Überhitzte Luftschlösser. Hanya Yanagihara: „Zum Paradies“

US-Amerikanische Autorin und Journalistin Hanya Yanagihara verursachte bereits mit ihrem zweiten Roman „Ein wenig Leben“ polarisierende diskursive Wellen im Lesepublikum weltweit. Der Roman wurde und blieb ein globaler Bestseller.

Inwiefern setzt die Autorin ihren Ritt auf dieser Welle bewusst fort – und warum ist Yanagiharas neuer Roman „Zum Paradies“ aus meiner Sicht misslungen?


© Ullstein Buchverlage

Hanya Yanagiharas neuester Roman „Zum Paradies“ ist gestern, am 11. Januar 2022, weltweit erschienen.

Ein Event ohnegleichen sollte die Veröffentlichung werden:

die Parallelveröffentlichung wurde viele Monate vorher verkündet; ausgewählte Blogger:innen und Bookstagrammer:innen erhielten die Möglichkeit, das Buch bereits im Oktober vorab zu lesen.

Angesichts der Tatsache, dass es sich bei diesem Roman um einen neunhundertseitigen Wälzer handelt, eine schlaue Entscheidung – so konnte sich der Verlag zumindest sicher sein, dass genügend Empfänger:innen den Roman auch rechtzeitig besprechen können und werden.

Der Hype war enorm. Die erwartete Begeisterungswelle ist jedoch ausgeblieben.

„Zum Paradies“ hat auf Bookstagram eine recht kunterbunte Rezeption erhalten; vom Feuilleton wurde die Einstufung als literarische Paria geradezu einstimmig beschlossen.

Warum denn nun dieser lauwarme Empfang? Welches Publikum könnte dennoch von diesem Buch angesprochen werden? Und worum geht es eigentlich?


Um dem Umfang des Romans gerecht zu werden, gehe ich auf jeden der drei Teile zunächst im Einzelnen, danach vergleichend ein. Keine Sorge: auch diese Besprechung wird trotz ihrer Länge ohne inhaltliche Spoiler bleiben.

Die Prämisse

Hanya Yanagihara formuliert mit „Zum Paradies“ den Anspruch für ein generationenübergreifendes amerikanisches Experiment. Der Roman ist eine Kombination aus drei ineinander verwobenen Familiengeschichten, die wiederum mit diversen Liebesgeschichten verknüpft werden, die in aufeinanderfolgenden Jahrhunderten und divergierenden Realitätsentwürfen spielen.

Die Handlung wird zunächst ins Jahr 1893, danach ins Jahr 1993 und zuletzt ins Jahr 2093 verlegt. Die drei Protagonisten entstammen der gleichen Familie und bewohnen in variierten Konstellationen das gleiche Haus am Washington Square.


In teils klitzekleinen, teils überaus offensichtlichen Anspielungen treffen die Geschichten, die Kernfamilien; wiederkehrende, identische Figurenkonstellationen aufeinander. In den respektiven Gesellschaftsmodellen werden trotz zeitlicher Distanz thematische Berührungspunkte erkennbar.

Auch kompositorisch und stilistisch sind einige Entscheidungen getroffen worden, um die drei Teile als gewollt verknüpft, thematisch kohärent und als wirkungsstarke Einheit wirken zu lassen.

Meines Erachtens reichen diese Bemühungen schlussendlich allerdings nicht aus.

