CSI: Paris. Michel Houellebecq: „Vernichten“

Der französische Autor Michel Houellebecq wurde bereits zur Veröffentlichung seines ersten Romans, „Ausweitung der Kampfzone“, als radikal, kontrovers und polarisierend beschrieben. Mit sechs weiteren Romanen festigte sich dieser Ruf nurmehr. Houellebecq genießt einen Status zwischen Kultautor und Hassfigur.

Was hat der neue Roman „Vernichten“ mit seinem direkten Vorgänger gemeinsam – und warum gilt das neue Buch für Fans zugleich als Vervollkommnung und Enttäuschung?


© DuMont

Um den Autor Michel Houellebecq zu beschreiben, können die Adjektive kontrovers, polarisierend und radikal ohne Bedenken genutzt werden: unter seinen Romanen hat es keinen einzigen gegeben, der nicht empört, schockiert und für Diskussionen gesorgt hat – der eine mehr, der andere weniger.

Mit gleichem Nachdruck ist Houellebecq als absoluter Kultautor zu kennzeichnen: seine gesellschaftskritischen Theorien, Ideen und Auslegungen haben einen Scharfsinn ohnegleichen – ihm wird eine prophetische Aura zugesprochen.

Wie sollte sich man diesen Romanen also nähern – nach Misogyne und Rassismus oder Brillanz und Meisterhaftigkeit Ausschau haltend?


Das Gesamtwerk betrachtend steht zunächst fest, dass selten so klare Phasen eines zeitgenössischen Autors auffallen wie bei Houellebecq. Sein Protagonist altert; wächst; wechselt ab und zu die Branche – und reift dabei.

Wo beispielsweise in „Plattform“ äußerst scharfsinnige kulturpessimistische, gesellschaftskritische Vergleiche zwischen asiatischen und westlichen Strukturen vorgenommen werden, müssen diese bei einer genauen Lektüre von den eher obszönen sexuellen Szenen extrahiert werden.


Als Kenner:in könnte man behaupten, Houellebecqs scheinbar filter- und anstandslose Art die Realität darzustellen beinhalte genau diejenigen Filter, die nur einem Publikum mit Scharfblick den Zugang zum eigentlichen Kern der Werke gewähren.

Kontextualisiert bieten die neueren Romane „Serotonin“ und „Vernichten“ ein wesentlich nutzerfreundlicheres Erzähluniversum.

Eine gewisse Faszination mit emotionaler und körperlicher Unterwerfung – und Geschlechtsverkehr – wohnen auch diesen Romanen inne – doch liegen sowohl die thematischen Schwerpunkte als auch die Figurendynamiken diesmal anders, zum Teil gar verkehrt rum.


„Vernichten“ beginnt Unheil, Angst und Panik versprechend. Kurz vor den französischen Präsidentschaftswahlen in 2027 taucht im Netz ein Video auf, in welchem der amtierende Wirtschafts- und Finanzminister Bruno Juge guillotiniert wird.

Obwohl es sich in diesem Fall um ein Deepfake handelt, folgen mehrere sehr echte Terroranschläge. Der Protagonist Paul Raison arbeitet als Spitzenbeamter für den Minister und wird an der Ermittlung beteiligt; unter anderem aufgrund der Position seines Vaters als ehemaliger Geheimagent genießt Paul Verbindungen, die seine Situation begünstigen und dem Kampf gegen die Terroristen beitragen können.

Im Kontrast zur Position an der Spitze seiner Karriere führt Paul ein minimalistisches, lethargisches, alibidinöses Privatleben in der ihm zugeordneten Hälfte der Ehewohnung.


Manchmal beendete er den Tag mit Tierdokumentationen;
das Masturbieren hatte er vollständig aufgegeben.“(86)


Als Pauls Vater einen Hirnschlag erleidet, zwingt ihn dies zur Konfrontation und Kooperation mit seinen Geschwistern, deren Beziehungen zu ihm zum Teil als liebevoll, zum Teil als vernichtend zu beschreiben sind.


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Obwohl Houellebecq sich wie gewohnt mit diversen aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigt und die politischen Fronten im 2026er Frankreich, die strategischen Spielchen des Präsidenten und die Theorien zur Ermittlung möglicher Täter hinter den terroristischen Anschlägen aufzeigt und – zum Teil – ausarbeitet, ist „Vernichten“ vorrangig eine Auseinandersetzung mit dem Tod.

Ohne den Inhalt und Ausgang der Geschichte zu spoilern: Zahlreiche Mitglieder von Pauls Familie und erweiterter Familie werden auf der einen oder anderen Art und Weise mit tödlichen Krankheiten, Unfällen oder anderen Formen der eigenen Sterblichkeit konfrontiert.

Einige Reaktionen auf diese Ereignisse hinterlassen zum Ende von „Vernichten“ einen faden Geschmack.


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Im Sinne einer auf Kausalitäten und Leitthemen basierenden Gesamtinterpretation des Erzählwerks überrascht diese Lethargie nicht. Verwunderlich sind eher die Wiederkehr belebender Impulse sowie die Renaissance der Liebe.

Sanft und seicht fallen die – durchaus amüsanten – Bemerkungen zu religiösen Ideen aus, obwohl eine kritische Gesinnung unverwechselbar durchscheint:


Gott kommunizierte sehr schlecht, ein solches Maß
an Dilettantismus wäre in einem professionellen Umfeld
nicht zulässig gewesen.“(134)


Jedoch fokussiert die Geschichte allzu sehr auf die Familiendynamik. Die einzelnen Geschwisterfiguren sind vielfältig konstruiert, realistisch gestaltet und interessant realisiert – allerdings ist das ja wohl das Mindeste, was man von Houellebecq erwarten kann.


