Drei Kurzrezensionen, Edition Liebe: „Elizabeth Finch“, „Meine Mutter sagt“ und „Gib ihnen, wovon sie träumen“

Gebrochene Herzen, platonische Liebe, zerstörerische Seelensuche. Im heutigen Beitrag aus der Reihe „Drei Kurzrezensionen“ teile ich meine Eindrücke zu drei vor Kurzem gelesenen gehaltvollen Liebesgeschichten.


Zusätzlich zu den regulären ausführlichen Buchbesprechungen erscheinen seit diesem Monat unter dem Serientitel „Drei Kurzrezensionen“ gebündelte Momentaufnahmen. Diese Texte entstehen meist als unmittelbare Eindrücke direkt während oder kurz nach der Lektüre und sollen lediglich eine Impression des jeweiligen Buchs darstellen. Weiteres können wir bei Interesse sehr gerne in den Kommentaren besprechen und ausführen.

Im heutigen Beitrag habe ich meine Gedanken zu drei Romanen gebündelt, die sich zwar als Liebesgeschichten beschreiben lassen – doch je sehr besondere Themen und spannende Komplexitäten zu Tage bringen.


Julian Barnes: „Elizabeth Finch“
Übersetzt von Gertraude Krueger


© KiWi

Wer schonmal etwas von Julian Barnes gelesen hat, weiß, dass der Autor gerne mit Erinnerung, Wahrheit, erzählerischen Diskrepanzen und dem Vertrauen von Lesenden spielt.

Nicht anders verläuft es in dieser elegischen Biografie einer Philosophieprofessorin.

Elizabeth Finch (EF) ist Stoikerin und Individualistin. Sie lebt auf ihre unapologetische Art und Weise, gesellschaftlichen Normen ausweichend, sowohl ihre Weiblichkeit als auch ihre Freiheit aus. Dies empfindet Neil, der an der Abenduniversität ihre Vorlesung zur Kultur und Zivilisation besucht, als erhellend wie mysteriös. EF bleibt mehr Mythos als Mensch – obwohl ihre Gespräche und Freundschaft nach der Vorlesung fortgeführt werden.

Neil selbst ist übrigens gescheiterter Schauspieler, Vater und Ehemann – doch, wie er selbst gerne betont: dies ist nicht seine Geschichte.

Als EF stirbt, erbt Neil ihre Bibliothek und Aufzeichnungen – welche ihn auf der Suche nach biografischen Antworten zu ganz anderen unerwarteten Erkenntnissen führen. Über den römischen Kaiser Julian Apostata lesend erfährt Neil, was EF über sich selbst nie verraten, sondern ausschließlich als Frucht von Recherchearbeit erlauben würde zu erkennen.

Zugleich Hommage an die Philosophie und Spiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, ist der Roman für Fans der Antike und der Ideengeschichte eine ansprechende Lektüre. Ungeduldige Lesende, die auf der nächsten Seite stets einen schockierenden barnesianischen Plot Twist erwarten, werden in diesem sachlich-analytischen, eher unspektakulären Roman enttäuscht. In diesem schlanken Buch verbergen sich zwar nuancierte Ebenen und raffinierte Verknüpfungen –, diese dürfen allerdings ausschließlich als Frucht von intensiver Interpretations- und Reflexionsarbeit entdeckt werden.


Fazit: Für Fans von sprachlich gereiften und im Tempo bemessenen, inhaltlich komplexen Lektüren birgt „Elizabeth Finch“ viel Entdeckungsfreude. Wer sich weniger für Antike Philosophie und mehr für Psychologie interessiert, greife jedoch zu einem anderen Barnes.


Kiepenheuer&Witsch, 240 S., 24,00€. Hier geht’s zur Leseprobe.


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Stine Pilgaard: „Meine Mutter sagt“
Übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel


© Kanon Verlag

Stine Pilgaards Debüt funktioniert aus vielerlei Gründen.

Diese Geschichte über gebrochene und hoffende Herzen, ambivalente Familienbande, Selbsthass und Selbstliebe könnte inhaltlich schnell ins kitschige abrutschen – wenn sie nicht ganz genau wissen würde, wo ihre Stärken liegen.