Buch I: Washington Square

„Zum Paradies“ beginnt mit der Ehrfurcht erweckenden Buddenbrook’schen Beschreibung der wohlhabenden und einflussreichen Familie Bingham, die sich gerade am familiären Abendtisch zusammenfindet. Die Handlung wird aus der Sicht von David Bingham geschildert, der auf Wunsch seines Großvaters eine arrangierte Ehe eingehen soll und wie gewohnt in tiefgründigen Gedankengängen über sein beruflichen und privaten Lebens sinniert.


er würde betrunken und wild und hoffnungslos sein,
und sein Leben würde herunterbrennen,
ohne dass irgendjemand sich etwas für ihn erträumte,
nicht einmal er selbst.“(273)


Als der pflichtbewusste, familienorientierte Protagonist der Naivität seines unerfahrenen Herzen zum Opfer – und zum Rebellen wird, fiebert man als Lesende:r mit ihm, ärgert sich über sein ungünstiges Schicksal, möchte wissen, ob er noch die richtige Entscheidung trifft, freut sich über die Alterierungen der historischen Konventionen der Zeit…

Und schon ist der erste Teil vorbei, ehe man sich fertig geärgert hat, dass eine vielversprechende Exposition so unerwartet in emotional überladenem Kitsch ausgeartet war.

Buch II: Lipo-wao-nahele

In Teil II des Romans macht Yanagihara einen zeitlichen, räumlichen und tonalen Sprung. Innerhalb dieses Buchs findet eine zusätzliche Teilung statt: in der Exposition finden Lesende sich in New York wieder; in Teil II von Buch II – hier rollte ich zum zweiten Mal die Augen – wird in Form von Briefen das Leben des Vaters des zweiten Protagonisten auf den Hawaii-Inseln geschildert.

Yanagiharas Vater ist gebürtiger Hawaiianer japanischer Abstammung, die Autorin ist selbst in Hawaii aufgewachsen. Ihr Debüt „Das Volk der Bäume“ (dt. im Hanser Verlag, 2019) thematisierte die Autorin bereits – obgleich auf allegorische Art und Weise – die kulturelle und wirtschaftliche Ausbeutung der Inseln (obwohl es auf faktischer Ebene und vorrangig um den Fall Gajdusek ging).


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Hyperrealistische und emotional in Superlativen gesteigerte Erzählwelten porträtierte Yanagihara bereits in ihrem zweiten Roman, dem Weltbestseller „Ein wenig Leben“ – in eigenen Worten wollte sie gezielt mit allem ein bisschen übertreiben.

Im Geiste stilistischer Ansprüche oder diskursiver Betonungen können Übertreibungen zweifelsohne als wirksame rhetorische Mittel fungieren. Allerdings muss irgendwann auch eine Grenze zwischen erfolgreicher Manipulation und überhitzter Dilettantismus gezogen werden.


In Buch II verlässt der Roman seinen im ersten Buch angeschlagenen lieblich-süffigen Anklang und versucht sich zunächst an einer Kurzfassung von „Ein wenig Leben“, die in ihrer Knappheit kaum Sogwirkung hat; wendet sich danach zu mythologisierten Naturwelten, indem die politische Situation in Hawaii dargestellt wird, und versucht sich an einer Darstellung indigener Subversion.


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Yanagiharas eigene Herkunft und kulturelles Familienerbe (südkoreanisch-japanisch-hawaiisch-US-amerikanisch) sind hochgradig faszinierend. Dass sie erneut über die konfliktreichen und zu Recht zu kritisierenden Beziehungen zwischen US-Amerika und den Hawaii-Inseln schreiben und forschen möchte, wäre eine interessante Prämisse an sich; ohne den Liebesroman in Teil I und der dystopischen Zukunftsvision in Buch III überhaupt berücksichtigen zu müssen.

Warum versteckt die Autorin diese faszinierenden kulturhistorischen Fakten über die Hawaiische Unabhängigkeitsbewegung und lässt die Kaulana Nā Pua kommentarlos stehen?

Mutet Hanya Yanagihara ihren Leser:innen nicht zu, zwischen den Zeilen lesen zu können – oder werden hier ausschließlich geheime Botschaften vermittelt?


