Literarische Abenteuer. Matias Faldbakken: „Wir sind fünf“

Der norwegische Autor Matias Faldbakken hat bereits mit seiner als „Skandinavische Misanthropie“ (2001–2008; dt. 2005–2009) bekannten Trilogie voller expliziter Sexualität, einer Fülle an Szenen überzogener Gewalt und Houellebecqesker Gesellschaftskritik einiges an Aufsehen erregt.

Mit „Wir sind fünf“ öffnet Faldbakken nun neue Türen zu grotesken Horrorszenarien – die unserer alltäglichen Realität beunruhigend nahe liegen.


© Penguin Random House

Tormod Blystad ist ein talentierter, gutaussehender, pflichtbewusster, ambitionierter junger Wissenschaftler und Handwerker.

Aufgrund von schlechten Einflüssen in der Jugend und eines nahezu fatalen Lebensabschnitts voller Pep, Alkohol und allgemeiner Gammelei hat er seine große Chance allerdings verpasst.

Tormod genießt dennoch das ruhige Familienleben, die Gesellschaft seiner Frau und Kinder und die Hobbywerkelei in der Hauseigenen Werkstatt.

Um Streitigkeiten über das dritte Kind zu umgehen, entscheidet Familie Blystad sich für einen Hund. Angangs scheint dieser die gesamte Familie mit einer Harmonie zu bescheren: Die Kinder kümmern sich gemeinsam um Snusken und finden durch die Tierliebe dort zueinander, wo die Geschwisterliebe bisher nur spärlich war.

Tormods Frau Siv gelingt es auf längeren Spaziergängen mit dem Vierbeiner die angesammelten Schwangerschaftspfunde zu verlieren. Alle sind glücklich und zufrieden.

Bis Snusken auf mysteriöse Art und Weise verschwindet.

Gleichzeitig experimentiert Tormod mit sogenannten intelligenten Materialien und entwirft einen Tonklumpen, der mit diversen Zutaten und Schikanen dazu gebracht wird, sich zu verselbstständigen. Aus dem Klumpen wird ein kleiner Golem, der als neues Maskottchen das Haus reinigt, bei der Gartenarbeit hilft – und sich für eine kurze Zeit in die Form eines Hundes bringen lässt, den die Familie weiterhin innig vermisst.


„So verbrachte der Tonklumpen allmählich immer mehr Zeit im Haus – als Helfer in der Küche. Er bekam einen eigenen kleinen Hocker und eine Bank zum Arbeiten. […] Er war jetzt etwa fünfzig Zentimeter hoch und folgte Tormod wie ein träger, runder rötlicher, watschelnder dreidimensionaler Schatten.“


Die Verselbstständigung des Klumpens und die Lebensgefahr, die im späteren Verlauf von der Gesamtsituation ausgeht, sind einerseits als absurde Horror-Story abzutun. Doch steckt hinter der Erzählung eine bedenkliche Allegorie über künstliche Intelligenz, durch Menschenhand entstandene Helfer und das Potential dieser, immer mehr Macht über den eigenen Schöpfer auszuüben. Die Parallelen des nächtlichen „Aufladens“, des Dilemmas der Bezeichnung des Klumpens – für einige ist es ein „er“, für andere bleibt es ein „es“ – sind klare Hinweise auf die gefährliche Personifikation zeitgenössischer Haushaltshelfer.

Hat Dein Staubsaugroboter einen Namen und ein Geschlecht? Nachdem Du diesen Roman gelesen hast, wird das sich schnell wieder ändern.

Faldbakkens neuer Roman ist mit einer beeindruckenden Liebe zum Detail entworfen worden. Auf jede Kleinigkeit wurde in dieser Erzählung Acht gegeben: die wissenschaftlichen Komponenten bei der Herstellung des Tons, die individuellen Figurenentwicklungen, die Kleinsten Details der Außen- und Innenwelten aller Familienmitglieder. Deswegen erscheint das Geschriebene auch so ungemein echt, dass die geschilderten Szenarien ein sehr hohes Maß an Unruhe auslösen.


„Wir sind fünf“ ist ein Roman, bei dem man sich fragt, was zum Teufel man eigentlich gelesen hat. Zeitgleich ist es eine treffende Studie zu den Gefahren, die mit der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz verbunden sind. Ebenso ist es eine äußerst scharfsinnige Studie über die individuellen Probleme ganz normaler Menschen in sehr unnormalen Umständen.

Wer es ein wenig makaber mag, gerne Houellebecq liest und Freude an schwarzem Humor findet, findet hier einen sicheren Lesegenuss.


Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Wir sind fünf
Autor: Matis Faldbakken
Seitenzahl: 356
Erscheinungsdatum: 31.08.2020
Verlag: Heyne Hardcore
ISBN: 978-3-453-27299-6

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  1. „… ein Roman, bei dem man sich fragt, was zum Teufel man eigentlich gelesen hat“ – besser könnte ich es nicht ausdrücken. Dennoch sehr beeindruckend, dass man wirklich nie voraussagen kann, was einen bei Faldbakken erwartet – er schafft es mit jedem Buch aufs neue, den Leser zu überraschen.

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