Dem Roman wohnt eine Balance aus Melancholie inne – und hervorragendem, liebevollen sowie selbstvernichtenden Humor, welche auch in Momenten nahenden seelischen Weltuntergangs (und dieser Momente mangelt es nicht) ein hyggeliges Gefühl der Leichtigkeit ausstrahlt. Nicht nur die Protagonistin, sondern auch ihre Eltern gehen an potenziell größten Tragiken ihres Lebens mit Liebe und Humor heran.

Ebenso besonders sind die behandelten Situationen und Emotionen. Es gibt keine rein traditionellen Figurendynamiken, da konventionelle Beziehungen zerbrochen sind. Pilgaard obduziert Freundschaften, Platonische Liebe, die Beziehung zwischen geschiedenen Eltern – Seiten des Psychosozialen, die selten im Vordergrund einer Liebesgeschichte stehen.

Die Kombination von Situationskomik und die vielfältige Zwischenmenschlichkeit sind sowohl für analytische als auch für sensible Gemüter gut verdaulich. Mit den sachlich anmutenden, doch im Wesentlichen humoristisch-melodramatischen Seepferdchenmonologen (die sicherlich Geschmackssache sind, doch mir gut gefallen haben) versucht die Protagonistin, ihren gebrochenen Körper und ihr malträtiertes Herz analytisch zu stimulieren, um sich unbewusst zu trösten und zu heilen. Schließlich gleicht das humorvolle Ende der Geschichte sentimentale Momente gut aus.

Fazit: „Meine Mutter sagt“ ist ein berührender Nachmittagsroman mit einer besonderen sprachlichen Schönheit und feinster Melancholie, gemischt mit verdaulichem Humor. Für Ditlevsen-Fans ein Muss!


Kanon Verlag, 192 S., 22,00€. Hier geht’s zur Leseprobe.


Eli Levén: „Gib ihnen, wovon sie träumen“
Übersetzt von Ursula Giger


© ink press

Eli Levéns herzzerreißende queere Liebesgeschichte, die in Schweden zurecht als moderner Klassiker gilt, hebt sich eigentlich durch ihre Herkömmlichkeit hervor.

Diese besteht weder in den sehr intensiven körperlichen Szenen zwischen Sebastian und seinen Partnern – noch in der zerstörerischen, verletzenden, vernichtenden Suche nach Liebe dort, wo keine zu finden ist.

Nein, in Teilen verfällt diese Entwicklungsgeschichte im Herkömmlichen.

In melodischer, lyrischer, rieselnder Sprache wird beschrieben, wie Sebastian sich in Andreas verliebt, wie er mit der Zurückweisung von Jim umgeht – und wie er sich in kleinen Schritten auf der aus Verstümmelung und Inspiration bestehenden Spirale den Weg aufnimmt zu einer Person, die in seinem tiefsten inneren geboren wird – beziehungsweise schon immer da war.

Elli.

Levén webt hier eine heftige Story aus Gewalt, Scham und Hass – die jedoch stets mit der Selbstverwirklichung, dem Recht zur Liebe und zum körperlichen und verbalen Ausdruck eines Individuums, ja, auch mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde, zusammenhängen. Dass er es schafft, eine analytisch betrachtet aus Extremen bestehende Geschichte so malerisch zu verdichten und zu vollenden, dass am Ende Hoffnung wartet, wo auch der Tod zur Realität werden könnte, ist phänomenal.

In einer idealen Welt können Romane wie „Blutbuch“ und diese Erzählung als herkömmliche Entwicklungsgeschichten voller Angst und Unsicherheit, Tränen, Sperma und Blut, Mut und Selbstverwirklichung gelesen – und Sebastian/Elli als normale Menschen geliebt, bewundert und verstanden werden.

Fazit: Dieser wunderschöne Liebesroman ist eigentlich nichts für schwache Gemüter. Dennoch empfehle ich ihn mit Nachdruck.

Ink Press, 137 S., 18,00€.


Gerne können wir uns in den Kommentaren über Deine letzten Lektüren und die drei besprochenen Bücher unterhalten. Ich freue mich auf Ergänzungen und Eindrücke.

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