Historie der hystéra. Elinor Cleghorn: „Die kranke Frau“

Die englische Autorin, Kulturhistorikerin und Feministin Elinor Cleghorn wirkte nach ihrer Promotion mehrere Jahre an einem medizinisch-geisteswissenschaftlichen Projekt an der Ruskin School of Art der Universität Oxford mit. Simultan begann Cleghorn mit den Recherchen für eine umfangreiche Monografie über die Historie weiblicher Gesundheit.

Woher stammt Cleghorns hauptsächliche Inspiration für „Die kranke Frau“ – und warum ist diese aufwühlende Monografie sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftlich betrachtet ein enorm wichtiger Beitrag im feministischen und medizinhistorischen Diskurs?


© KiWi

Elinor Cleghorns gehaltvolle Monografie „Die kranke Frau. Wie Sexismus, Mythen & Fehldiagnosen die Medizin bis heute beeinflussen“ (Unwell Women: A Journey Through Medicine And Myth in a Man-Made World, 2021), übersetzt von Anne Emmert und Judith Elze, kombiniert Cleghorns Postdoc-Forschung mit einer verheerenden persönlichen Krankheitsgeschichte.

Die Monografie beinhaltet eine beeindruckende Vielfalt an Informationen zu medizin- und sozialhistorischen Entwicklungen aus der neueren und älteren Menschheitsgeschichte, schildert zahlreiche belegte Patientinnenberichte – und erlaubt zudem einen intimen Blick in die persönliche Krankheitsgeschichte der Autorin.


Cleghorn führt bereits in der Einleitung ihre persönliche Bindung zum Thema der medizinhistorischen Behandlung von Frauen aus: ein Großteil der Inspiration für „Die kranke Frau“ resultierte aus ihrem eigenen Kampf mit der Autoimmunkrankheit Lupus, die aufgrund ärztlicher Ignoranz langjährig nicht diagnostiziert werden konnte und sie jahrelang unter mysteriösen Schmerzen leiden ließ.

In diesem Rahmen reiht die Autorin sich selbst in die Reihen der „unpässlichen“ (23) Frauen ein, deren Krankheiten durch die Jahrhunderte hinweg entweder ungeeignet oder gar nicht behandelt worden.

Das semantische Feld und die Ontologie von „Frauenkrankheiten“, die Geschichte der mystischen Gebärmutter, die soziale Emanzipation der Frauen von einer wandelnden Gebärmutter zum autonomen Individuum – erwähnte Aspekte und mehr führt Cleghorn auf eine gleichzeitig sachliche und dennoch unapologetische Art aus.


Seit Jahrhunderten kämpft der Feminismus dagegen an,
dass Menschen aufgrund biologischer Faktoren
in ihrem Leben eingeschränkt werden.“(13)


Die Monografie befolgt eine lineare und stringente Struktur – die für eine lesbare Umsetzung solch aufwendiger Materialmengen notwendig und willkommen ist.

Cleghorn hat in „Die kranke Frau“ ein enormes Maß an zitierten Quellen und Querverweisen aus zeitgenössischen sowie historischen Texten gesammelt – die mit einer ebenso beeindruckenden Vielfalt an historischen Beispielen, authentischen Patientinnenberichten und biografischem Nippes ausgeschmückt werden.


Sie erörtert auf biographischer und wissenschaftshistorischer Ebene wichtige Beiträge von Pionierinnen, die den weiblichen Eintritt in universitäre Bildungswelten, medizinische Berufssphären und gesellschaftlicher Parität förderten – Fortschritte, die oft zu einem hohen Preis geschahen.

Ferner thematisiert Cleghorn diejenigen zahlreichen Aktivist*innen und Revolutionär*innen, die feministische Bewegungen begründet, gesteuert, getragen und befördert haben – um schließlich elegant in die Bahnen der eigenen Biografie als kranke Frau zurückzukehren.


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Cleghorns Monografie ist überdies eine scharfe wissenschaftsgeschichtlich fundierte Kritik an Medizinern, die ihre Patientinnen in unterschiedlichen historischen Perioden unwissend bis unfair bis unmenschlich bis brutal behandelt haben.

Die Monografie ist in drei Teile gegliedert: vom antiken Griechenland bis ins 19. Jahrhundert, Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er-Jahre und von 1945 bis in die Gegenwart. Wissen, Zitate und Wechselwirkungen von Philosoph*innen, Gynäkolog*innen, Mediziner*innen, Biolog*innen, Soziolog*innen werden in den hochgradig informativen Kapiteln in Form von Zitaten Biografien, historischen Forschungen und kritischen Betrachtungen zusammengetragen.


