Vom Überleben. Viktor Funk: „Wir verstehen nicht, was geschieht“

Der deutsche Autor und Journalist Viktor Funk (* 1978) arbeitet als Politikredakteur mit Schwerpunkt Russland bei der Frankfurter Rundschau. Sein zweiter Roman „Wir verstehen nicht, was geschieht“ (2022) setzt sich anhand der wahren Geschichte eines außergewöhnlichen Paares mit der Historie der Stalinschen Strafkolonien auseinander.

Welche historischen Fakten und menschlichen Wahrheiten verbergen sich in dieser inhaltlich berührenden, stilistisch nüchternen Geschichte?


© Verbrecher Verlag

Viktor Funks neuester Roman „Wir verstehen nicht, was geschieht“ (2022) basiert auf der Geschichte von Lew und Swetlana, die durch den Zweiten Weltkrieg und der Stalinschen Säuberungen auseinandergerissen worden.

Aufgrund von Lews Gefangenschaft im sogenannten „Arbeitsbesserungslager“ musste das Paar fast vierzehn Jahre auf ihre Wiedervereinigung warten.

Funk ist in Kasachstan geboren, bereits in seiner Magisterarbeit beschäftigte er sich mit den Erinnerungen von Gulag-Überlebenden.

Der Autor lernte Lew und Svetlana 2004 kennen und verfolgte Lews Spuren bis nach Petschora – eine Stadt, die bis dato auf dem Nachlass des damaligen Arbeitslagers lebt.


Woher nehmen Menschen die Kraft, Widerstand zu leisten,
wenn dieser Widerstand für sie persönlich so sinnlos ist?
[…]
Wie konnten sie so stark sein?
(28)


Ganz im Geiste Funks reist sein Romanprotagonist, der Historiker Alexander List, nach Moskau, um den Physiker Lew Mischenko zu seiner Gefangenschaft im Arbeitslager zu interviewen. Mischenko ist bereit, seine Erinnerungen zu teilen und List sogar seine Briefwechsel zu überlassen – als Gegenleistung verlangt er jedoch die Begleitung auf einer weit gefährlicheren Reise.


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Thematisch und inhaltlich ist „Wir wissen nicht, was geschieht“ eine fesselnde und facettenreiche Geschichte, die sowohl historisch als auch zwischenmenschlich viele Nuancen, Wahrheiten, Grauzonen und Wechselwirkungen offenlegt.

Kompositorisch wird dieser Gesamteindruck von einigen Faktoren argumentativ eingeschränkt. Warum Funk sich von seinem Material so sehr distanzieren musste, dass nicht nur ein Alter Ego, sondern eine Er-Perspektive für dieses Buch notwendig war, wird der Autor gegebenenfalls im einen oder anderen Interview verraten. Fest steht, dass diese Eingriffe die Lektüre zum Beginn des Romans ein wenig holprig gestalten.

Es sind im Anklang quasi zu viele Türen und Ebenen, durch die man*frau gehen und gelangen muss, um zum Kern und Herzen der Handlung zu gelangen.


Andererseits können diese anfangs als Barrieren empfundenen erzählerischen Schichten auch als Schutz interpretiert werden, als der Roman seine volle Wirkung entfaltet.

Unerwartete Wendungen in der Handlung, vergangene und gegenwärtige Verluste sowie die Reflexion von historischen Ereignissen anhand authentischer Dokumente fügen sich trotz durchgehend sachlicher Schilderung nämlich irgendwo mittig der Lektüre in ein Großes Ganzes, welches unerwartet scharf, hart und genau ins Leserherz trifft.


Auf eine sanfte, stille Art legt Viktor Funks Roman sich zunächst ums Gemüt, gemach seine Kulissen entfaltend – wie eine weiche Schneedecke, die Lesende berieselt, um sie danach abrupt in Zittern ausbrechen zu lassen. Ihre vollständige emotionale Wucht entlädt diese Geschichte in kaum bemerkbaren Portiönchen – die zum Schluss des Romans eine hochintensive Zusammenwirkung entfalten.


[…] die Verwaltung dachte, so könnte sie verdächtige
Netzwerke von politischen Gefangenen oder von Kriminellen
zerschlagen. In Wirklichkeit baute sich aber so erst recht
ein ganzes Netz von Flüsterpfaden […] auf.“(72)


Zunächst kombiniert Funk mittels Briefen, Schilderungen und Interviews die logistischen und alltäglichen Eckdaten, rekonstruiert Netzwerke, die zwischen und in den Lagern entstanden sind und erkundigt sich nach dem Alltag und dem Gefühlsleben der Interviewten. Vorrangig möchte er jedoch dasjenige Element finden, welches den Gefangenen das Überleben ermöglicht, erleichtert und garantiert hat.


„Ihre Stimmen sind verstummt.
Nur ihre Knochen finden Sie hier.
(107)


Ein zurückhaltendes, trauerndes Stadtbild lässt List zurück, als er aus Petschora wieder zurück nach Moskau fährt: aus finanziellen Gründen nicht imstande, geförderte, fundierte Forschung zur Historie des Stalinschen Terrors zu betreiben, blicken stille Stimmen der Überlebenden, der Hinterbliebenen und der Nachkommen auf ihr schmerzvolles Erbe zurück.

Im Vorteil sind argumentativ diejenigen wenigen, deren Großeltern überhaupt über diese Zeit gesprochen haben – im Ausgang des Romans begegnet List Lews Enkelin, deren Interesse an der Lebensgeschichte ihres Großvaters nur aufgrund eines Schulprojekts geweckt worden ist.

Für diejenigen Lesenden, die sich für osteuropäische Geschichte, Sowjetgeschichte und historisch authentische Erzählungen interessieren, ist Viktor Funks „Wir verstehen nicht, was geschieht“ hochgradig empfehlenswert. Wer beispielsweise Aleksandr Solzhenitsyn mit Interesse schmökert, sollte sich dringend auch mit Funks neuem Roman beschäftigen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Wir verstehen nicht, was geschieht
Autor*in: Viktor Funk

156 Seiten | 20,00 € (D)

Erscheinungsdatum: August 2022
Verlag: Verbrecher
ISBN: 9783957325365

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  1. Ich muss mich mit Deiner wunderbaren Seite beschäftigen. Ganz in Ruhe. Unser ostfriesisches WLAN bremst das zeitweise aus. Seehunde. Niedlich. Muscheln. Schön. WLAN. Naja..bis bald.

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