Pandoras Matrjoschka. Lana Lux: „Kukolka“

Ukrainisch-deutsche Autorin und Schauspielerin Lana Lux erzählt in ihrem emotionalen Debütroman „Kukolka“ die tragische Geschichte eines jungen Mädchens, welches sich alleine durch eine erbarmungslose Welt kämpfen muss.

Warum schmerzen die erzählerischen Fesseln dieses Romans – und wo trifft Lux‘ Debüt auf hochaktuelle Brennpunkte?


© Aufbau Verlage

Lana Lux wanderte im Alter von zehn Jahren mit ihren Eltern als Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland aus.

Sie lebt und arbeitet seit 2010 in Berlin.

Lux‘ Debütroman „Kukolka“ spielt in der Ukraine in den 90er Jahren – ein Zeitpunkt, zu dem die Autorin selbst sich bereits auf deutschem Boden befand.

Dies mindert die Authentizität der Darstellungen ihrer Erzählwelt allerdings nicht im Geringsten.

Lux erzählt die tragische Geschichte von der kleinen Samira, die aufgrund ihres Aussehens, vor allem ihrer außergewöhnlichen Augen, Kukolka – „Püppchen“ – getauft wird.


Allerdings wird diese Schönheit Samira eher zum Verhängnis als zum Segen.

Ab dem Moment, als sie mit sieben Jahren von ihrem Vater in einem Kinderheim abgesetzt wird, muss das kleine Mädchen für sich selbst fechten.

Auch wenn ihre dort gefundene Freundin Marina auf geradezu wundersame Weise von einem deutschen Ehepaar adoptiert wird und auch Samira ein Bett im neu gewonnenen Elternhaus in Aussicht stellt – der Traum von Deutschland und die vermeintlichen Schritte, die zur Realisierung von Samiras Hoffnungen führen, entpuppen sich als Täuschung und gestalten ihr Leben schrittweise in einen entsetzlichen Albtraum um.


Samira flieht aus dem Kinderheim und wird von Rocky aufgelesen, der eine Bande von Kindern und Jugendlichen organisiert. Diese neue Familie bewohnt ein heruntergekommenes Haus schlägt sich gemeinsam mit Bettelei und Diebstahl durch ihre von Drogen und Traumata geprägte Existenzen.

Dass das wahre Leben für Kinder wie sie ein reiner, gnadenloser und täglicher Überlebenskampf handelt, lernt Samira während ihrer Ausbildung zur Taschendiebin sehr schnell:


Um ein Haar hätte er mit den Fuß abgebissen.
Zu Recht.
Es war ja sein Job, auf die Dinger aufzupassen.
Mein Job war es, sie zu klauen.“(185)


Nicht nur alle zu ihrem Umfeld gehörenden Personen unterrichten sie ständig über ihre Wertlosigkeit – die kombinatorische Unterwerfung seitens Rocky sowie die eigenen Erfahrungen festigen in Samiras Selbstbild ihren Platz unten in der Nahrungskette der Straßenkinder.

Die Hoffnungslosigkeit irgendwelche realistische oder individualistische Träume zu hegen oder gar verwirklichen zu wollen ist zwecklos – auch diese Lektion verinnerlicht sich schnell und auf harte Art und Weise.


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Obwohl Kukolka sich in die Gruppendynamik des Hauses fügt, mit Bettelei und Gesang ihren Beitrag für die Gemeinschaftskasse leistet und als Rockys singendes Maskottchen-Püppchen auf Pokerabenden Beliebtheit genießt, dräut am Horizont der Moment, in dem Rocky entscheidet, sein Püppchen wäre bereit, zur Frau zu werden.


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Auf ihrem Weg ins gerade Mal anbrechende Jugendlichenalter muss Samira mehreren brutalen Toden der anderen Kinder beiwohnen – und bei der Beseitigung ihrer Überreste anpacken.

Sie wird in eine Welt geworfen, in dem ein Leben auf der Straße, körperlicher und emotionaler Missbrauch und ein gewaltvoller Tod für Kinder und Jugendliche zur täglichen Norm gehören.


Seit ihrem Tod hatte ich kaum an sie gedacht.
Ich hatte einfach keine Zeit gehabt. Ich musste mich um unser
Überleben kümmern, und das ging von früh bis spät.“(192)


Auch wenn ein kleiner männlicher Lichtblick in Samiras Leben erscheint und ihr die Möglichkeit für Liebe in Aussicht stellt: keine aus den kindlichen Augen der Protagonistin optimistisch anmutenden Entwicklungen in diesem Roman entsprechen irgendwie einer objektiv als positiv auszuwertenden Sachlage.

Kurzlebige illusorische Beziehungen, die Samira als Liebe einstuft, werden als Täuschungen entlarvt.

