Rattengift und Rosenduft. Orhan Pamuk: „Die Nächte der Pest“

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk erhielt 2006 als erster türkischer Autor den Nobelpreis für Literatur. Seine Werke gelten als Fusion von Orient und Okzident; Pamuk vermischt orientalisch-traditionelle Elemente mit dem des modernen europäischen Romans.

Welche Nuancen aus dem historischen Osmanischen Reich behandelt Pamuk im neuen Roman „Die Nächte der Pest“ – und warum besitzt die im Jahr 1901 spielende Geschichte eine enorme Relevanz für unsere Zeit?


© Hanser Literaturverlage

Aus der Feder von Orhan Pamuk sind bisher elf Romane und zahlreiche Essays entstanden.

Möchte man Pamuks Werk mit einer knappen Charakterisierung umfassen, kämen „gehaltvoll“, „gemessen“ und „durchdacht“ als passende Adjektive in Frage.

Seine Geschichten spielen im historischen Osmanischen Reich oder in der zeitgenössischen Türkei, umfassen in den meisten Fällen mindestens fünfhundert Seiten und behandeln komplexe, die türkische und europäische Geschichte prägende historische oder zeitgenössische Ereignisse, Prozesse und Wechselwirkungen aus diversen Perspektiven.

Pamuks Protagonist:innen ist stets eine innere Zerrissenheit eigen: sie schwanken fortwährend zwischen familiärem und individuellem Glück, politischen Allianzen, moralischen Entscheidungen mit persönlichem und gemeinschaftlichem Nachhall; progressiven und konventionellen Pfaden.

Der neue Roman „Die nächste der Pest“ schließt sich der Tradition gespalteter Welten nicht nur auf Figurenebene an. Auf der fiktiven, paradiesischen Mittelmeerinsel Minger sind sowohl religiöse, kulturelle als auch ideologische Spaltungen Teil des Alltags.


Die Geschichte beginnt mit einem ersten Blick auf die paradiesische Insel, „die Perle des östlichen Mittelmeers“ (11), die für ihre Rosen und Architektur bekannt ist und von ihren Bewohner:innen geliebt und geschätzt wird.

Einleitend ergänzt die Erzählerin, die Urenkelin der Romanprotagonistin, die Geschichte sei „sowohl ein historischer Roman als auch ein Geschichtsbuch in Romanform.“ (11)

Allerdings begeben sich die Protagonist:innen, Prinzessin Pakize (Pakize Sultan) und ihr Ehemann, Quarantänearzt Dr. Nuri (Damat Doktor Nuri) auf die Insel Minger, um Gerüchten eines Pestausbruchs auf den Grund zu gehen.


Erste Eindrücke und malerische Landschaftsbilder werden rasch durch fatale Begegnungen und kaltblütige Morde ausgetauscht – denn die Insel Minger hegt für Vertreter der Wissenschaft nicht so warme Gefühle, wie für Sultanstöchter und Generäle:


Zwei Stockwerke unter dem Tisch, an dem Pakize Sultan
ihren ersten Brief schrieb, wurde in einem Lagerraum […]
der Leichnam [spoiler]s aufbewahrt.“(102)


Mehrere zu Beginn der Handlung als zentral positionierte Figuren fallen einem Komplott zum Opfer und leiden grausame Tode. Des Weiteren breitet die Pest sich auf der Insel aus und diverse Instanzen tätigen Versuche, eine Quarantäne auszurufen und Hygienemaßnahmen einzuführen, um die Krankheit zu bändigen.

Es folgt ein detaillierter Bericht über die Versuche, diverse Formen der Quarantäne einzuführen, politische Kleinkrämerei, andauernde Änderungen auf der Führungsebene – und plötzlich eine Zäsur, die die ideologische und außenpolitische Ausrichtung der gesamten Insel revolutionieren soll.


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Ohne viel über den Ausgang und den Inhalt der Geschichte verraten zu wollen, steht bereits an dieser Stelle fest, dass rezeptionsästhetisch zwei Parteien entstehen werden.

Alteingesessene Pamuk-Fans dürften dieses überlegt-langsame Erzähltempo mit vielen kleinen Teilchen genießen und schätzen. Die Erzählerin webt des Öfteren geschichtsphilosophische Perlen in ihren sonst so bunten Stoff, sodass der Handlung selbst zu folgen überfordernd, die allegorischen und reflexiven Ebenen an sich zu analysieren jedoch in gleichem Maße bereichernd wäre.

Wer dem Autor zum ersten Mal begegnet, benötigt einiges an Resilienz, um durch die knapp siebenhundert Seiten des neuen Romans zu kommen.


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In kritischer Betrachtung scheint Pamuk sich selbst ein Bein zu stellen, wenn potentielle Spannung immer wieder zugunsten einer weiteren Figureneinführung oder Ausdehnung des Nebensächlichen erstickt wird.