Er mochte die Atmosphäre, die Schwingungen des Hasses […] zudem dämpfte
der Alkohol seine starken Zahnschmerzen ein wenig.(196)


Als Novitäten sind eine optimistische Positionierung gegenüber der Institution der Ehe sowie selbstständige, interessante, facettierte weibliche Figuren hervorzuheben, die den Protagonisten auf einer psychologischen Ebene ergänzen und Pauls religions- und gesellschaftskritische Beobachtungen mit alternierenden Facetten ausschmücken.


Die Crux des Romans ist sein Verzicht auf eine kritisch angesetzte oder aussagestarke Kulmination. Interpretativ können eine Resignation vor dem ständig lauernden Terror sowie eine Resignation vor der maximalen Ausnutzung der eigenen Lebenszeit vorgeworfen werden.

Somit wird „Vernichten“ eben vergleichsweise zum Spätwerk, ja zum Alterszeugnis des Autors.

Paul ist daher – ganz im Geiste der Neo-Menschen aus „Die Möglichkeit einer Insel“ – als „Protagonist25“ zu betrachten (von der Typenbezeichnung „Michel“ sehe ich ab) – nur dass dieser anscheinend zur Liebe fähig ist. Ob ihm dies als fatale Schwäche oder als lebensrettende Entscheidung anzurechnen ist, bleibt interpretationsoffen.


Die Position des Höhepunkts ist bereits besetzt.

Jedoch könnte „Vernichten“ durchaus als das perfekte Ende in Houellebecqs Gesamtwerk gelten.1

1 – insofern Seite 619 richtig interpretiert wurde.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Vernichten
Autor:in: Michel Houellebecq
Übs.:in: Stephan Kleiner, Bernd Wilczek

624 Seiten | 28,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 11.01.2022
Verlag: DuMont
ISBN: 978-3-8321-8193-2

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  1. Ich bin immer wieder erstaunt, dass ich scheinbar zu den wenigen gehöre, die sich an dem völlig offenen Plot stören. Beispielsweise was es mit den Pixel und Bildern und diesen Attentaten auf sich hat, wie der Fall vom Vater aufgelöst wird. Ich hatte am Ende sehr viele Fragen und war verblüfft, wie Houellebecq einfach irgendwann aufgehört hat, die verschiedenen Geschichtsstränge zusammenzubinden. Am Ende gab es nur noch Paul Raison und Prudence – mich überkam das Gefühl, er hatte am Ende keine Lust mehr, den Roman zu Ende zu schreiben. Würdest du wirklich die anderen Romane empfehlen? Ich habe nur „Elementarteilchen“ und „Ausweitung …“ gelesen.

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    • Ich war im Moment als ich die Lektüre abschloss, auch erstmal enttäuscht und verwirrt, Deine Kritik in Anbetracht des Romans als alleinstehendes Buch kann ich hundertprozentig nachvollziehen. Wenn man allerdings weitere Werke kennt, zeichnen sich viele Berührungspunkte aus – eine kurze Grübelei ergab bei mir recht schnell die oben (im Beitrag) aufgezählten Zusammenhänge. Ohne Berücksichtigung auf Spoilern wäre da noch viel mehr zu berichten.
      Ich persönlich empfinde Houellebecq als eine authentische Ausnahmeperson, deren Gesamtwerk am Ende einen Sinn ergibt. Lustig aber wahr, ich musste an Hermann Hesse denken.
      Wenn man jetzt noch „Plattform“ und „Serotonin“ gelesen hat (bitte in dieser Reihenfolge!), macht meine Besprechung bereits mehr Sinn. 🙂

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      • Ich muss wegen Hermann Hesse einfach nachfragen. Die Seitenbemerkung ist hängengeblieben. Hermann Hesse? Welcher? Der des Siddharta, des Glasperlenspieles, oder vom Steppenwolf, oder gar Unterm Rad? Ich denke, Authentizität kann man Houellebecq nicht absprechen, aber sie scheint mir in einer ziemlichen Rohform auf Gestaltung zu darben. Aber wenn du so sehr eine Lanze für ihn brichst, schaue ich mir „Plattform“ und „Serotonin“ mal an. Hast du dazu etwas geschrieben – ich finde den Stil einfach schnottrig, aber lasse mich ja gerne überzeugen (oder begeistern) 🙂

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      • „Serotonin“ hatte ich hier auch besprochen, die restlichen Lektüren haben noch zu Zeiten meines estnischen Buchblogs stattgefunden.
        Ich meine die Parallele zu Hesse hinsichtlich der thematischen Zusammenhänge, dass seine Protagonisten aus der Perspektive des erzählerischen Gesamtwerks sehr klar, stark, kohärent und aufeinander bauend eins werden – von „Unterm Rad“ bis hin zum „Glasperlenspiel“ – jedoch merkt man dies erst nach „Narziß und Goldmund“, „Siddhartha“, „Steppenwolf“ und „Glasperlenspiel“.
        Ja, Houellebecq ist z.T. sehr obszön und vulgär. Stilistisch ist er für mich eine Kombi von z.B. Grass und Jelinek. Dahingehend ist sein Frühwerk definitiv nicht für jede:n Leser:in gut und passend. Und das ist auch OK so. 🙂

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