Die Montagsfrage #123 – Nochmal gelesen – und vollkommen anders?

Die Montagsfrage ist ein Dialog, der allerlei Themen bezüglich diverser Aspekte des Literaturbetriebs umfasst. Die Frage wird wöchentlich gestellt von Antonia bei Lauter&Leise.

Diese Woche geht es um wiederholte Lektüren, die Neuentdeckung von bereits gelesenen Büchern, dadurch entstehende Revisionen der eigenen Lesart – und die Konsequenzen einer vollständigen Meinungsänderung.


Die Montagsfrage #123 lautet: Gibt es Bücher, bei denen sich eure Meinung über sie beim Nochmals-Lesen vollkommen geändert hat?

Die Inspiration für diese Frage hat Antonia aus meinen Vorschlägen für zukünftige Montagsfragen gewonnen, auch dafür ein herzliches Dankeschön vorab. 🙂

Die Nochmals-Lektüre oder auch der reread, wie Bookstagram es so schön nennt, kann zu diversen Neuentdeckungen und Meinungsänderungen führen. Aus einem früher weniger beachteten Roman kann durchaus die Beziehung zum geschätzten Lieblingsautor heranwachsen – und ebenso kann das Lieblingsbuch der Jugendzeit bei der zweiten oder gar dritten Lektüre plötzlich seine Magie verlieren.

In welchen Kontexten möchte und würde ich ein Buch nochmal lesen?

Erstens (und gemäß meiner persönlichen Spekulation meistens) bieten Schullektüren im Erwachsenenalter einiges an neuem Resonanzboden an. des Öfteren werden im Unterricht zwar komplexe Klassiker gelesen, doch entweder hat man in der achten, neunten oder zehnten Klasse nicht die Geduld für den Ziegelstein, interessiert sich nicht für den Stil und lässt deswegen einen großen Teil der inhaltlichen Nuancen ungeachtet, oder wendet sich von einer Geschichte ab, deren Kern und Herz sich dem Lesenden ggf. erst im letzten Drittel eröffnet.

So habe ich vollständiges Verständnis für diejenigen, die sich bei Honoré de Balzacs oder Victor Hugos langatmigen architektonischen Beschreibungen quälen mussten – und empfehle, diese Lektüren erneut anzufangen.

Schon vorauszusetzen, dass jeder die gleiche Literatur zur gleichen Zeit im gleichen Takt für sich erschließen und genießen kann, ist Absurd. Es gibt eine Zeit für „Effi Briest“, „Buddenbrooks„, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – und sogar „Ulysses“. Doch darf diese Zeit ruhig individuell ausgewählt werden, weswegen das „bäh das hab ich schon in der Schule nicht gemocht“ des Öfteren voreilig sein kann.

Ein Rückblick in die Pflichtlektüren lohnt sich also meistens, wenn nicht immer.


Andererseits sind die abenteuerlichen, aufregenden Romane des 19. Jahrhunderts wie Dickens‘, Dumas‚, Dostojewskis Werk, etc. zwar unglaublich Komplex – aber können auch nur auf der Haupthandlungsebene gelesen werden. Eine gebildetere, reifere Lektüre wird hinsichtlich historischer Kontexte, soziokultureller Aspekte und psychologischer Feinheiten immer lohnender, je mehr man selber im Leben gereift ist und reflektiert hat.

Klassiker des 19. Jahrhunderts neu zu erkunden lohnt sich daher ebenso meistens – wenn nicht immer.

Ein weiterer Aspekt, der beide erwähnten Gruppen und weiterführend sämtliche individuelle Lektüren betrifft, ist die Fähigkeit, Inhalte kritisch und analytisch zu betrachten. Diese verfeinert und entwickelt sich im Idealfall fortwährend.

Antonias Gedanken zu Harry Potter finde ich beispielsweise anregend, was den aktuellen LGBTQIA+-Diskurs betrifft. Während die grundlegend hinterwäldlerischen Positionen und Prinzipien der Autorin nach und nach enthüllt werden, haben diese Bücher, die ich in der 6. oder 7. Klasse begonnen habe, eine wahrhaftige Evolution erlebt – ohne sich im Wortlaut geändert zu haben.

Persönlich entfaltete sich bei mir Anfang Zwanziger in der neuen Leserunde aufgrund historischer und mythologischer Kenntnisse der Inhalt neu, während jetzt mit Paarunddreißig der kritische Diskurs zu den Themen fehlender Diversität und Tugendsignalisierung im Vordergrund steht. (Wobei diese Fragen nach meinen Eindrücken in der Filmindustrie noch viel brennender sind.)

Und dennoch hat auch die grundlegende Magie der Gesamtgeschichte nicht an Wucht verloren – letztes Jahr habe ich die Reihe bestimmt bereits zum vierten Mal komplett neu gelesen.


Selbstverständlich sind bei älteren Romanen gewisse kulturelle Normen zu berücksichtigen: Es ist kaum möglich, den Moralkodex, die Gleichberechtigungsansprüche oder die individualistischen Werte einer modernen Gesellschaft auf Romane zu übertragen, die über zweihundert Jahre alt sind. Dennoch sind gerade in den zeitlosen Klassikern immer Themen abzuheben, die von diesen Kontexten unabhängig eine Relevanz behalten. Diese kulturhistorischen Unterschiede zu verstehen und dennoch zur tiefergehenden Figurenanalyse fähig zu sein, während man unterschiedliche Lesarten für denselben Roman kultiviert – das sind Aspekte, die mich erwartungsvoll stimmen, wenn es wieder heißt: „Achjoa, mal wieder Zeit für Dickens und Balzac“.

Beispielsweise „Den Graf von Monte Christo“ als Jugendliche und jetzt nach dem Literaturstudium gelesen zu haben ließ mich das Buch ungemein schätzen – denn in dieser Erzählung entdeckte ich so unglaublich viel Neues, was ich in meinem damaligen Alter und Gemütszustand nie hätte sehen können. Das, obwohl ich von klein auf eine Lesebesessene war.


Wie schätzt Du die Lage ein, wenn es ums nochmal und erneut Lesen von Romanen geht? Kehrst Du oft zu gewissen Büchern zurück? Hast Du schonmal eine zeitlich weit entfernte Leseerfahrung in der Wiederholung vollständig umgekehrt wahrgenommen – sei es negativ oder positiv?

Auf Deine Gedanken freue ich mich!



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  1. mE sind ja Bücher, die man nicht mehrmals lesen kann, die Erstlektüre kaum wert 😉 Allerdings braucht es die halt, um herauszufinden, ob es sich mehrfach lohnt… Schwieriges Dilemma.

    „Es gibt eine Zeit für „Effi Briest“, „Buddenbrooks„, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ – und sogar „Ulysses“.“ – das würde ich auch so sehen, und in der Schule wird (wurde?) mE diese Zeit häufig zu früh angesetzt. Es braucht schon ganz besondere LehrerInnen um ein so balanciertes Werk wie zB die Buddenbrooks jungen wilden SchülerInnen schmackhaft zu machen (zumal es anders als zB Faust kaum thematische „Hooks“ für eine junge Leserschaft hat). Ulysses hätte die Hooks, ist aber sprachlich halt echt brutal… Wenn es schon Mann in der Schule sein muss, der Zauberberg wäre mE deutlich besser geeignet.

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  2. Ich lese immer wieder Motivations- und Sachbücher mehrfach, um die dadurch erhaltene Inspiration und Erkenntnis stets frisch zu halten. 🙂

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