Je länger und schöner die Lüge, desto grauenvoller die folgende Realität.


Samira wird durch die Stationen ihres Lebens – auch wenn kurz zur emotionalen Pause genehmigt – immer wieder und immer härter, körperlich und emotional, nach und nach, als Mensch, Seele und Körper malträtiert und zerstört.


Ich war neidisch auf [spoiler] und [spoiler].
Ich war neidisch, dass sie ihren Tod schon sicher hatten.
Keine Schmerzen, keine Qualen mehr.“(199)


„Kukolka“ ist eine inhaltlich entsetzliche Geschichte über die Ausbeutung und den Missbrauch junger Mädchen, ihre „Zucht“ und „Erziehung“ zu gefügigen Marionetten und benutzbaren Körpern.

Umso mehr Eindruck macht die Kontrastierung der kindlich-naiven Protagonistin, die zu keinem Moment im Roman wirklich weiß, wie um sie geschieht, und immer boshafteren Menschen in die Arme läuft. Die hässliche Realität, die Lux durchleuchtet ist nahezu unerträglich: sie zeigt, wie Kinder ohne Familie, Vormund und soziale Unterstützung ausgebeutet werden, beschreibt eine typische „Erziehung“ ahnungsloser Mädchen zwecks regelmäßiger Profitierung aus ihren als Ware gehandelten Körpern.


Zu Recht bereits vom Klappentext warnend als harter Tobak gekennzeichnet, besitzt dieser Roman allerdings eine unleugbare Sogwirkung: die inhaltliche Spannung, die Hoffnung für ein glückliches Ende für Samira sowie die Furcht vor immer schlimmer werdenden Umständen lassen diesen Roman nicht aus der Hand legen.


Lux hat ein erzählerisch intensives literarisches Mahnmal zum Thema Menschenhandel und Kindesmissbrauch, Kriminalität und Gewalt geschaffen. Die in „Kukolka“ festgehaltenen Geschichten über zerstörte Menschenleben spiegeln ungemütliche Wahrheiten, wie sie an beiden Handlungsorten des Romans – Berlin und Dnipropetrowsk – zu finden sind.

Naturalistisch angehaucht oder sachlich übertrieben ist – leider – kein Aspekt dieser Geschichte.

Für diejenigen, die an sozialen Brennpunkten interessiert sind und mit emotional intensiven Lektüreerlebnissen sowie den oben erwähnten Themen umgehen können, ist „Kukolka“ eine definitive Leseempfehlung.

Auf regelmäßiges Durchatmen während der Lektüre sollte man:frau sich dennoch einstellen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Kukolka
Autor:in: Lana Lux

375 Seiten | 12,00 € (Tb) (D)

Erscheinungsdatum: 12.04.2019
Verlag: Aufbau TB
ISBN: 978-3-7466-3539-2

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  1. Das hört sich aber eher wie eine sehr detaillierte Reportage als nach einer formalästhetischen Durchformung des Stoffes, also wie Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ – nicht, dass ich auch nur im Ansatz das als Kritikpunkt sage. Diese schockierenden Umstände verdienen es wieder und wieder debattiert zu werden, auf dass sie verhindert werden können. Ich werde mir dieses Buch mal ansehen. Vielen Dank für den Tipp!

    Gefällt 2 Personen

    • Schön wieder von Dir zu lesen, lieber Alexander! Ja, der Roman ist sicherlich Geschmackssache und mit der Bemerkung hast Du wahrscheinlich Recht – dennoch skizziert Lux eine aus mehreren Gründen authentische Perspektive zu einer Thematik, die entsetzlich aktuell ist und bleibt. Andererseits ist auch z.B. „Hundepark“ von Sofi Oksanen bezüglich der Thematik sehr empfehlenswert, in dem Roman sind ein tiefer reflektierter Ton sowie ein komplexer Umgang zu finden.
      Eine Geschichte aus der Kinderperspektive zu erzählen ist definitiv eine polarisierende Entscheidung – allerdings empfand ich es persönlich in dem Fall als gut gelungen.
      Lieben Gruß 🙂

      Gefällt 1 Person

      • Ich hab’s auf meine Leseliste gepackt. Dein Lesebericht war sehr überzeugend – und die Empfehlung von Sofi Oksanen „Hundepark“ interessiert mich auch. Mal sehen, wie sich meine Lektüre gestaltet. Du gibst immer sehr viele Anhaltspunkte, das macht deinen Blog und deine Rezensionen so spannend! Viele Grüße!

        Gefällt 1 Person

  2. Vielen Dank für diese Rezension.

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Trackbacks

  1. Wäre ich nach rechts gekommen… Alena Mornštajnová: „Hana“ – Literarische Abenteuer

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