„Er hatte sich […] durch dieses Jahrzehnt treiben lassen […]
mit der kühlen Distanziertheit eines Schlafwandlers […] –
aufzuwachen hätte bedeutet, von all dem
überwältigt zu werden, was er gesehen und erduldet hatte.“
(282)


Gerade Buch zwei hätte dieses ohnehin ambitionierte Projekt – zumindest an dieser Stelle betrachtet – gerne entbehren können. Beide Teile erinnern nämlich jeweils an blasse Imitate von Yanagiharas ersten zwei Romanen.

Insofern wäre Nichtkenner:innen die Lektüre dieser zwei Romane gut empfohlen; Kenner:innen seien vor einer Enttäuschung gewarnt.

Kann Buch III das Durcheinander ordnen, retten und mit Sinn beladen?

Buch III: Zone Acht

Buch III versteht sich glücklicherweise bereits selbst als in vielerlei Hinsicht typische dystopische Zukunftsvision; geschildert in zeitlichem Wechsel zwischen 2094 und einer chronologischen Skizze der fünfzig Jahre zuvor.

In puncto Originalität schneidet das letzte Buch sowohl inhaltlich als auch kompositorisch am besten ab: es wird ein dynamischer Wechsel dargestellt, zwischen der Ich-Perspektive einer Genesenen, deren Schicksal zum Klimax der Geschichte wird; und den Briefen ihres Großvaters an seinen besten Freund, die die Zeit vor ihrer Krankheit aus der Perspektive eines Wissenschaftlers beschreiben.

Nebenbei löst sich zwischen den Zeilen übrigens auch das offene Ende von Buch I. Man möge nur aufmerksam schmökern.


Innerhalb der Beschreibungen und darin eingebetteten Reflexionen fällt eine prekäre sowie eine hochinteressante Facette der Geschichte auf.

Der übergreifende, für Diskussion und Dialog taugende Aspekt des Romans streckt sich nämlich zwischen Utopie und Dystopie: der Traum einer freien, freiheitlichen Existenz erscheint in jedem (US-)Amerikanischen Gesellschaftsmodell, welches Yanagihara beschreibt, unmöglich, unrealistisch und unvorstellbar zu sein. Die Teile stellen eine schrittweise gesellschaftskritische Desillusionierung dar, wenn man sehr optimistisch interpretiert.


Diese (fast) subtile Subversion würde einen nahrhaften Reflexionsboden bieten, wenn die Figuren nicht unter der Prämisse ihrer angeblichen Familiengeschichte, die so oberflächlich wie möglich realisiert worden ist (ein Haus, eine sich wiederholende Familiendynamik und die gleichen Namen) an einer allgemeinen Klischeehaftigkeit leiden würden.

Weder ihre Hautfarbe noch ihre sexuelle Orientierung noch ihr kulturelles Erbe hängt auf eine reflektierte, nuancierte Art und Weise mit ihrem Charakter zusammen oder motiviert ihre Taten oder Gedanken, die gegen Ende auch dieses Buchs mit Klischees belastet werden.


Für jeden dieser Bücher gäbe es bessere literarische Entwürfe zu nennen.

Vorrangig, um mich zu wiederholen, aus Hanya Yanagiharas eigener Feder.

Auch stilistisch ist in keinem der drei Teile Besonderes hervorzuheben: das Geschriebene mag leicht lesbar sein und auf die angenehme Art eines Liebesromans oder Briefromans von statten gehen – allerdings führt eine genauere Betrachtung von Satzbau, Wortwahl und fehlender reflexiver Tiefsinnigkeit nur tiefer in neue Sphären der Verärgerung.


Wurden sie in dieser Welt noch immer zusammen sein,
in der es keinen Grund gab, sich aus Angst
aneinanderzuklammern […]?(312)


Wenn Yanagihara eine finstere Dystopie entwerfen möchte – was ihr auf S. 678, 681, 731 oder 803 durchaus gelingt – und über brennende Themen wie Widerstand, Bewahrung marginalisierter Gruppen, Menschenrechte oder die kulturhistorischen Konflikte zwischen Hawaii und den Vereinigten Staaten schreiben möchte, besteht nicht die Notwendigkeit, Leser:innen zunächst mit einer schüchtern auf Seidenpapier gemalten Liebesgeschichte in Buch I irrezuführen.