Die Morde werden für eine längere Zeit vergessen; Sympathie tragende Hauptfiguren sterben plötzlich; die gesamte Handlung verläuft zwar kohärent und linear ihrem Ende entgegen – jedoch werden keine klimaktischen Punkte sichtbar, anhand derer man den Handlungsverlauf strukturieren und Spannungskurven wahrnehmen könnte.


Nur wenn die Insel selbst als Protagonist angesehen wird, kann von einer mit Spannung gefüllten Erzählung gesprochen werden, denn eine Darstellung der sich immer verändernden, gegen Zerstörung und Tod kämpfenden tapferen Insel mit ihren Gebäuden, Rosen, Straßen, Ausblicken und Bewohner:innen – meist durch Prinzessin Pakizes Augen – ist Pamuk durchgehend gut gelungen.


Jeder Quarantänearzt wusste sehr genau, dass [spoiler]
damals ermordet worden war,
doch wenn sie sich die Geschichte erzählten,
lächelten sie einander gequält an,
als könne [spoiler] jederzeit
um die nächste Ecke kommen.“(116)


Erstaunlich und faszinierend ist es zu beobachten, wie viel Quarantänetechnisches und Pandemie-Alltägliches eins zu eins mit der aktuellen Pandemie zu vergleichen ist. Von der wissenschaftlichen Kontextualisierung abgesehen gleichen menschliche Reaktionen auf Quarantäne, Ausgangssperre, Abstand, Verbot religiöser Rituale etc. einander sehr.

Da Pamuk das fertige Manuskript nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie in großen Teilen umschrieb (kuriert.at), wird niemand je erfahren, inwiefern die endgültigen inhaltlichen Entscheidungen mit der präpandemischen Skizze übereinstimmen.


Es ist durchaus plausibel, dass Erscheinungen wie Propaganda von opponierenden Parteien, sich rascher als die Pestbeulen bemerkbar machende Verschwörungstheorien und ein allgemeiner Medienzirkus im Roman dennoch einen vergleichbaren Raum eingenommen hätten.

Die gesellschaftskritische (genauer: islamkritische) Besinnung des Romans wäre auch ohne pandemischen Fokus nicht zu übersehen gewesen: religiöser Fanatismus führt zur Skepsis gegenüber der Wissenschaft; die Morde sind entsprechend motiviert; die Quarantäneärzte selbst sollen die Pest auf die Insel eingeschleppt haben, während Prinzessin Pakize Kranke mit einem wohlwollenden Lächeln heilen könne.

Diese gehaltvolle Perspektive mit Scharfblick auf eine weitere gespaltene Welt kann auch hinsichtlich Pamuks Gesamtwerk vielerlei interpretiert werden.


Dennoch verbleibt der Gedanke an die eingeführten Änderungen – insbesondere die Logik hinter Pamuks Entscheidung, einen potentiell spannenden, blutigen, allegorisch-/fiktiv-historischen Roman in eine soziopsychologische Studie umzufunktionieren. Aus meiner Sicht hat der Roman unter diesem Zuschnitt eher gelitten als davon zu profitieren.

Andererseits liegt das Originalmanuskript auch auf diesem Schreibtisch nicht vor. Wir können also ausschließlich reine Spekulationen vornehmen.



Summiert ist „Die Nächte der Pest“ zumindest aus meiner Sicht ein klassischer Pamuk-Roman, der Kenner:innen und politisch-historisch Interessierte mit gehaltvollen Reflexionen und Gesellschaftskritik unterhalten und zum Nachdenken bringen wird.

Dennoch würde ich denjenigen, die an dieser Stelle in das Erzählwerk von Orhan Pamuk einsteigen möchten, einen weniger langatmigen Roman empfehlen.

Hier geht’s zur Leseprobe.

Bibliografie:

Titel: Die Nächte der Pest
Autor:in: Orhan Pamuk
Übs.:in: Gerhard Meier

696 Seiten | 30,00 € (D)

Erscheinungsdatum: 14.02.2022
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-27084-8

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  1. Werden Pamuks Romane eigentlich auch mit Anmerkungen veröffentlicht? Nach deinem Hinweis auf philosophische Einflechtungen könnte ich mir das als Erleichterung der Lektüre vorstellen. Welchen seiner Romane empfiehlst du zum Einstieg?
    Beste Grüße, Jana

    Gefällt 1 Person

  2. Als Kontrast/Ergänzung kann ich den Roman von Steffen Kopetzky „Monschau“ (Berlin 2021) empfehlen. Handelt vom Ausbruch der Pocken in der Eifelstadt Monschau im Jahr 1962 – ein realer Fall.
    Alles, was aktuell bei Covid auftrat, lässt sich hier wiederfinden: Verschwörungsmythen, Abwiegeln der Behörden usw.

    Gefällt 2 Personen

    • Faszinierend, wie diese Thematik immer wieder auftaucht und nichts neues mit sich bringt – pessimistische oder humanistische Grundposition hin oder her. Meinerseits bin ich mit einem Pestroman jährlich satt. Notiere mit aber den Titel gerne, herzlichen Dank!

      Gefällt mir

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