Jahreshighlights 2022: Sachbuch

Heute möchte ich im ersten Teil der Jahreshighlights 2022 das endende Jahr ausklingen lassen und Dir meine Top 5 der gelesenen Sachbücher aus dem vergangenen Lesejahr vorstellen.


Aufgrund der immer steigenden Anzahl gelesener Sachbücher und damit korrelierender Vielzahl an Rezensionen sowie der in diesem Jahr neu eingerichteten Rubrik „Sachbuch“ im Blog möchte ich in diesem Jahr – separat von der am nächsten Mittwoch erscheinenden belletristischen Auslese – diejenigen fünf Monografien und Sammelbänder erneut in den Fokus stellen, die mich im Lesejahr 2022 besonders beeindruckt und bereichert haben.

Im Folgenden liste ich die entsprechenden Bücher in der Reihenfolge der Lektüre auf – eine Hierarchie stellt diese Liste also in keinerlei Hinsicht dar.

Die Titel sind als klickbare Links gestaltet, über die Du gerne entsprechende Beiträge in voller Länge direkt in einem neuen Tab aufrufen und lesen kannst.


Toni Morrison: „Selbstachtung“


© Rowohlt

„Selbstachtung. Ausgewählte Essays“ sammelt die wichtigsten Reden, Essays und Betrachtungen zu zeitgenössischen kulturellen, literarischen sowie soziopolitischen Ereignissen, Entwicklungen und Wechselwirkungen.

Die Sammlung ist in drei thematische Teile untergeordnet und beinhaltet eine umfangreiche Auswahl an Texten aus den Jahren 1976 bis 2013.

Faszinierend sind nicht nur literaturhistorische Betrachtungen zu schwierigen Autoren und Werken, deren Nachhall des Öfteren neu zu interpretieren wäre – ebenso mitreißend wirken Morrisons Huldigungen anderer schwarzer Autor:innen, ihre Ehrungen kulturhistorisch wichtiger Personen angesichts ihrer eigenen Wirkungsgewalt auf der literarischen Landschaft.

Milan Kundera, Martin Luther King, Gertrude Stein, Bessie Head, James Baldwin und zahlreiche andere literarische Akteur*innen werden studiert, obduziert, analysiert: Morrisons Gedankengänge, ihre textuelle Vielfalt sowie ihr Talent, Kontexte sichtbar und plausibel ineinander zu weben, sind phänomenal.

Die Essays bieten eine immense Anzahl an neuen Blickwinkeln und Tönungen; erinnern an die argumentativ exponentiell steigende Wichtigkeit eines kritischen Medienkonsums – und betonen die tragende Rolle der Literat*innen und der Literatur durch Jahrhunderte an historischen Bewegungen und systemischer Ungerechtigkeit, durch den epochalen Wandel gesellschaftlicher Institutionen sowie kultureller Schattierungen.

Toni Morrison war und bleibt eine bahnbrechende Denkerin, scharfsinnige Kritikerin und treffsichere Autorin. Ihre unermüdliche Arbeit für die Bekämpfung von Rassismus und die unvergleichbare Tragweite ihrer herausragenden belletristischen Texte spiegeln sich in „Selbstachtung“ wider.

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Clint Smith: „Was wir uns erzählen“


© Siedler

Die Monografie „Was wir uns erzählen“ ist vorrangig als journalistische Entdeckungsreise mit ausgiebig ausgearbeiteten historischen Kontexten stilisiert.

Smith besucht Orte wie die Whitney Plantation und das Angola Prison in Louisiana, den Blandford Friedhof in Virginia, diverse Wahrzeichen aus der Geschichte des Sklavenhandels in New York und das Maison des Esclaves auf der Insel Gorée in Senegal, einen Erinnerungsort für den Sklavenhandel.

Die historischen Hintergründe dieser Orte, obgleich die meisten von ihnen für die grausame Unterdrückung und unmenschliche Behandlung von versklavten Menschen stehen, werden auf eine sachliche und ausgeglichene Art vorgestellt, ihre Historie informativ erörtert und mit persönlichen Eindrücken der Orte ergänzt.

Sehr interessant ist die Differenzierung von Perspektiven, beispielsweise der Sons of Confederate Veterans, denen Smith sich mit höchstmöglicher Objektivität nähert. Er ergänzt faktische Quellen, Belege und Zitate mit persönlichen, teils offensichtlich durch Nostalgie oder Legenden verzerrten Interpretationen der Befragten – und zeigt in gewissen Gruppen als Tatsachen geltende, auf genauere Obduktion allerdings weniger plausiblen Perspektiven auf.

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María Hesse: „Lust“


© Heyne Hardcore

María Hesses Monografie „Lust. Eine Erkundung der weiblichen Sexualität“ ist eine vielseitige Verknüpfung von persönlichen Erfahrungen und Reflexionen über die weibliche Sexualität im Kontext der Weltgeschichte.

