Sucht weiter! Martina Clavadetscher: „Vor aller Augen“

Die Schweizer Autorin und Dramatikerin Martina Clavadetscher (* 1979) hat in ihrem Heimatland zunächst mit Erzählungen und Dramastücken für Begeisterung gesorgt. Für den Roman Die Erfindung des Ungehorsams erhielt die Autorin 2021 den Schweizer Buchpreis.

Im neuen Buch „Vor aller Augen“ sucht Clavadetscher nach versteckten Spuren von gemalten Frauen, die zwar bekannte Gemälde berühmter männlicher Künstler schmücken, doch als Personen und Individuen weitestgehend unbekannt blieben. Zwischen Fakt und Fiktion navigierend, öffnet und schmückt sie gefühlsintensive Räume aus und bereichert die ausgesuchten Bilder mit Farbtönen sowie Kulissen.


© Unionsverlag

Mit der Sammlung „Vor aller Augen“ möchte Martina Clavadetscher Frauen, die als Objekte, als Momentaufnahmen und als Verzierung von Künstlerbiografien eine prominente Rolle spielen, eine eigene Geschichte und Stimme geben.

In Clavadetschers Worten haben diese Frauen, die seit Dekaden oder gar Jahrhunderten stillschweigend vor aller Augen in goldenen Rahmen an Wänden von Museen hängen, es „verdient, wahrgenommen zu werden.“

„Deshalb war ich so anmaßend, sie nochmals mit Buchstaben zu zeichnen“. (231)

Die Texte sind chronologisch nach der Entstehung der jeweiligen Gemälde geordnet und gehen aus den respektiven Kunstwerken hervor: zum Beginn einer jeden Geschichte ist dasjenige Bild zu sehen, mit welchem die Person im kunstgeschichtlichen Kontext verewigt wurde.

Gemäß der Situation, Vorgeschichte und Gemütslage variieren die Gedanken der Frauen: gefühlvoll und reflexiv, liebevoll erinnernd, zynisch schmunzelnd, verzweifelt und flehend, wütend und klagend schauen die Frauen zu ihrem – oder aus ihrem – respektiven Portrait hinab.


[…] würde ich mich gerne wehren und laut protestieren,
wenn sie mit ihren Laborgeräten und Stoffhandschuhen
meine Würde zersetzen,
wenn sie mein gesetztes Dasein aufs Neue aufreißen.
Basta!
(16)


Dass die meisten der Geschichten als Fiktion und nicht als auf Tatsachen beruhende Biografie gelesen werden sollen, erörtert Clavadetscher im kurzen Nachwort selbst. Dennoch werden in vielen Texten klare Bezüge zu bekannten Sachverhalten sichtbar.


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Insofern kann „Vor aller Augen“ als von Tatsachen inspirierte, mit historischem Feingefühl verfasste (obgleich nicht zitierbare) literarische Ausarbeitung eingestuft werden, die Fans von ‚echten‘ Biografien ebenso nachdrücklich zu empfehlen wäre.

Über die Wesen, die Leben und die Tode der neunzehn Damen hinaus hebt Clavadetscher mit einem wunderbaren Sinn für realistische Phantastik, im Stil des magischen Realismus, diverse Aspekte des Daseins als Kunstwerk hervor.


In diesem Sinne beschwert sich beispielsweise die von Leonardo da Vinci im 15. Jahrhundert verewigte Dame mit Hermelin, Cecilia Gallerani, in der ersten Geschichte über die ständige Gafferei ihres Portraits – wohingegen die von Edvard Munch gemalte und geliebte norwegische Schriftstellerin Dagny Juel über ihr Innenleben, die Schatten in ihrer Seele und die sie mit den zeitgenössischen Künstler*innen verbindender Dunkelheit sinniert.


„Obwohl die Kirchgänger meinen Körper
später auf dem Gehsteig fangen, glitt meine hellblaue
Seele doch längst dort hinein in sein Grab auf Pére
Lachaise, wo nach zehn Jahren des Wartens […]
endlich auch mein Körper neben ihm zu liegen kam.“
(208)


Mystifizierte, berühmte Liebesgeschichten wie die Hintergründe der tragischen Beziehung zwischen Amedeo Modigliani und Jeanne Hébuterne werden aus der weiblichen Perspektive durchleuchtet und dienen als faszinierende spekulative Ergänzungen zu denjenigen Informationen, die der Allgemeinheit aus diversen Quellen bereits bekannt sind.


Nicht nur die interessante und breit gefächerte Auswahl an Geschichten und Facetten, sondern die mit sorgfältigen Strichen gezeichnete Sprache von Martina Clavadetscher gestaltet diese Sammlung als lesenswert.

Bereits in „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die lyrische Ader der Autorin zur Geltung gekommen, auch hier werden viele Texte als Prosagedichte gesetzt und lesen sich dadurch in rhythmischer Ausführung besonders interessant.

Dass Clavadetscher diese ihr bereits so eigene wirkungsstarke Stilisierung stringent fortführt, erhöht meine bisher schon hohe Meinung von der Autorin zunehmend.


Ich hatte ein
Leben. Ich habe eine Geschichte. Und die lasse ich mir
nicht wegnehmen. Von keiner Autorin, keinem Maler,
von keinem Bild. Ich bin Laure! Sucht weiter!(113)


Das von den Lippen der Figuren und der Verfasserin mehrfach ausgesprochene Plädoyer, weiterzusuchen, ermutigt nicht nur zur weiterführenden Reflexion abseits der dargebotenen Texte, sondern auch zur biografischen Recherche zu den hier gewählten Personen sowie weiteren weiblichen Figuren und Individuen, über die Geschichte und Historie bis dato schweigen.


Mit dem Anspruch, nicht nur im zeitgenössischen Sinne für Parität und Geschlechtergleichstellung zu kämpfen, sondern auch bereits verschollene weibliche Individuen in den Fokus zu stellen, reiht Martina Clavadetschers „Vor aller Augen“ sich in einen der wichtigsten Diskurse unserer Zeit.

Thematisch gesehen knüpft diese fiktionale Ausarbeitung also sowohl an Clavadetschers eigenen letzten Roman als auch sachlicher anlehnenden Büchern wie „Lust„, „Philosophinnen“ oder „Die kranke Frau“ an.


„Vor aller Augen“ gilt bereits aus ästhetischer Sicht als eine Sammlung wunderschöner Gemälde weltberühmter Frauen. Martina Clavadetscher erlaubt diesen außergewöhnlichen Individuen in ihren Texten allerdings endlich, eine dreidimensionale Existenz zu beanspruchen – und nicht nur als Objekte, sondern Personen wahrgenommen zu werden.

Auf diesem Wege gelingt ihr weit mehr als die Vertextung in den vermeintlichen tausend Worten, die ein Bild verbergen soll: ein maßgeblicher Schritt auf dem essenziellen Weg der Wieder- und Neuentdeckungen weiblicher Historie.


Es bleibt nur, innig zu hoffen, dass der – sachlich betrachtet fiktionale, doch eigentlich sehr realistische – vor über 500 Jahren getätigter Aufruf von Cecilia Gallerani endlich die ihr gebührende Lautstärke und Tragweite erreicht und andere zunehmend inspiriert, Räume für weibliche Stimmen zu erschaffen.

Sucht weiter!

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Vor aller Augen
Autor*in: Martina Clavadetscher

240 Seiten | 24,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 29.08.2022
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-00587-7

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