Rassismuskritisch leben und handeln. Tupoka Ogette: „Und jetzt du.“ und Ibram X. Kendi: „Antirassistisch handeln“

Die deutsche Autorin, Beraterin und Trainerin Tupoka Ogette (* 1980) ist seit 2012 im Bereich Rassismuskritik tätig. Im März 2017 erschien ihr Bestseller-Handbuch „exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen“. Nun bietet Ogette im neuen Handbuch „Und jetzt du. Rassismuskritisch leben“ einen weiteren praktischen Leitfaden zur Rassismuskritik.

Der New Yorker Professor und Autor Ibram X. Kendi (* 1982) machte in seinem Bestseller „How to be an Antiracist“ (2019, dt. 2022) anhand der eigenen Geschichte die Mechanismen von Rassismus sichtbar. Das Arbeitsbuch „Antirassistisch handeln“ versteht sich als Begleitband.

Wie tiefgreifend müssen wir als Individuen und als Gesellschaft unsere Denkmuster rassismuskritisch reformieren – und wie können wir durch kleine Portionen Reflexion und Aufmerksamkeit täglich antirassistisch handeln?


© Penguin Random House

Tupoka Ogettes neues Handbuch „Und jetzt du. Rassismuskritisch leben“ (2022) ist Ratgeber, kluge Beobachtung, Leitfaden und Augenöffner zugleich.

Bereits in der Einleitung gewinnt die Autorin Empathie, als sie rassistisches Verhalten anderer Kinder gegenüber ihrem Sohn beschreibt.

Bewunderung für die sachlich agierende Mutter und Entsetzen für das arme Kind stellen sich zunächst ein – doch dass es sich hier um den Alltag von BIPoC handelt, dürfte leider nun wirklich niemanden überraschen.

Allerdings kann jede*r die Quellen, Ursachen und Muster solcher Momente analysieren und erkennen – um aktiv gegen sie zu anzukämpfen.

Ogette bietet jedem Lesenden Kenntnisse und Mittel dafür.

So, wie sie selbst auf die oben beschriebene Situation reagiert, lehrt die Autorin auch ihre Leserschaft in ähnlicher Lage umzugehen: überlegt, reflektiert, entschlossen. Aktiv und mit Selbstsicherheit soll jedes Individuum Beleidigungen, Übergriffen sowie anderen individuellen und systematischen Erscheinungen rassistischen Verhaltens begegnen können.

„Und jetzt du.“ ist Lehrbuch, Erfahrungsbericht, soziologische Studie und praktischer Leitfaden zugleich.


Ogette bietet klare Beispiele für systemischen Rassismus in Bereichen wie Gesundheitswesen, Kita und Schule, öffentliche Strukturen u. a. Für jede dieser Sphären skizziert die Autorin hilfreiche Checklisten, Kontrollfragen und Richtlinien zum weiteren Verhalten auf, die die Vielzahl an potenziellen Situationen überblicken lassen, in denen Alltagsrassismus vorkommt.


Wir diskutierten Rassismus fatalerweise sowohl
im privaten als auch im öffentlichen Diskurs unter drei
Prämissen: Individuum, Moral und Vorsatz.“(16)


Mit klaren Strukturen, Argumenten, Beispielen und analytischen Reflexionen – und einer argumentativen Engelsgeduld – führt Ogette ihre Leser*innen in die Grundzüge des systemischen und des alltäglichen Rassismus ein, den die meisten Individuen unwissend zu Tage bringen. Sie erläutert konkrete Situationen und lehrt, wie eine Person in solchen Momenten Änderungen inspirieren kann.

Die Empathie, mit der Ogette ihrer Leserschaft begegnet, ist angesichts der Beschreibungen aus ihren eigenen Erfahrungen mit Teilnehmer*innen von Workshops und Seminaren bemerkenswert – die Autorin erinnert ihre Leser*innen regelmäßig daran, einen emotionalen Check durchzuführen, validiert womöglich während der Lektüre entstehende ungemütliche Gefühle, und betont, dass es auch im Kampf gegen rassistisches Verhalten anderer wichtig ist, als Ally zu handeln, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.


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„Und jetzt du.“ hat das Potential, Revolutionen und Durchbrüche auf vielerlei Ebenen auszulösen.

Für diejenigen, die sich in der rassismuskritischen Begriffswelt, beispielsweise Whitewashing, Whataboutism, White Fragility, Empowerment, Tone Policing usw. noch nicht auskennen – und den Kürzel BIPoC (Black Indigenous People of Color) nicht auf Anhieb spontan entschlüsseln könnte – bietet Ogette einen übersichtlichen Einstiegskurs mit Begriffen, Ereignissen und Personen, rassismuskritischen Brennpunkten, zeitgenössischen Studien und weiterführenden Lektüren.


„Wir werden keine rassismusfreie Gesellschaft erleben. […]
Die gute Nachricht ist, Wir haben die Möglichkeit, eine
rassismuskritische Gesellschaft zu schaffen.“(31)


Für diejenigen, die sich mit der Materie zwar bereits auseinandergesetzt haben, sich dennoch von der Notwendigkeit, Erklärungen für unwissende Familienmitglieder oder Bekannte zu bieten, überwältigt fühlen, liegt in „Und jetzt du.“ ein hervorragendes Instrumentarium vor.

