Die Montagsfrage #94 – Wie wichtig sind euch Book Awards?

Die Montagsfrage ist ein Dialog, der allerlei Themen bezüglich diverser Aspekte des Literaturbetriebs umfasst. Die Frage wird wöchentlich gestellt von Antonia bei Lauter&Leise.

Da die Diskussionsrunde in dieser Woche jedoch ausfällt, nutze ich die Gelegenheit, um einer der von mir bisher noch nicht besprochenen Montagsfragen auf den Grund zu gehen.


Da ich erst seit Frage #99 mit von der Runde bin, bietet sich hier noch einiges an Aussprachemöglichkeiten, und von den bisher besprochenen Fragen finde ich so einiges spannend und entdeckenswert. Eventuell habt ihr auch ein wenig Spaß damit, euch über ggf. bereits bekannte Fragen nochmal Gedanken zu machen.

Also beschäftigen wir uns heute mit der Montagsfrage #94: Wie wichtig sind euch Book Awards?


„Jeder Preis ist so gut,
wie der Autor, der ihn erhält –
und die Jury, die ihn ermittelt.“ (1)


Um die Frage auf unübliche Art und Weise sofort und ganz konkret zu beantworten: Buchpreise und literarische Auszeichnungen spielen für mich persönlich eine eher geringe Rolle. Die meisten der Neuerscheinungen und Bücher, die mir aufgrund irgendwelcher Lesepräferenzen vorgeschlagen werden oder bei Bloggern besprochen werden, haben meistens irgendwelche kleineren oder größeren Literaturpreise gewonnen.

Es gibt eben eine Unmenge an unterschiedlichen Auszeichnungen für hervorragende Literatur, die auch die unterschiedlichsten Auswahlkriterien, Begründungen und Jurymitglieder haben. Der deutsche Buchpreis beispielsweise ist für mich von wachsendem Interesse, weil die Buchpreis-Longlist meistens aus anspruchsvollen Texten von lesenswerten AutorInnen besteht.

Beispielsweise hätte ich wahrscheinlich weder „Kintsugi“ noch „Brüder“ oder „Herkunft“ gelesen, ohne in die Liste der Buchpreisnominierten geschaut zu haben. Ersteres vielleicht am ehesten. Für zeitgenössische deutschsprachige Literatur ist die Longlist des deutschen Buchpreises allenfalls eine relevante Anlaufstelle – wie sich in diesem Blog auch in den kommenden Wochen zeigen wird.


Deutschland sei übrigens das Land mit den meisten Auszeichnungen, Preisen und Stipendien für Literatur. (1) Dass es in Deutschland insgesamt eine geradezu absurde Menge an Literaturpreisen gibt, (2) spricht meines Erachtens eigentlich eher für den Gesamteindruck des Kultur- und Literaturbetriebs.

Dass eine Förderung geboten wird und ein aktiver Dialog zwischen neuen, jungen und erfahrenen, renommierten Autoren möglich ist, macht dem naiven Beobachter des Literaturbetriebs ja doch weiterhin einiges an Hoffnung.

Und als Leser erfreue ich mich der Unterstützung guter Autoren umso mehr. (Was nun genau als „gut“ und „wertvoll“ gilt, hängt natürlich, wie oben erwähnt, von der jeweiligen Jury ab. Über die Qualität und Transparenz der respektiven Abläufe äußere ich mich als Laie an dieser Stelle nicht).

Jedoch möchte ich beispielsweise auf die Geste der Jury für den Internationalen Literaturpreis 2020 hinweisen, indem entschieden wurde, das Preisgeld im Ausnahmejahr aus Solidarität zwischen allen sechs Shortlist-Kandidaten (AutorInnen und ÜbersetzerInnen) aufzuteilen. (3) Folgefragen bezüglich der Ethik solcher Prozesse, die Teilung von Preisen, hier auch das Ablehnen oder den Ausfall von Preisen und Preisverleihungen wären eine eigene Montagsfrage wert. Es gäbe auch an dieser Stelle diverses auszupacken.

Äußert euch gerne in den Kommentaren.


Über den deutschsprachigen Tellerrand hinaus schauend lege ich persönlich am meisten Wert auf ein Gespräch über Weltliteratur, Wechselwirkungen, Dialoge und Einflüsse. Zwischenmenschliche Vergleiche und kulturelle Parallelen zwischen diversen Ländern und den illustrativen Aspekten in Romanen sind faszinierend: Gemeinsamkeiten in Japanischer und US-amerikanischer Literatur beispielsweise. Oder in Norwegischen und Lateinamerikanischen Romanen. Die interpretativen Variationen sind unendlich.

Es gibt so viele Fragmente der conditio humana, die man aus diversen kulturellen Perspektiven lesen und vergleichen kann. Dafür können maßgebliche Literaturpreise wertvolle Wegweiser sein: der Pulitzerpreis zum Beispiel richtet Aufmerksamkeit auf hervorragende Exemplare der US-Amerikanischen Literatur und hat mich bisher kaum enttäuscht. Genauso interessant sind der Cervantes-Preis, der Man Booker Preis oder der Prix Goncourt für die europäische Literaturlandschaft. Und so weiter.

Schwieriger wird es leider, je weiter von zu Hause man sich begibt – über Asiatische Literaturpreise und die Prozesse hinter den Kulissen solcher Auszeichnungen ist mir zum Beispiel kaum etwas bekannt. Ich lerne diejenigen Autoren, die hier im Blog besprochen werden kennen über diverse Bestseller-Listen, englischsprachige Feuilletons aus westlichen Medien, Buchmessen, andere Bloggerfreunde oder über den Nobelpreis. Aufgrund der Lektüre sämtlicher Nobelpreisträger und der historischen Hintergründe der Preisverleihung weiß ich jedoch, dass dieser Preis am wenigsten mit Literatur zu tun hat.

Nicht alle Listen sind Qualitätssiegel. Viele Auszeichnungen zeugen eher von einem Talent im Bereich Networking.

Doch das ist ebenso ein Gespräch für einen anderen Tag.


Zusammengefasst: Literaturpreise sind praktikable Werkzeuge für die Suche nach neuen Leseerfahrungen, sowohl im eigenen als auch im internationalen Sprachraum. Doch keineswegs sind sie ein objektives Qualitätssiegel oder garantieren ein hervorragendes Leseerlebnis. Gleichermaßen können Literaturzeitschriften, Feuilletons und Blogs als Ratgeber und Wegweiser fungieren – am Ende ist eine Kombination aus eigener Intuition und nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführte Recherche oft weit mehr Wert als blinder Glaube an den institutionalisierten Absolutismus.

Dennoch behalte ich einige wenige Long- und Shortlisten weiterhin als vertrauenswürdige Querverweise im Auge.

Was ist eure Meinung zum Thema? Auf eure Resonanz freue ich mich in den Kommentaren.


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Die Montagsfrage #101 – Trigger-Warnungen in Büchern?
Die Montagsfrage #100 – Welche Frage würdet ihr in Zukunft gern gestellt sehen?
Die Montagsfrage #99 – Wie nützlich findet ihr die Buchpreisbindung?


(1) literaturkritik.at: Gütesiegel oder Überförderung? Buchpreise in Deutschland.
(2) Wikipedia: Liste deutscher Literaturpreise
(3) Haus der Kulturen der Welt: Internationaler Literaturpreis 2020



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