Einerseits versinnbildlichte er [der Uterus] als
Organ der Schöpfung den göttlichen Zweck der Frau.
Andererseits galt er als renitenter Hexenkessel, der ständig
Erkrankungen zusammenbraute und so den körperlichen
und geistigen Idealzustand der Frau konterkarierte.(65)


Ebenso wie Cleghorn diejenigen gesellschaftlichen Tabus, Institutionen und Sphären thematisiert, die zur starren Wahrung von Konventionen bezüglich der Konstitution und Position der Frau beitrugen – in gleichen Teilen zeigt sie diejenigen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Revolutionen auf, die schlussendlich zu neuen Kenntnissen über die Anatomie der Frau beitrugen.

Zudem ist die Diversität der gewählten Patientinnenberichte hervorzuheben, die Cleghorn gesammelt, teils paraphrasiert, teils zitiert hat. Systemischer Rassismus und die Entmenschlichung Schwarzer Frauen, „die Auffassung, sie hätten eine verminderte Schmerzempfindlichkeit“, (109) die ihre Behandlung als Versuchstiere gerechtfertigt, spielen eine wichtige Rolle.

In zeitgenössisch geankerten Kapiteln werden zusätzliche Brennpunkte, beispielsweise die systemische Unterdrückung von queeren Individuen oder die gesundheitlichen Folgen wirtschaftlicher Ungleichheit aus soziohistorischen sowie soziokulturellen Perspektiven thematisiert.


Als er seine Operation schließlich durch die Verwendung
eines Silberdrahtes zum Vernähen des Katheters
perfektionieren konnte, hatte er bereits 30 Versuche
an ihr durchgeführt, alle ohne Betäubung.“(109)


Zu warnen gilt es beim Eintritt in Cleghorns Monografie vor den emotionsintensiven Nebenwirkungen dieser hochgradig nuancierten Auseinandersetzung mit medizinhistorischen Tatsachen, Entwicklungen und Erkenntnissen.

Interessenten müssen sich vor der blutigen Brutalität der Materie in Acht nehmen – die aus nicht mehr oder weniger besteht als historischen Fakten.

Vor detailreicher Porträtierung männlicher Gewalt an weiblichen Körpern schreckt die Autorin nicht zurück – weder auf dem Operationstisch liegend, auf Instrumente, Anatomie und Zeitdauer eingehend, noch körperliche (und seelische) Qualen erleidend, wenn die Schilderung von diversen Symptomen und intensiven Schmerzen statt einer Behandlung ein abschätziges Belächeln der Patientin zur Folge hat.


Sowohl operative Eingriffe als auch körperliche Behandlungsmethoden gibt Cleghorn mit einer medizinischen Präzision wieder, beschreibt genaue Schritte – und fängt sehr deutlich die unmenschliche, rücksichtslose Art ein, auf welche Therapien und Prozedere an weiblichen Subjekten durchgeführt worden sind.

Für diese unapologetische Darstellung historischer Wahrheiten hat die Autorin nicht weniger als uneingeschränkte Anerkennung verdient.


Meines Erachtens ist „Die kranke Frau“ eines der wichtigsten Sachbücher dieses Jahres, welches in jedes feministische Bücherregal aufgenommen werden sollte. Nicht nur die meisterhafte Bewältigung einer immensen Materialmenge auf sachlicher und emotionaler Ebene, sondern der kritische Umgang mit historischen Wahrheiten gelingt Cleghorn einwandfrei.

Theoretisch ist diese strukturell stringente, sprachlich fesselnde und diskursiv essenzielle Monografie nichts für schwache Nerven. Doch wie Cleghorn selbst belegt, sollten Lesende ihre geistigen und emotionalen Kapazitäten nie unterschätzen – auch wenn eine gesamte zeitgenössische Gesellschaft dies mit Nachdruck tut.

Mit Nachdruck spreche ich nun eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Die kranke Frau
Autor*in: Elinor Cleghorn
Übs.*in: Anne Emmert, Judith Elze

496 Seiten | 25,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 18.08.2022
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00015-3

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  1. Hab ich auch auf der Liste. Ich muss bei sowas immer direkt an die kürzlich leider verstorbene Hilary Mantel denken, die von ihren Ärzten Psychopharmake verschrieben bekam, weil sie noch nie von Endometriose gehört hatten… Empfehle ihr Memoir „Von Geist und Geistern“, falls du es noch nicht kennst.

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