Ogette strukturiert im praktischen Teil ihrer Monografie klar und deutlich diejenigen Sphären des Alltags, wo systematische und strukturelle Veränderungen brennend notwendig sind.


Spoiler: es sind alle Bereiche. Allerdings unterbreitet die Autorin klare Vorgehensweisen und skizziert konkrete Situationen, die für BIPoC belastend sein können. Sie listet sogar mögliche verbale Formulierungen auf, die in solcherlei Situationen angewandt werden können.

Vorrangig Eltern – selbstredend sowohl weißer als auch Schwarzer Kinder – ist dieses Handbuch dringend zu empfehlen, denn am wichtigsten ist es für eine Progression der Gesellschaft, eine kritische, solidarische Jugend zu erziehen, die mit rassismuskritischem Blick sensibilisiert wird.

Ogette listet in ihrem üppigen Anhang – die Literaturliste ist wirklich erhellend – unter anderem Ibram X. Kendi auf, dessen Monografie „How to be an Antiracist“ als weiterführende Lektüre empfohlen wird.


Wer allerdings eine praktische Umsetzung der Checklisten, reflexiven Fragen, Beobachtungen des eigenen Umfelds und Vorschlägen an sich selbst direkt möchte, hat auch die Option, mit dem folgenden Arbeitsbuch direkt zu beginnen, welches als gute Ergänzung für „Und jetzt du.“ fungieren kann.

© Penguin Random House

Ibram X. Kendis Arbeitsbuch „Antirassistisch handeln“ (2022) besteht aus halbseitigen Zitaten und zu beantwortenden Fragen, die vermutlich mit den Stichpunktartigen Kapiteltitel in „How to be an Antiracist“ korrelieren und als Begleitheft zum Buch für eine schrittweise praktische Umsetzung des Gelesenen dienen.

Als Einstieg ist dieses Arbeitsheft dahingehend nicht zu empfehlen – es sei denn, man*frau hat vorab Kendis Monografie gelesen. In diesem Fall ist das Arbeitsbuch selbstverständlich empfehlenswert.

Kendis „Antirassistisch handeln“ fordert Lesende direkt dazu auf, rassistische Momente aus ihren eigenen Erinnerungen zu notieren, kritische Selbstanalyse zu betreiben und auf konkrete Situationen einzugehen, in denen man*frau sich minderwertig, überlegen, rassistisch, antirassistisch oder – vermeintlich – neutral verhalten haben soll.


Feigheit ist die Unfähigkeit, die Stärke aufzubringen,
das Richtige im Angesicht der Angst zu tun.“(169)


Nach „Und jetzt du.“ kann Kendis rhetorische Methodologie durchaus angewandt werden – seine Thesen sind teils bereits in den gestellten Fragen anzufinden, woraufhin es möglich ist, die folgende leere Seite mit eigenen Anregungen, Gedanken und Erinnerungen zu füllen.

Kendis Themen korrelieren teilweise mit Ogettes Kapiteln, sodass die Reflexion von Rassismus in Institutionen, an Schulen, von Safe Spaces oder der intersektionale Umgang mit Rassismus in Kombination mit Queerness thematisiert werden. Definitiv entwirft das Arbeitsbuch ein erkennbares Spektrum an Problemstellen, die kritisch zu analysieren und zu reflektieren sind.


Dennoch empfand ich das Arbeitsheft als angemessenes Material für ein entsprechendes Seminar oder Workshop, eine Leserunde oder ein didaktisches Gruppenumfeld, und würde es ausschließlich im Zusammenhang mit oder nach der Lektüre von den oben erwähnten Büchern – oder einem anderen rassismuskritischen Handbuch – lesen und ausfüllen.

Zur weiterführenden Reflexion wäre Kendis Arbeitsbuch als nächster Schritt auf dem Weg zur rassismuskritischen Horizonterweiterung empfehlenswert – bevorzugt jedoch im Dialog. Diese Methodik wird übrigens bereits von Ogette insofern bestätigt, dass auch sie empfiehlt, einen weiteren rassismuskritischen Verbündeten zu finden und schwierige Gefühle und Situationen gemeinsam zu analysieren.


Wer sich mit Rassismuskritik und antirassistischem Handeln auseinandersetzen und direkt von einer Vielzahl hilfreicher konkreter Beispiele, Checklisten und Tipps profitieren möchte, dem sei Ogettes „Und jetzt du.“ als Einstiegsbuch wärmstens empfohlen.

Mit Verlaub: Wer dies sofort und ausdrücklich nicht möchte, sollte „Und jetzt du.“ gegebenenfalls sogar mit Nachdruck kennenlernen.

Hier geht’s zur Leseprobe von „Und jetzt du“.

Bibliografie:

Titel: Und jetzt du. Rassismuskritisch leben
Autor:in: Tupoka Ogette

336 Seiten | 22,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 08.03.2022
Verlag: Penguin
ISBN: 978-3-328-60218-7

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