gelungen und spannend. Die verborgenen Tiefenstrukturen von Literatur interessiert mich brennend. Ich finde es manchmal sehr schwierig, genau zu beschreiben, worin für mich die Ähnlichkeit liegt. Analysen wie deine helfen mir weiterhin auf die Sprünge, die Magie der Literatur zwar nicht zu erschöpfen, aber weiter zu erschließen! Danke dafür. Viele Grüße!

    Gefällt 2 Personen

    • Vielen Dank für den Zuspruch, lieber Alexander! Ich muss sagen, dass meine Lektüren, umso mehr ich mich in Diskurse und Kontexte vertiefe, zunehmend miteinander „unterhalten“. Gerade bei den Jahreshighlights habe ich diese auf YouTube thematisch gruppiert, und dies ganz spontan vor dem Dreh. Ich finde es ebenso ungemein faszinierend, Bücher, Sphären, Themen miteinander zu verknüpfen und weitere Fäden in meiner Peripherie zu knoten.
      Regnerische Mittwochsgrüße! 🙂

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  3. Beide Titel spuken schon seit geraumer Zeit in meinem Hinterkopf herum, sind für meinen derzeitigen Gemütszustand vermutlich aber weiterhin zu schwere Kost. Vielleicht im Sommer … 🙂

    Den Vergleich beider Romane finde ich enorm gelungen! Nur bei „erschien im Original 2022 und in deutscher Übersetzung von Dirk van Gunsteren im Jahr 2003“ scheint sich der Fehlerteufel eingeschlichen zu haben – vielleicht war aber auch einfach nur der Fluxkompensator kaputt. 😉

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    • Ich danke dir sehr für die Aufmerksamkeit, der Fehler ist nun korrigiert, es soll natürlich heißen: „im Original 2002“. 🙂
      Beide Lektüren sind ganz klar schwere Kost, doch besitzt Foers Debüt eine große Herzlichkeit und Gefühlsstärke, die m.E. leichter zu verkraften wäre. Vielleicht hilft dies ja bei der Auswahl. 😉

      Gefällt 1 Person

Trackbacks

  1. Panorama: Leseplanung 2023 – Literarische Abenteuer

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