Hesse öffnet sich ihrer Leserschaft vollkommen und teilt ihre ersten Erfahrungen auf dem Weg zur Entdeckung der eigenen Sexualität über Selbstbefriedigung und erstem Geschlechtsverkehr – bis hin zur Verbalisierung der persönlichen Vorlieben und der Erfahrung des ersten Orgasmus.

Entscheidende Momente aus ihrem Leben und ihrer Entwicklung als junges Mädchen, junge Frau und erwachsene weibliche Person webt Hesse in ein weltgeschichtliches Netz von anderen Frauen, die den Mut hatten und haben, ihre Sexualität öffentlich auszuleben und die Freiheit zur Selbstbestimmung zu fördern.

Beginnend mit kritischen Reflexionen über christliche Mythen wie die potenzielle Lust von Figuren wie Eva oder Maria Magdalena, über historisch-mythisierte Personen wie Kleopatra oder Sappho gehend, die Historie weiblicher Unterdrückung chronologisch Schritt für Schritt aufzeigend, gelangt Hesse mit einem faszinierenden Weitblick zu Ikonen gegenwärtiger Popkultur.

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Elinor Cleghorn: „Die kranke Frau“


© KiWi

Elinor Cleghorns gehaltvolle Monografie „Die kranke Frau“ kombiniert ihre Postdoc-Forschung mit einer verheerenden persönlichen Krankheitsgeschichte.

Die Monografie beinhaltet eine beeindruckende Vielfalt an Informationen zu medizin- und sozialhistorischen Entwicklungen aus der neueren und älteren Menschheitsgeschichte, schildert zahlreiche belegte Patientinnenberichte – und erlaubt zudem einen intimen Blick in die persönliche Krankheitsgeschichte der Autorin.

Cleghorn führt bereits in der Einleitung ihre persönliche Bindung zum Thema der medizinhistorischen Behandlung von Frauen aus: ein Großteil der Inspiration für „Die kranke Frau“ resultierte aus ihrem eigenen Kampf mit der Autoimmunkrankheit Lupus, die aufgrund ärztlicher Ignoranz langjährig nicht diagnostiziert werden konnte und sie jahrelang unter mysteriösen Schmerzen leiden ließ.

In diesem Rahmen reiht die Autorin sich selbst in die Reihen der „unpässlichen“ (23) Frauen ein, deren Krankheiten durch die Jahrhunderte hinweg entweder ungeeignet oder gar nicht behandelt worden.

Das semantische Feld und die Ontologie von „Frauenkrankheiten“, die Geschichte der mystischen Gebärmutter, die soziale Emanzipation der Frauen von einer wandelnden Gebärmutter zum autonomen Individuum – erwähnte Aspekte und mehr führt Cleghorn auf eine gleichzeitig sachliche und dennoch unapologetische Art aus.

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André Krischer und Barbara Stollberg-Rilinger: „Tyrannen“


© C. H. Beck

Der Titel ist Programm: im Sammelband „Tyrannen“ gehen zwanzig Autor*innen je einem gefürchteten, gehassten, infamen historischen Subjekt und dessen zeitgenössischer Rolle im eigenen Wirkungsbereich – sowie dem Nachhall der respektiven Person im polithistorischen Weltgeschehen – nach.

Chronologisch und geographisch zieht sich der Sammelband durch den Großteil der Menschheitsgeschichte und den globalen Kreis bekannter Despoten, Autokraten, Diktatoren.

Über die reine Definition der aufgelisteten Begriffe sinnieren fast alle Autor*innen im jeweiligen zeitgenössischen Kontext – doch stehen im Vordergrund der Artikel Werdegang, Auswirkung und Ambivalenz der verfügbaren Perspektiven und Informationen.

Vergleiche und Kontrastierungen von zeitgenössischem und posthumem Ruf der respektiven Herrschern – vorrangig derjenigen aus Antike und Mittelalter – lassen immer wieder neue Erkenntnisse zum Vorschein kommen, die zementierte Wahrheiten des Öfteren zerbröckeln lassen.

So zeigen beispielsweise die Kapitel über Caligula, Nero und Richard dem III. diverse mögliche Rezeptionen ihrer Herrschaft und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft, Wirtschaft – und andere Faktoren der jeweiligen Territorien.

Summarum gilt in diesem Sammelband nicht nur eine Stringenz in Sprache, Struktur und Komposition zu loben, sondern die beeindruckende Gleichheit der Artikel in puncto Niveau, Objektivität und sachlicher Vielfalt.

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Gerne können wir uns in den Kommentaren weiter über Deine Sachbuchhighlights und näher über die besprochenen Bücher unterhalten.

Ich freue mich auf alle Ergänzungen und Eindrücke!

Hier findest Du eine ausführliche Besprechung der Sachbuchhighlights in Videoform:



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