Im Schreiben zur Heimat. “Herkunft” von Saša Stanišić

In den letzten Jahren wurden auf der deutschsprachigen Literaturlandschaft Themen wie Herkunft und Vergangenheit, Blut und Geschichte, Zugehörigkeit und Genealogie und zahlreiche in diese Spektren fallende Ansätze angesprochen und reflektiert. Bereits im Beitrag zu “Brüder” (2019) von Jackie Thomae sind solche Ansätze erwähnt worden (link), und weiterführend werden sie sich zeitnah wiederholen.

Drei Romane und eine Handvoll Erzählungen sind bisher aus der Feder des in Bosnien geborenen deutschen Autors Saša Stanišić entstanden. Der mit dem deutschen Buchpreis ausgestattete Roman “Herkunft” ist in diesem Kontext das Nonplusultra der introspektiven Selbstreflexionen des vergangenen Jahres – man beachte bereits den Titel.

 

Die Geschichte ist auf den ersten Eindruck hin gar nicht so einfach auszupacken, denn das Material erschließt sich dem Leser genauso schwer wie es auch dem Erzähler selbst anfänglich fällt, über seine Herkunft zu schreiben.

 

Das Wort selber, sein semantisches Feld; daraufhin der Versuch, die eigene Herkunft irgendwie kurz und knapp in Worte zu fassen, fließen langsam in eine Narrative, die sich in die Kindheit, den Werdegang, die Familie und den schriftstellerischen Beruf des Erzählers ausweitet.

Trotz der scheinbaren Schreibblockade bei einem von der deutschen Migrationsbehörde  beauftragten Essay zur eigenen Herkunft werden aus den Versuchen, die Autobiografie zu schreiben, legitime Reflexionen dazu, was eine Herkunft ausmacht und aus welchen Facetten des Lebens eine Herkunft eigentlich besteht.

 

HERKUNFT: Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2019 eBook ...Insofern ist Stanišić’ Roman auf den zweiten Blick eher eine Sammlung an Erinnerungen als eine kohärente Erzählung.

Im Laufe des Lesens entsteht eine sehr natürliche Sympathie mit dem Protagonisten, da dieser sich dem Leser in einem kindlich-vertraulichen Ton öffnet und Information preisgibt, die nicht auf den offiziellen Dokumenten festgehalten werden sollten. Obwohl die Geschichte selbst durch Reflexionen unterbrochen wird, ist gerade durch diese Unterbrechungen eine gewisse Spannung vorhanden, da die Sympathie bereits Interesse geweckt hat.

 

Obwohl die Heimkehr der Familie dann als längere Geschichte in die Reflexionen eingebettet wird, sind es eher die geistreichen Analysen aus der Perspektive des Außenseiters, die das Lesen zu einem Vergnügen lassen werden: Wie Stanišić die deutsche Sprache aus dem Blickwinkel eines Ausländers analysiert zum Beispiel. Oder wie er das semantische Feld von dem Lexem “Herkunft” erstmal betastet, ehe er es betritt.

 

Wer für die deutsche Sprache und introspektive Erzählungen nicht viel übrig hat, wird höchstwahrscheinlich an einem anderen Roman von Stanišić mehr Vergnügen finden.

Diese in ruhigem Tempo erzählten Sammlung von Erinnerungen, die auf den dritten Blick immer noch kein richtiger Roman zu sein scheint, muss man einen Moment auf sich wirken lassen, um die darin vorhandenen Nuancen und Gefühle wirklich schätzen zu können.

 

 

(Fotos: 1 2)



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2 replies

  1. Ein großartiges Foto !!

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