Die kreative Option, eine sinnliche Symbiose von Buddenbrooks und Brokeback Mountain in Orwellianische Visionen Münden zu lassen möchte ich einer talentierten Autorin nicht absprechen.

Doch bedarf es für eine gelungene Umsetzung solcher Ambitionen durchdachtere Zusammenhänge als ein Haus, ein Name und ein Familienmythos. Oder eine raffiniertere Realisierung des theoretischen Potentials der genannten Aspekte.


So schade! Dann doch lieber die bisherigen, äußerst interessanten Romane der Autorin neu lesen.

Wenn Du Interesse an einer ausführlichen, dennoch spoilerfreien Videobesprechung der Hauptthemen, kompositorischen Probleme und inhaltlicher Diskrepanzen dieses Buchs hast, findest du ein Video zum Roman auf meinem YouTube-Kanal. Ich freue mich, wenn du dem Kanal ein Abo schenkst!

Eine weitere fundierte und ausführliche Besprechung findest Du bei Maline:

Zum Greifen nah und doch unendlich weit entfernt

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Zum Paradies
Autor:in: Hanya Yanagihara
Übs.:in: Stephan Kleiner

896 Seiten | 30,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 11.01.2022
Verlag: Claassen
ISBN: 9-783-546-1005-19

Zum Paradies – oder ein Buch Deiner Wahl – über meine Links* bestellen und kostenlos diesen Blog unterstützen: 
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Mehr literarische Abenteuer:

Ein analytisches Gruselkabinett. Carmen Maria Machado: „Das Archiv der Träume“
Idyllische Brutalität: zwischen Gerstenacker und Großstadt. Nataša Kramberger: „Verfluchte Misteln“

Lesen | hören | verknüpfen:    Sandra Falke im Netz
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  1. Bisher habe ich noch keins ihrer vorherigen Bücher gelesen, und auch dieses spricht mich nicht wirklich an.
    Ganz anders jedoch: deine Rezension.
    Du schaffst es immer so wunderbar, die Brücken zwischen Inhalt, Aufbau, Struktur, Hintergrund und Autorenwissen zu schlagen. Das ist einfach nur spannend zu lesen. Danke für deine Rezension!

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich werde das Buch nach deiner Rezension nicht lesen. Ich bin durchaus für lange Bücher zu haben, aber sie sollten nicht einfach drei Bücher aneinandergeheftet sein. Oft habe ich im übrigen das Gefühl, dass es diesen Fetisch vom langen Buch gibt, auf dass Narrative ausgewalzt werden, die die Länge gar nicht tragen. Das trifft sogar auf Autoren wie Franz Werfel beispielsweise in „Stern der Ungeborenen“ zu, das ebenfalls eine Dystopie entwirft. Nichtsdestotrotz hast du schöne Werbung für ihre früheren Bücher gemacht. Vielleicht schaue ich in „Ein wenig Leben“ hinein. Viele Grüße.

    Gefällt 1 Person

    • Es freut mich, Dir mit meiner Rezension ein bisschen Lebenszeit gespart zu haben 😉 Ja, die Autorin gefällt mir eigentlich sehr gut, weswegen ich es so ärgerlich fand, an diesem Roman so viele Schwachstellen zu finden. Ambitionierte Konzepte und dicke Bücher sind mir lieb und lese ich gerne – allerdings finde ich es wichtig, auch Lieblingsautoren stets mit einem kritischen Auge zu begegnen. „Ein wenig Leben“ kann ich weiterhin wärmstens empfehlen, insofern die Thematik von Interesse ist. Es muss dennoch vorab gesagt sein, dass es sich um einen emotional sehr intensiven Roman handelt.
      Ein schönes Wochenende wünsche ich Dir, lieber Alexander!

      Gefällt 1 Person

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